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Vom Zugfahren früher

Von Mario Stübi

Beruflich, aber auch in der Freizeit fahre ich regelmässig Zug und das sehr gerne. Während des Nichtstuns befördert werden, rausschauen, Zeitung lesen, zufällig mit anderen Passagieren ins Gespräch kommen, das macht Freude.

Die SBB als grösstes Unternehmen auf den Schienen steht aber vermehrt im Fokus der unzufriedenen Öffentlichkeit, sei es wegen Verspätungen nach ein paar Schneeflöckli, aufgrund ihrer Immobilienstrategie oder einfach wegen eines verstaubten Sitzpolsters.

Ich will nicht in dieses Gejammer einstimmen, die Herausforderungen sind legitim und die Politik ist hoffentlich dran, ihren Beitrag zu einem schweizweit funktionierenden ÖV zu leisten. Was ich aber tue, und das gerne und nicht zu knapp, ist in Erinnerungen schwelgen, wenn es ums Bahnfahren geht.

Ich erinnere mich, wie die Schnellzüge ab Luzern allesamt mit einem Speisewagen ausgestattet waren. Heute ist dies nur noch alle zwei Stunden Richtung Basel der Fall. Ich erinnere mich, wie man noch wählen konnte zwischen Raucher und Nichtraucher. Gut, dieser Umstellung werden nicht viele nachtrauern. Fakt ist aber, dass es im Raucher immer noch einen freien Platz hatte, auch wenn der Nichtraucher überfüllt war. Und die Wahrscheinlichkeit, zufällig auf Bekanntschaften zu treffen, war im Raucher ebenfalls höher. Lange her ist es auch, dass beim Einsteigen in Luzern auf dem Perron vis-à-vis ein Zug mit «Roma» angeschrieben auf seine weite Reise wartete.

Ich erinnere mich, wie früher eine Zugsverspätung Gesprächsstoff für einen ganzen Tag lieferte, so selten kamen sie vor. Heute nehme ich manchmal einen Zug früher, um sicher zu sein, dass ich einen Termin einhalten kann. Und nachdem man ausgestiegen ist, werden einem auf dem Perron nicht mehr die nächsten Anschlüsse durchgesagt. Sie heissen jetzt Verbindungen. Ob man sie erwischt, liegt in der eigenen Verantwortung.

Zur Person
Mario Stübi
(30) hat Kulturwissenschaften an der Universität Luzern studiert und leitet die Kommunikation des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente. Er schreibt für verschiedene Online-Publikationen und ist als DJ tätig. Er sitzt für die SP im Grossen Stadtrat von Luzern und engagiert sich kulturell in diversen Vereinen und Gremien, aktuell für die Zwischennutzung Neubad im ehemaligen Hallenbad Biregg.