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Der Flaneur ist unterwegs (9)

Viele Wege führen weg von Rom

Von Karl Bühlmann

Der Heilige Geist wirkt, ohne das kirchliche Pfingstfest abzuwarten. Heureka, die Anschrift des Wahl- und Abstimmungslokals ist korrekt: Heiliggeistkapelle! Danke an die Verantwortliche/den Verantwortlichen für die Aufmerksamkeit, Danke für die Erledigung und danke dafür, dass dazu im Stadthaus keine neue Stelle geschaffen werden musste. Selbstverständlich hat der Flaneur auch dem Briefkasten an der Horwerstrasse 10 in Kriens nochmals einen Besuch abgestattet. Und siehe da: Unter dem Druck der Heiliggeist-Heimsuchung – oder vor der medialen 60 Plus-Leserreichweite kapitulierend? –, ist der Kleber Schulprofisorium Brunnmatt inzwischen abgekratzt worden.

So wandert der Flaneur zufrieden auf dem Freigleis-Weg zurück in die Stadt und schwenkt beim Geissensteinring ins Tribschenquartier ab. Angepeilt wird der von lokaler Journaille zum Gastrokönig der Tribschenstrasse hochgeschriebene Jungunternehmer, welcher seiner Kundschaft Pizzen, Döner und Kebabs verabreicht. Angesichts der kulinarischen Auslage nicht hungrig geworden, geht’s durch die Cécile Lauber-Gasse in Richtung See. Wer kennt noch Cécile L, Autorin von „Die Versündigung an den Kindern“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“? Der Flaneur hat seit vierzig Jahren kein Werk dieser Luzerner Schriftstellerin mehr gelesen. Hingegen die Kolumne seiner Namensvetterin und politisch engagierten Cécile B im vergangenen November , hier auf der Website Luzern 60 Plus, über ihren Austritt aus der Kirche wegen systemimmanenter Frauenfeindlichkeit.

Im respektvollen Abstand von zwei Monaten wage ich mich auch ans Thema und bekenne, den Schritt aus der Kirche ebenfalls vollzogen zu haben, allerdings schon vor vierzig Jahren. Bloss war es mir damals nicht in den Sinn gekommen, die Weltöffentlichkeit ums Luzerner Seebecken davon in Kenntnis zu setzen. Den Brief mit meinen Gründen über den Austritt schickte ich einzig der Gemeindekanzlei, an den Kirchmeier und dem Ortspfarrer. Eine Kopie adressierte ich zusätzlich an die Kongregation für Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche, Palazzo del Sant‘ Uffizio, 00120 Città del Vaticano, mit dem Vermerk A portato di mano, S.H. Papst Johannes Paul I.

Dieser, mit bürgerlichem Namen Albino Luciani, gebürtig aus einem Dorf bei Belluno, wo Jahrzehnte zuvor junge Italienerinnen als fingergewandte Mitarbeiterinnen von der Viscose in Emmenbrücke rekrutiert wurden, war Tage zuvor, am 26. August 1978, nach eintägigem Konklave zum Papst gewählt worden. Eine Bestätigung, dass mein Schreiben im Vatikan angekommen war, blieb aus. Mit Gewissheit wird „il Papa del sorriso“ – so ging Johannes Paul I. in die Geschichte ein – mein Motiv nicht zur Kenntnis genommen haben. Das konnte er gar nicht, denn er verstarb nach einem Pontifikat von nur 33 Tagen am 28 September 1978 nachts im Bett. Und so ging mein Austritt aus der Kirche damals unbemerkt, ohne Notiz in Vaterland, Tagblatt, LNN, Regionaljournal und Tagesschau, den irdischen Weg des Vergänglichen. Selber schuld! Offiziell heisst es, dass der herzkranke Johannes Paul I. von dem unerwarteten und ungewollten Amte überfordert, medizinisch unzureichend betreut und menschlich vereinsamt gewesen sei. Nicht auszudenken, was die Lektüre eines Kündigungsbriefes aus dem ultramontanen Luzern zusätzlich hätte anrichten können.

