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Der Flaneur ist unterwegs (10)          

ZRUNLSDPUFSIAOA

Von Karl Bühlmann

Eben aus der Apotheke gekommen, das vom Arzt verschriebene Muntermacher-Medikament CX (*) in der Tasche, entdecke ich das Plakat Spaziergänge im Quartier für ein gesundes Altern – Entdecken – Bewegen – Begegnen. Aha, der Flaneur erhält Gesellschaft! Verstopfen nach asiatischen Touristen jetzt bald auch x-tausend einheimische Seniorinnen und Senioren die Kapellbrücke?

Sechs Stadtwandervorschläge links und rechts von See und Reuss sind auf dem Plakat angekündigt. Jeder Spaziergang wird begleitet von einer Frau Stadträtin oder einem Herr Stadtrat. Der Stadtpräsident läuft vorbildlich an einem Samstagmorgen voran, die andern am späten Nachmittag eines Arbeitstages, nach dem Hape Kerpeling-Motto. Ich bin dann mal weg. Nun, man solle ja gelegentlich den Kopf auslüften. Nach neuesten Erkenntnissen sind die besten Mitarbeiter ohnehin die, welche spät kommen und früh gehen. Wer zu lange stur vor dem Bildschirm sitzt und das Sonnenlicht nur auf dem Hintergrundbild des Desktops sieht, ist Burnout gefährdet. Wer zu lange sitzt, ist früher tot, besagt die US-Studie von National Health and Nutrition Examination Survey.

Ich will meine 10‘000 Schritte solo durchziehen, die übervölkerten Niederungen verlassen und so mache mich auf den Weg zur Museggstrasse, dorthin, wo bis 1860 das Äussere Weggistor stand. Die Stadt hat den Platz saniert, fünf rote Bänkli für die vom Marsch zum Löwendenkmal strapazierten Wallfahrer aufgestellt und drei Jungbäume gepflanzt. Während der Platzsanierung konnte man in der Baugrube das massive Fundament des einstigen Stadttores sehen. Offenbar ist ihm mit Schlaghammer und Kompressor der Garaus gemacht worden. War es zu teuer oder ist es niemanden eingefallen, eine dicke Glasabdeckung über das Relikt zu setzen, um die Geschichte des Äusseren Weggistores auferstehen zu lassen? Laut Beschluss des Rats von 1691 sollten an diesem Tor in der Vorstadt böse schadhafte Buben, so in dem Land umestrichen, nit arbeiten wöllen, den armen Leuten das Brod vor dem Mul abschneyden, angeschmiedet werden.

Beim besten Käseladen in town will ich mir, bevor es die Museggstrasse hinauf geht, in politisch-korrekter Weise einen mit Schokolade überzogenen Schaumkuss mit Waffelboden und Migrationshintergrund kaufen. Die Verkäuferin versteht nur Bahnhof, ich schaue nach rechts und links und hinter mich und flüstere Mohrenkopf. Draussen vor der Tür frägt mich ein deutscher Tourist, warum das benachbarte Hotel-Restaurant De La Paix heisst und noch den zweiten Namen Lapin trägt. Ich erkläre ihm, dass hundert Schritte weiter oben bis 1919 ein Kriegs- und Friedensmuseum gestanden habe. Zum Glück fällt mir eine Erklärung zum Lapin ein. „Sprechen Sie la Paix schnell und zehnmal hintereinander“, sage ich ohne rot zu werden, „und so wird umgangssprachlich aus La Paix  rasch ein Lapäng. Der Frögli ist zufrieden, ich bin es auch, dem Slogan Entdecken – Bewegen – Begegnen ist damit aufs Schönste nach gelebt .

Es geht hinauf, vorbei am einstigen Museum, in dem Hans Erni vor achtzig Jahren mit den zwei Gehilfen Bruno Meyer und Walter Linsenmaier am hundertmetrigen Landibild  arbeitete. Auf dem Scheitelpunkt zweige ich ab zum Schirmertor. Über die steile Holztreppe im Innern gelange ich auf den Wehrgang der Museggmauer, wandere zum Zytturm. Die grosse Turmuhr hat seit 1385 das städtische Erstschlagsrecht und schlägt deshalb eine Minute vor allen Kirchenuhren an. Ich steige durch das Turmuhrenmuseum mit faszinierenden alten Grossuhrwerken nach oben. Unter dem Pyramidendach, dreissig Meter über dem Boden, blicke ich die Zinnen hindurch auf die Dächer der Altstadt. Würde der miesepetrige Philosoph Arthur Schopenhauer wohl nochmals so Motziges von sich geben wie vor 200 Jahren, als er im Revoluzeralter ins Reisetagebuch notierte: Luzern ist ein kleines, schlechtgebautes, menschenleeres Städtchen – zur Wiedergutmachung aber anfügte: Seine Lage ist indessen gewiss eine der Schönsten in der Schweiz.

