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Verena Küttel: Vom politischen Lärm in die heilende Stille

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Im Hintergrund blinkt die Sturmwarnung und vor der föhnnahen Bergkette ragen die Türme der Hofkirche himmelwärts.  Verständlich, dass Verena Küttel-Schürch „örtlich nie vom Fleck gekommen“ ist, wie sie ironisch kommentiert, um gleich ernsthaft anzufügen: „Vielleicht ist das hier mein Brennpunkt.“ Im Haus an der Luzerner Bergstrasse 19  ist sie mit drei älteren Brüdern zusammen aufgewachsen. Der Vater war Kantonsbaumeister, die Mutter Hausfrau – eine gutbürgerliche Nachkriegsfamilie: „Geld war nie ein Thema. Wir hatten nie zu viel und nie zu wenig.“ Eine privilegierte Kindheit also. Zum Privileg gehörte auch, dass der Vater die Tochter schon früh förderte und sie zum Studium ermunterte, aber auch, dass er sie immer schon um ihre Meinung fragte, wenn am Tisch mit den Brüdern diskutiert wurde. „Schon damals erfuhr ich die Lust am Debattieren und daran, eigene Meinungen zu vertreten. Sonst wäre ich ein Huscheli geworden.“ Das wollte sie zeitlebens definitiv nicht. Von der Mutter, die sich freiwillig um sozial Benachteiligte kümmerte, lernte sie, dass Privilegien auch Pflichten gegenüber Schwächeren bedeuteten.

Am Anfang war ein Leserbrief

Sie besuchte das Lehrerinnenseminar, studierte Seklehrerin und unterrichtete anschliessend zwei Jahre Oberstufenschülerinnen und -schüler. Bei einer Stellvertretung in Weggis lernte sie ihren späteren Mann Hannes näher kennen, ebenfalls Oberstufenlehrer.  Zwei Söhne kamen zur Welt, zehn Jahre lang blieb sie vorwiegend Hausfrau, besuchte abends am C.-G.-Jung-Institut in Zürich Vorlesungen in Kinderpsychologie. Die gutbürgerliche Herkunftslinie schien eine logische Fortsetzung zu finden. Dann passierte Tschernobyl.  Sie war verunsichert und wusste plötzlich nicht mehr, welche Lebensmittel für ihre Kinder unbedenklich waren.

Verena schrieb einen Leserbrief: Sie forderte von der Politik eine ökologisch verantwortungsvolle Politik. Sie weiss heute nicht mehr genau, was sie schrieb, aber offenbar entdeckten SP-Funktionäre  hier ein Polittalent: „Solche Frauen sollten in die Politik“, lautete eine schriftliche Reaktion auf den Leserbrief. "Und dann ging alles sehr schnell. Bei den nächsten Grossstadtratswahlen wurde ich auf Anhieb gewählt und bin zuerst gewaltig erschrocken.“   Doch mit ihrem gesunden Selbstvertrauen merkte sie rasch, „dass es geht“. In der Partei wurde sie als pragmatische Macherin geschätzt. „Eine ausgesprochene Feministin war ich nie.“ Die Empörungsgesten der radikalen Frauenbewegung waren ihr fremd: „Der Weg für uns Frauen war ja schon gepfadet. Wir mussten nur wollen.“ Sie wollte und wurde in einem nächsten Schritt in den damaligen Bürgerrat gewählt. Nach fünf Jahren trat sie nicht mehr an, ging nochmals ins Parlament. An der Politik störte sie zunehmend der „Lärm“, das Schreierische, aber auch, Projektionsfläche für alles Mögliche zu sein.

„Luege, was isch“

In der Zwischenzeit hatte sie eine Ausbildung in Supervision am Institut für angewandte Psychologie IAP in Zürich abgeschlossen. 18 Jahre lang arbeitete sie freiberuflich, löste Teamkonflikte, beriet Organisationen, vor allem im Sozialbereich. „Luege, was isch…“, war ihr Motto: „Wo liegen die Schwierigkeiten, was stimmt nicht, Spuren verfolgen, Fährten aufnehmen.“  Es machte ihr Spass, Hofnärrin zu spielen, als Aussenstehende genau hinzuschauen. „Oft habe ich diese Tätigkeit gar nicht als Arbeit empfunden.“  Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Musste sie eigentlich nie kämpfen, nie Rückschläge hinnehmen, nie Hindernisse überwinden? Sie lacht herzhaft, sagt, dass „etwas in mir auch schwierig tun kann“, dass ihr das aber bei Problemlösungen auch geholfen hat. „Es stimmt schon: Eigentlich war ich immer auf der Sonnenseite. Ich betrachte das auch als Geschenk.“

