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Von Karin Winistörfer

Es war eher ein Zufall, dass ich vor 15 Jahren meine Heimatregion Biel verliess und für meine erste feste Stelle nach Luzern emigrierte. Keine grosse Sache, eine Kantonsgrenze zu überschreiten, könnte man meinen. Aber obacht. Denn Bern und Luzern, das habe ich schnell gemerkt, das sind zwei völlig andere Welten.

Fangen wir bei der Politik an. Als ich 2001 nach meinem Studium direkt als Journalistin bei der Neuen Luzerner Zeitung anfing, wunderte ich mich, weshalb alle von der CVP sprachen. CVP hier, CVP da, CVP überall. Nanu, fragte ich mich, wieso dreht sich denn alles um diese Splitterpartei? Bei SP, FDP und SVP, dort tanzt der Bär. Aber die CVP, die ist ja noch unbedeutender als die EVP.

Willkommen in Luzern. Katholisch-konservative Stammlande. Die Lektion habe ich rasch gelernt: Zwar wird die CVP von allen Seiten politisch bedrängt. Aber dass sie wie im Kanton Bern zu den unbedeutendsten Parteien gehören wird, ist doch ausserordentlich unwahrscheinlich (Wähleranteil der CVP bei den Wahlen in den Berner Grossen Rat 2014: 0,75% = 0 Sitze, deutlich hinter EVP (6,4%) und EDU (4%) und ganz knapp vor dem Parti socialiste autonome PSA).

Eine zweite Lektion kam sogleich dazu: So richtig abgehen tut es auf den Luzerner Strassen selten; die wenigen überhaupt stattfindenden Demonstrationen erscheinen mir meist überaus klein und brav. Riefen in meiner Jugend die Gewerkschaften zur 1. Mai-Demo in Biel auf, dann war die halbe Stadt samt Umland auf den Beinen, und die Stimmung konnte schon mal sehr aggressiv sein, wenn sich Hausbesetzer und Autonome Gehör verschafften. Fiel in Bern der Schwarze Block ein, dann gut Nacht. Hier in Luzern habe ich höchstens mal ein schwarzes Blöcklein gesichtet. Was auch klare Vorteile hat.

Fazit: Ich musste die politische Landkarte vor meinem geistigen Auge rasch und gründlich umzeichnen.

Wirklich frappant sind die Unterschiede bei der Fasnacht. Dies soll die folgende kurze Erzählung meiner Erinnerungen an die Bieler Fasnacht vor 30 Jahren illustrieren. Die Fasnacht bestand aus dem Kinderumzug am Samstag und aus dem grossen Umzug vom Sonntag. Da unserer Familie ein Umzug pro Jahr reichte, pilgerten wir jeweils sonntags nach Biel. Im Publikum waren die Verkleideten und Maskierten dünn gesät. Den Umzug bestritten massiv falsch spielende Guggenmusiken, kreativ bis konventionell Verkleidete, von Firmen gesponserte und grosszügig geschmückte Blumenwagen mit Autos und hübschen Damen, taktvolle Majoretten mit Bâton (Stab) im Marschrythmus und – als Höhepunkt – eine riesige Konfettikanone. Ich hoffte immer, sie möge ihre Fracht nicht in meiner Nähe auspuschten, denn der damit verbundene Knall war ohrenbetäubend.

Womit wir bei den Vorteilen der Bieler Fasnacht angekommen wären: Der Krach fand am Sonntagnachmittag statt. Und riss mich nicht jeden Schmutzigen Donnerstagmorgen um 5 Uhr aus dem Träumen. Die feucht-fröhlichen Gelage waren in Biel doch sehr überschaubar. Und die Verschmutzung örtlich wie zeitlich begrenzt.

Womit wir nahtlos zu den Vorteilen der Luzerner Fasnacht überleiten können: Die Guuggenmusiken spielen in der Regel so, dass sie statt betäubende Dissonanzen Hühnerhaut hervorzuzaubern vermögen (wobei allerdings die Lautstärke teils grenzwertig ist). Die Kreativität der Fasnachtenden ist umwerfend (aber wo bloss nehmen sie all die Zeit zum Nähen und Basteln her???). Und die Luzerner Strassen: Diese sind an den Morgen danach jeweils so blitzblank sauber, dass man nackten Fusses darauf tanzen könnte.

So, genug der Unterschiede. Oder soll zum Schluss noch die Sprache zur Sprache kommen? Eeeuu!, sagt der gemütliche Berner (und sag ich auch ab und zu). Miis Guido isch grichtet u d Chetti göölet. I drinke jetz no miis Chacheli Müuch us, u säge: Tschou zäme, u ne hiube Hinech!

Die Emigration, davon bin ich überzeugt, hat sich 100-prozentig gelohnt. Doch manchmal, ja manchmal geht doch nichts über die gute alte Heimat.
5. Februar 2016

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.