Es beginnt zu nieseln und es ist Freitagnachmittag. Von der Stadt dringt kein Lärm herauf. Ich wundere mich, es wäre doch Klima-Streiknachmittag. Doch seit den österlichen Ferienreisen mit mehr Kerosin-, Diesel- und Benzinverbrauch als im Vorjahr sitzen die Schulkinder und Studies zur Abbitte wieder fleissig an ihren Pulten. Ich warte das Rägeschprützli ab und erinnere mich an das Schächtelchen, das mir der Apotheker mitgegeben hat. Die mich täglich ärgernde obligatorische Warnung im unverständlichen Schnellsprech-Sparmodus im Werbefenster am Fernsehen fällt mir ein: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Abgekürzt: ZRUNLSDPUFSIAOA. Und dabei denke ich: Sprich nur dies Wort und deine Seele wird wieder gesund.

 In Ermangelung anderen Lesestoffs wickle ich die zwölfmal gefaltete Packungsbeilage von CX (*) aus. Sie ist dreisprachig, kleingedruckt, die deutsche Version ist unglaubliche 299 Zeilen lang. Der Gwunder packt mich, ich zähle die Zeichen pro Zeile und multipliziere mit dem Rechner im Handy:  17‘940 Zeichen! (Dreimal so viel wie diese Kolumne.)

Nach 180 Zeilen komme ich zu den möglichen Nebenwirkungen: Infektionen der oberen Atemwege, Rachenentzündung, Husten, Atemnot, grippeähnliche Symptome,  Harnweginfektionen, Schlaflosigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verdauungsstörungen, Schluckstörungen, Bluthochdruck, Hautausschlag, Juckreiz, Schwellungen Verschlechterung der Allergie, erhöhte Muskelspannung undsoweiterundsofort.

Eine Warnung an der anderen folgt: Während der Behandlung könnten im oberen Magen-Darm-Trakt Schleimhautgeschwüre, in Einzelfällen Perforationen, jederzeit auch ohne Warnsymptome auftreten, ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall kann nicht ausgeschlossen werden, die Einnahme könnte die Nieren beeinträchtigen, den Blutdruck erhöhen, schwerwiegende Hautreaktionen sind eher selten, hingegen wurden schon schwerwiegende Leberreaktionen beobachtet, in einigen Fällen mit tödlichem Ausgang oder einer Lebertransplantation.

Es reicht! Ich falte den Beipackzettel, der mir den Nachmittag verdorben hat, wandere auf dem Wehrgang der Museggmauer bis zum Wachtturm. Dort steige ich hinunter und lande in der Hofbeiz Hinter Musegg. Der Flaneur bestellt ein auf dem Hof gebrautes dunkles Bier Luegisland und beschaut die schottischen Hochlandrinder und die Alpaka. Diese markieren ihre Hackordnung mit Spucken, jene gelten als friedlich und genügsam, auch beim Futtern. Wie soll ich mich zum Beipackzettel der CX (*) verhalten – darauf spucken oder friedlich zu kleinen Kügelchen zerknüllen? Die Schluckbildchen aus der geistlichen Hausapotheke volksgläubiger Vorzeit fallen mir ein: Bekämpfung der Krankheit durch Verschlucken des gesegneten Heiligenbildens oder Zettelchens mit der entsprechenden Heilkräuterabbildung?

Aber 2019, solcher Quacksalberschabernack? Nützts nüd, schads nüd , sagt sich der Flaneur und denkt an die fällige Kolumne. Der zwölfmal gefaltete Beipackzettel ist zu viel Papier fürs Verschlucken. Das Quittungszettelchen fürs Bier muss genügen. Vorher kritzelt er noch darauf: Fieber bleib‘ aus, KaBü ist nicht zu Haus‘.
(*) Name der Redaktion bekannt

Zur Person
Karl Bühlmann
 (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.