Auf dem Inseli angekommen, zähle ich die parkierten Touristenbusse aus Polen, Weissrussland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Serbien, Kroatien, Bulgarien. Ein italienischer Autocar kommt aus Spoleto in der Provinz Perugia. Dort war ich mal, bei einem Abstecher aus Assisi, auf die Vita der Christina von Spoleto aufmerksam geworden. Das aus dem Tessin stammende Mädchen hatte ungewöhnlich jung geheiratet, kurz darnach den Mann verloren, worauf es sich nach ein paar Monaten fröhlichen Witwenlebens als Büsserin ins Kloster Spoleto zurückzog. Erst als ich auf diese Lebensgeschichte gestossen war, begann ich die Biografie einer anderen, zeitlosen Christine, die für uns Kinder im elterlichen Haushalt und Hof eine kryptische Rolle spielte, anders zu sehen.

Unsere Christine war einfach da, tat wenig bis nichts, nörgelte an uns Kindern herum, schien zum Inventar des Bauernhofes zu gehören. Sie sah aus wie eine Grossmutter, war aber keine, sondern Tante, doch alle nannten sie Gotte. Sie hatte auf den Hof eingeheiratet, ihr junger Mann und Landwirt starb tragischerweise nach kurzer Zeit an der Spanischen Grippe und die kinderlose Christine stand auf verlorenem Posten. Die Liegenschaft ging an den jüngsten Bruder, meinen Vater über, und die Gotte erhielt lebenslänglich den Schleiss und das Wohnrecht. Sie ging ab dann nicht mehr aus Haus und Schopf, sass in der Stubenecke im gepolsterten, nur von ihr benutzten Gotte-Stuhl neben dem hölzernen Radio-Apparat. Im Sommer hatte sie ihren Ausguck draussen unter dem Wetterdach, versteckt hinter der Treppe, thronend auf der Chaise aus Weidengeflecht. Von dort überblickte sie das Kommen und Gehen, kontrollierte das Schuhabputzen vor dem Eintritt ins Haus, kommentierte, was vor dem anziehenden Gewitter auf dem Heublätz und dem Härdöpfelacher zu tun wäre. Auf dem Kopf trug sie täglich ein zum Stirnband gewickeltes Seidentüchlein, wir Kinder sagten Schturmband, weil die wetterfühlige Gotte immer über einen schturmen Kopf klagte.

In die Kirche ging die streng gottesfürchtige Gotte nicht, die Kirche kam zu ihr. Der Kapuzinerbruder holte sein Scherflein bei ihr ab, der Pfarrer brachte ihr einmal im Monat die Kommunion aufs Zimmer, nachdem er zuvor die Beichte abgenommen hatte. Wir Kinder konnten uns das Sündenregister der Gotte nicht recht ausmalen. Im langen Gang vor ihrem abgedunkelten Zimmer stand seit Kindsbeinen eine Nähmaschine Marke PFAFF aus Kaiserslautern, Modell 30, Geradstich, mit Fadenspannung und Aufspulvorrichtung, seitlich angebrachter Stichlängen-Regulierung, das Ganze eingebaut in einem Tisch mit Fussantrieb. Wenn der Pfarrer kam, war die versenkbare PFAFF 30 Haushaltnähmaschine jeweils von einer braunen Wolldecke verhüllt. Nicht auszudecken, wenn Hochwürden mit dem goldenen Wort PFAFF in Grossbuchstaben auf dem schwarzen Oberbau der Nähmaschine vor dem Zimmer begrüsst worden wäre.

Christina von Spoleto, mit bürgerlichen Namen Christina Augusta Camozzi, starb 22jährig am 13. Februar 1456 und gilt als Volksheilige. Meine Gotte Christine wurde 94 Jahre alt und starb am 1. April 1972. Ein Prozess zu ihrer Seligsprechung ist nicht eingeleitet.
1. Februar 2019

Zur Person
Karl Bühlmann
 (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.