Heilen und beraten

Das vorläufig letzte Kapitel in Verena Küttels Leben ist das schwierigste -  zumindest für den Schreibenden. Vieles entzieht sich den gewohnten Formulierungen und gängigen Beschreibungen, spielt in einer Zone, wo das Sagbare missverstanden werden kann, wo Worte auch zu Schimpfwörtern werden können: Wenn von Heil und Heilen, göttlicher und universeller Energie und von Handauflegen gesprochen wird. Wenn Verena von nicht beschreibbaren Vernetzungen spricht, von diesem Bereich, der sich der Wahrnehmung und der Rationalität entzieht.

Angefangen hat dieses Kapitel vor ungefähr zehn Jahren mit der Lektüre von Büchern über den Sufismus, einer mystischen Bewegung im Islam. „Jedesmal, wenn ich darin das Wort Heilen las, habe ich anders geatmet.“ Auch hier nahm sie hartnäckig die Spur auf, las Bücher zum Thema Heilen und sie spürte, „dass hier eine Facette aufbricht, die leben will, dass ich ein Signal empfangen habe, das mein Leben bereichern sollte. Zudem hatte ich die Narrenfreiheit, mit 60 auf nichts mehr Rücksicht nehmen zu müssen und mich für diese neue Erfahrung zu öffnen.“ Sie besucht seither regelmässig in London Kurse und Weiterbildungen bei einem spirituellen Heiler und Medium in London. Unter einer eigenen Webseite bietet Verena Küttel Heilimpulse an. „Seit etwa drei Jahren bin ich jetzt in diesem Feld angekommen.“  Auch neben der Haustüre hängt ein Schild: Heilen und beraten. Sie gehört zudem zum Team der Handauflegenden in der Lukaskirche, die wöchentlich heilende Sitzungen und Beratungen anbieten.

Dem skeptischen und zweifelnden Blick des Interviewers begegnet sie mit der persönlichen Erfahrung: „Ich bin frischer und fröhlicher als vor zehn Jahren.“  Auch im Hinblick auf das Ende des irdischen Daseins ist sie gelassen: „Ich spüre in meiner Heilsarbeit jetzt schon wohltuenden Frieden.“ Im Tessin hat sie eine Casetta, ein kleines Haus, wo sie die Stille geniesst. Zuhause in Luzern mag sie Näharbeiten, schneidern und flicken: „Ein schöner Ausgleich“, sagt die 70jährige vierfache Grossmutter.  Zudem hat sie gemeinsam mit Hannes  jeden Montag Grosselterntag.

Die Aufklärung ist nicht das Ende

Wortspielereien zum Thema Heil und Heilen lockern das Gespräch auf, Verena lacht mit und beteuert, dass sie „nicht total darauf abfahre. Ich lasse immer auch Zweifel zu über meine Sicht der Dinge.“  Wichtig ist ihr zudem festzuhalten, dass ihre Arbeit als Heilerin nichts mit Finsternis oder dunklen Mächten zu tun hat. „Ich will konstruktive Energie weitergeben.“ Sieht sie Parallelen zwischen ihrer jetzigen Tätigkeit als Heilerin und derjenigen als Politikerin? „Ich denke, dass auch Oppositionspolitik versucht, das Unmögliche möglich zu machen.“  Sie ist der festen Überzeugung, dass es neben den notwendigen Fortschritten durch die Aufklärung noch ein grosses Feld an jetzt noch Unaufgeklärtem gibt, das kommende Epochen mitbestimmen wird.

Beim Verlassen der Wohnung will ich versehentlich treppauf gehen. Verena ruft mich lachend zurück: „Dort geht’s himmelwärts.“  Will ich noch nicht. Ich nehme die Treppe und dann den Lift hinunter zum sehr irdischen Löwenplatz. Der Föhn bläst noch immer.

15. Mai 2017