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Wer zahlt wem die AHV?

Von Cécile Bühlmann

Kürzlich sass ich im Zug zwei  jungen Bikern gegenüber. Aus ihrem Gespräch bekam ich mit, dass sie an diesem Tag über die die Grosse Scheidegg fahren wollten. Sie berichteten einander von den Freuden und Leiden des Bikerlebens und irgendwann kam die Rede auf die Alten, die beim Aussteigen aus dem Zug immer vordrängeln und ihnen den Platz versperren würden. Dabei wäre es doch viel gescheiter, wenn sie mit ihren Rädern als erste aus dem Zug aussteigen würden, die Alten hätten ja sowieso Zeit genug. Der eine der Beiden erzählte, dass ihn kürzlich ein solch alter Drängler dermassen genervt habe, dass er ihn zurechtgewiesen und ihm gesagt habe, dass er, der Junge, ihm, dem Alten, schliesslich die AHV bezahle. Ich interpretierte in diese Aussage die Botschaft hinein, dass der unnütze Alte dem nützlichen Mitglied der Gesellschaft gefälligst hinten anzustehen habe.

Der junge Mann hatte dies mit einer solchen Nonchalance gesagt, dass es mir fast die Sprache verschlug. Hoppla! dachte ich mir, da trägt die politische Stimmungsmache von „Jung gegen Alt“ aber ganz unschöne Früchte! Und hätte ich nicht gleich aussteigen müssen, hätte ich wohl  zu einer energischen Gegenrede angesetzt.

Ich hätte  den jungen Mann folgendes gefragt: Wissen Sie, dass die AHV eine solidarische  Versicherung ist, die mit einem Umlageverfahren funktioniert? Wissen Sie,  dass die Beiträge der aktiven  Berufstätigen direkt den Pensionierten zu Gute kommen und nicht wie bei der Pensionskasse jede Person ihre persönliche Rente anspart? Wissen Sie, dass der Alte, dem Sie angeblich die AHV zahlen, auch sein ganzes Berufsleben lang AHV bezahlt hat, die den damaligen Pensionierten zu Gute gekommen sind? Ich hätte ihm auch gesagt, dass ich selber 44 Jahre AHV-Beiträge geleistet und damit dazu beigetragen habe, dass die Generation vor mir unbesorgt ihr Alter geniessen konnte und dass ich jetzt ohne schlechtes Gewissen ihm gegenüber meine AHV beziehe. Ich hätte auch gesagt, dass er, wenn er mal älter sei, von diesem System genau so profitieren werde und dass das nur dank einer generationenübergreifenden Solidarität möglich sei und möglich bleiben werde. Und dass er dem politischen Gerede aufgesessen sei, wonach die Alten auf Kosten der Jungen ein tolles Leben führen und zu einer Bürde für diese geworden seien.

Ich hätte auch noch ein Plädoyer für die Vorzüge der AHV gegenüber der Pensionskasse gehalten. Ich hätte gesagt, dass die AHV nicht Milliardenersparnisse erzeuge, die angelegt werden müssten, wie das Pensionskassen zwangsläufig tun und damit den Aktien- und Immobilienmarkt massiv beeinflussten. Wenn noch mehr Zeit übrig geblieben wäre, hätte ich vielleicht noch ausgeführt, wie problematisch es wäre, wenn alle Länder dieser Erde das gleiche Pensionskassensystem wie die Schweiz hätten. Dass dann eine Riesenmenge von Rentenmilliarden gewinnbringend angelegt werden müssten und dass das weltweit gar nicht möglich wäre. Dass im Vergleich dazu die AHV mit ihrem Umlageverfahren eine geradezu geniale Lösung sei. Leider sei sie noch nicht wirklich Existenz sichernd für alle - wie das die Bundesverfassung vorsehe.  

Das alles hätte ich ihm sagen wollen. Aber ich musste ja aussteigen. Da stand ein anderer junger Biker beim Ausgang.  Ich  überlegte tatsächlich einen Moment, ob ich ihm nicht  den Vortritt lassen müsste. Ich habe es dann aber doch nicht getan.
1. August 2014

Zur Person
Cécile Bühlmann
, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.