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„Zeitgut“ ist klassische Nachbarschaftshilfe

Das Genossenschaftsmodell für Hilfe geben und Hilfe nehmen besteht seit fünf Jahren. Von den 303 Mitgliedern sind aktuell 177 aktiv. Und in 69 Tandems wird Hilfe umgesetzt. Geschäftsführerin Regula Schärli beantwortet Fragen.

Von René Regenass (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Ist „Zeitgut“ angekommen in der Luzerner Öffentlichkeit?
Regula Schärli: Ja, ich habe den Eindruck. Festgestellt haben wir das am Marktplatz Luzern60plus am 2. Juni in der Kornschütte. Im Jahre 2013 waren wir dort zum ersten Mal präsent und haben die ersten Mitglieder aufgenommen. Am Anfang waren die interessierten Leute ziemlich ratlos, wie Zeitgut, wie dieses Hilfe geben und Hilfe nehmen funktionieren könnte. Jetzt hingegen werden spezifische Fragen gestellt, zum Beispiel, wo gibt es noch solche Genossenschaften, wo kann ich Stunden schenken, ist der Männeranteil immer noch bei etwa einem Drittel?

Das ist ja immer noch nicht selbstverständlich, weil das Alleinleben und die Isolation in der älteren Bevölkerung verbreitet sind.
Die Präsenz in den Medien hat hier etwas weitergeholfen. Die Sonntags Zeitung berichtete über Vicino, mit Hinweisen auf Zeitgut. Dann hat es Neugründungen gegeben, in Zug, in Cham, immer mit Präsenz in der Öffentlichkeit. Unterdessen sind wir zwölf Genossenschaften, die Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften aufbauen.

Genug Zeit für die ersten Schritte
Frauen und Männer, die bei Zeitgut mitmachen, brauchen etwas Offenheit für die Bedürfnisse des Nächsten und müssen bereit sein, sich helfen zu lassen. Geht das?
Wir haben ein sorgfältiges System, wie wir die Leute einander vorstellen. Wer sich als gebendes Mitglied anmeldet, hat zuerst ein ausführliches Gespräch mit unserer Koordinatorin Nicole Triponez. Es ist wichtig zu erfahren, was genau jemand gerne macht und hilft, und wie viel Zeit man zur Verfügung stellen will. In einem zweiten Schritt besucht Nicole Triponez die für Hilfe empfängliche Person zu Hause und klärt dort ab, was wirklich notwendig ist. Wenn die gebende und die empfangende Person sich zum ersten Mal treffen, ist Frau Triponez wieder dabei. Sie bleibt auch später Ansprechperson. Anschliessend können beide entscheiden, ob sie die Hilfestellung leisten und annehmen können. Die Auswahl an helfenden Menschen ist inzwischen recht gross.

Welche Helferaufgaben werden angeboten?
Wir leisten klassische Nachbarschaftshilfe, ohne Putzen, Fahrdienste oder Krankenpflege. Es besteht eine klare Aufgabentrennung mit der Spitex. Aufgaben, die schwierig oder aufwendig sind, können wir nicht anbieten, zum Beispiel Rollstuhltransporte oder Ausfahrten.

Wenig Mittel von der öffentlichen Hand

Wo gibt es noch Schwierigkeiten?
Bei der Mittelbeschaffung. Wir haben zwei Stellen: 40 Prozent für die Geschäftsleitung bei mir, 20 Prozent für Nicole Triponez in der Beratung und  Koordination der Einsätze. Die Drucksachen sind ein grosser Ausgabenposten. Viele unserer Mitglieder leben ohne Internet, das heisst dann schriftliche Kommunikation und Postzustellung.

Von wo kommen die Finanzen?
Wir fragen Stiftungen und Sponsoren an. Von der Stadt Luzern haben wir in den fünf Jahren, seit es Zeitgut gibt, 16‘000  Franken erhalten, vom Kanton Luzern 10’000. Schwester-Genossenschaften in andern Gemeinden zum Beispiel erhalten pro Einwohner und Jahr zwischen 75 Rappen und einem Franken. Das heisst, sie sind im Unterschied zu Luzern substantiell von der öffentlichen Hand finanziert. Wir haben vor zwei Jahren einen Jahresbeitrag von 50 Franken für die Mitglieder in unserer Genossenschaft eingeführt. Das ist in andern Genossenschaften nicht nötig. Kollektivmitglieder bezahlen 500 Franken; dazu gehören die reformierte und katholische Kirche, die städtische Spitex und das LUKS auf den drei Standorten Luzern, Sursee und Wolhusen. Das heisst, die Freiwilligen in diesen Institutionen können bei uns Mitglied werden und ihr Stundenkonto füllen.

Fehlt in Luzern das Verständnis  für diese Aufgabe?
Ich kann es nicht sagen. Vielleicht will Luzern zuwarten, bis der Nutzen von Zeitgut spürbarer wird. Oder es fehlt der Glaube in diese Zukunftsaufgabe. Ganz anders sieht das das Bundesamt für Gesundheit (BAG) – es hat Zeitgut auf die Liste "Modelle guter Praxis" für die Angehörigenentlastung gesetzt (siehe Link am Ende des Artikels). Wir sind aber zuversichtlich. Es braucht noch einige Jahre, bis in Teilen einer Stadt wieder eine stabile Nachbarschaft aufgebaut werden kann. Die Idee der gegenseitigen Unterstützung ist eigentlich uralt, aber inzwischen verloren gegangen. Zusätzlich hat sich die Nachbarschaft verändert. Es wird mehr gezügelt, Söhne und Töchter wohnen in vielen Fällen in andern Landesgegenden oder gar im Ausland.

Mehr politisches Bewusstsein  erwünscht

Gibt es Wünsche an die Öffentlichkeit?
Es wäre sinnvoll, wenn mehr Bewusstsein über die demografische Entwicklung, über die sinkenden Renten und über die Kosten des Gesundheitswesens vorhanden wäre.  Viele Menschen verdrängen die heutigen politischen Zusammenhänge und Bedingungen und interessieren sich nicht dafür. Ich wünschte etwas mehr Offenheit für die massiven gesellschaftlichen Veränderungen, die auf uns zukommen. Und die Bereitschaft, über das eigene Alter nachzudenken. Zeitgut ist nicht die einzige Lösung, aber eine mögliche und sinnvolle. Es ist immer eine Bereicherung, für jene Menschen, die Hilfe leisten und für solche, die sie empfangen dürfen. Und wir sind ein junges Unternehmen, das für viele ein Aufsteller ist.

FAKTEN ZU ZEITGUT

Zeitgut baut Gruppen von Leuten auf, die sich gegenseitig Nachbarschafthilfe leisten. Es geht um Betreuung und Begleitung. Mit einem Anteilschein von 100 Franken kann jedermann Genossenschaftsmitglied werden und ein Zeitkonto einrichten. Dort werden geleistete Stunden gutgeschrieben und abgebucht, wenn man Hilfe bezieht.
Auf www.zeitgut.org sind weitere Informationen und Beispiele von Nachbarschaftshilfe aufgeschaltet. Und die Geschäftsstelle an der Rosenbergstrasse 3 hat wertvolle Hinweise auf Fragen und Antworten zum Thema.

Bild unten: Ein Tandem an der Arbeit - jung hilft alt.

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/strategien-politik/nationale-gesundheitspolitik/foerderprogramme-der-fachkraefteinitiative-plus/foerderprogramme-entlastung-angehoerige/modelle-guter-praxis-suche/zeitgut.html

 

Ein Tandem an der Arbeit.