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Qual der Auswahl

von Rudolf Wyss

Die Parlamentswahlen im Kanton Luzern sind vorbei, die Plakate abmontiert und das Landschaftsbild wieder intakt. Und wie im richtigen Leben zeigte auch dieser Urnengang: Es gab zu viele Kandidatinnen und Kandidaten (630) für zu wenig Sitze (120) und sehr viele, die das überhaupt nicht interessierte Es ist, wie erwähnt, wie im Leben auch: Es gibt von allem zu viel und die Folge davon ist dann die Ratslosigkeit. Oder die Verweigerung – siehe Wahlbeteiligung, welche einen neuen Tiefstand erreichte.
Natürlich kann man nicht immer abseits stehen. Zum Beispiel bei den vielen netten Mails, welche mich zum Erben machen möchten. Denn ich bin – welch Wunder – der einzige Nachkomme des reichen Onkels aus Oshogbo (Nigeria). Oder man wünscht mich – welche Ehre - als Partner, „which can help us to invest 16 millionen euros“. Belohnt wird dieser wagemutige Schritt mit 30 Prozent Kommission vom Investitionskapital.  Und das sogar in Pfund, was in Zeiten des Euro-Zerfalls schon enorm verlockend ist. Aber eben: No interest.
Dabei hätte man ja schon Interesse. Zum Beispiel auf Jogurt. Nur welches? Nature oder mit Aromen, stichfest oder gerührt, traditionell oder mit probiotischen Milchsäurebakterien für die gesunde Darmflora? Was müssen das Ende der 60-er-Jahre für schöne Zeiten gewesen sein. Da gab es noch nicht einmal Fruchtjogurts.
Bis 1975 gab es in der Schweiz auch noch keine Natels. Inzwischen erfordert die Wahl eines mobilen Telefons eine detektivische Meisterleistung. Bevorzuge ich ein Smart-, Lifestyle-, Outdoor- oder Dual-SIM-Handy? Welcher „Handtyp“ (Aufklappbar, aufschiebar oder mit Wischbewegung) bin ich? Ist dies beantwortet, sind weitere Rätsel zu lösen wie:  Displaygrösse, Betriebssystem, Kamera- und Videofunktion, Farbe, Datenaustausch (Bluetooth, USB, WLAN, NFC?), Netz (Triband oder HSUPA?) Multimedia-Funktionen (MP3-Player, Radio, erweiterbarer Speicher) und: Mit oder ohne niedrigem SAR-Wert und QWERTZ-Tastatur.
Nach tagelanger Einkehr („Was bin ich für ein Handy-Typ?“), zusätzlichen Recherchen im Web (Suche „Symbian OS“),  repräsentativer Umfrage im sozialen Umfeld und einer Abwägung aller Vor- und Nachteile, hatte ich es geschafft: Ich bin ein aufklappbarer Android mit WLAN und niedrigem SAR-Wert.
Nur nützte mir diese Selbsterkenntnis wenig. Denn noch fehlte das Abo, um meinen Androiden zum Leben zu erwecken. Ich hatte die Wahl zwischen rund 40 Angeboten mit so seltsamen Namen wie  Surf-Flatrate, Infinity XL und Entry. Dies war dann der Moment, wo ich statt entry in die mobile Erlebnisweltaus  dieser entfloh und beim alten Handymodell blieb.
Stattdessen habe ich in ein Elektrovelo investiert. Einfach war das ja auch nicht. Aber dank der Laser-Vermessung meiner relevanten Körperdaten habe ich zumindest die passende Rahmengrösse und die richtige Einstellung von Sattel und Lenker gefunden. Auf die Fussanalyse – zum Beispiel die Ermittlung der Druckverhältnisse im Veloschuh – und die Eruierung der optimalen Passform bei der Velohose habe ich verzichtet.
Da zudem feststand, dass ich weder knackige Singletrails noch staubige Wüsten oder steile Alpenstrasse befahren werden, fiel die Wahl auf einen „lässigen Cityflitzer“. Geeignet  für den  Fahrstil „Urban Lifestyle“. Designed in metallmatt mit schwarzen Stripes und, als zusätzliches Extra, ausgestattet mit einem Performance-Antrieb. Es könnte ja sein, dass ich wieder einmal Single bin und es schätzen werde, auf dem Trail über einen leistungsstarken Antrieb zu verfügen.
Nur bei den Bremsen war ich etwas unsicher: Sollte es eher die Disc Deore-XT BL, die Brake Force One oder die Louise Bat sein? Ich entschied mich für Louise, weil mir der Name gefiel.  Sollten wir uns allenfalls in der Stadt begegnen und ich bei der Wahl der Bremsen versagt habe, danke ich im Voraus für Ihr Verständnis. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass es mittlerweile zu viele E-Bikes für zu wenig Velowege hat. Aber das ist dann wieder Sache der Politiker, die wir nicht gewählt haben

8. April 2015

Zur Person
Rudolf Wyss, geboren 1955 in Sarnen, ist Journalist und PR-Berater. Er arbeitete als Medienschaffender unter anderem bei Radio Pilatus als Newschef, bei den LNN als Ressortleiter und war bei TeleTell Realisator und Moderator des Reporttalks „Regiotalk“ sowie Chefredaktor. 2000 gründete er eine eigene Agentur, welche Firmen und Behörden in den Bereichen Medien, Marketing und Kommunikation berät und entsprechende Kampagnen konzipiert und realisiert. Seit 2011 ist er auch für Produktion und Regie des FCLTV bei den Heimspielen des FC Luzern verantwortlich. Rudolf Wyss lebt mit seiner Lebenspartnerin in Meggen.