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Neues Jahr 

Von Judith Stamm

Mit den Feiertagen im Rücken nehmen wir ein weiteres Jahr in Angriff. Waren sie denn so „festlich“, diese Tage? Die spendensammelnden Hilfswerke haben uns mit gut aufgemachten Drucksachen und attraktiven Spots am Fernsehen während des ganzen Monats Dezember auf unzählige traurige Schicksale in aller Welt aufmerksam gemacht. Herzzerreissend die Augen dieser Kinder, die da auf uns blicken…

Die vielen Konflikte  und „bürgerkriegsähnlichen“ Zustände weltweit haben sich in letzter Zeit nicht abgeschwächt sondern verschärft. Annäherungen sind nicht in Sicht. Und als Folge überfluten Flüchtlingsströme ganze Regionen.

Das Gefängnis Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen, obwohl „der mächtigste Mann der Welt“ in seinem Wahlkampf versprochen hatte, das zu tun. Das ist  ein Symbol. Aber wofür? Dafür, dass gegenwärtig alle ungelösten Probleme „komplexer“ sind als wir es uns vorstellen können. Auch die, die ganz einfach zu sein scheinen. Wie das Schliessen eines Gefängnisses im rechtlichen Niemandsland.

Der neue Papst benimmt sich unkonventionell und seine Sprache ist sympathisch. Wird er, ausser die Kurie zu entstauben und Sympathien zu wecken, auch echte Veränderungen bewirken?  Das würde heissen: Slums werden nicht nur besucht sondern saniert und Ausgestossene werden integriert. Frauen und Männer  jeglicher Herkunft, Rasse, Hautfarbe, sexueller Orientierung werden nicht nur barmherzig toleriert, sondern als gleichwertige Menschen vorbehaltlos akzeptiert und respektiert.

Ja, wer sich über die Feiertage mit seinen Freunden und seinem Fondue Chinoise nicht auf ein abgeschottetes Plätzchen ohne Zugang zu den allgegenwärtigen „News“ retten konnte, dessen Feiertagslaune und Festtagsfreude dürfte nicht so ganz ungetrübt geblieben sein.

Und das neue Jahr? „Business as usual“?  Höhepunkte, Schicksalsschläge? Was bringt es uns persönlich, den Menschen, den Tieren, der Umwelt? Darauf haben wir trotz ausgeklügelter Prognosetechniken keine definitiven Antworten.  „Es gibt nur eine Gesetzmässigkeit in der Sicherheitspolitik“ sagte einmal Bundesrat Ueli Maurer sinngemäss, „es trifft immer das ein, womit wir nicht gerechnet haben. Wir werden immer wieder überrascht werden“.

Kein Trost für uns alle, ob wir nun ernsthaft oder eher ironisch an „guten Vorsätzen“ für das neue Jahr herumwerkeln. Einen Trost habe auch ich nicht. Aber mich begleiten die Schlussverse aus dem Gedicht „Bedenkt“ des deutschen literarischen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925 - 2005). Sie lauten:

„Die Frage ist, die Frage ist, sollen wir sie lieben, diese Welt? Sollen wir sie lieben? Ich möchte sagen, wir wollen es üben“
Also denn, auf ein gutes, weiteres Jahr des Übens!

 

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971-1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983-1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 -1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und deren Rütlikommission. Heute geniesst sie ihren Ruhestand in Luzern.