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Nur eine progressive Kirche hat Zukunft – und Mitglieder

Was musste ich da lesen? Philipp Wilhelm, unterlegener Kandidat der Kirchenratswahl vom vergangenen Dezember, ist die katholische Kirche der Stadt Luzern nicht konservativ genug. Er findet kirchliche Gassenarbeit oder Flüchtlingshilfe ohne missionarischen Charakter nicht katholisch. Dabei sind solche Engagements genau das, was mich noch in der Kirche hält.

Ich glaube nicht an Gott, bin aber katholisch und bezahle Kirchensteuern. Wie geht das zusammen? Es geht, weil in der Stadt die katholische Kirche eben nicht nur spirituell oder gar missionarisch unterwegs ist, sondern unter dem Prinzip der Nächstenliebe sehr viel sehr gute gemeinnützige Arbeit verrichtet wie die angesprochene Betreuung von Suchtbetroffenen, aber auch Jugendarbeit, interkultureller Dialog oder die Organisation von Treffpunkten für Migranten – und dabei einen verdammt guten Job macht, was ich mir gerne die paar Hundert Franken mit der Steuerrechnung kosten lasse.

Die Kirche tut gut daran, Wilhelms Kritik nicht zu stark zu gewichten, ja sich nicht vom offenen Kurs abbringen zu lassen. Wenn die Kirche abseits von Liturgie und Beichtstuhl auch künftig eine Daseinsberechtigung haben will, muss sie aus meiner Sicht die Menschen in erster Linie in ihrer Lebenswelt abholen, unabhängig ob ein Glaube (egal welcher) vorhanden ist oder nicht. Mit Blick auf die reformierte Kirche tut dies not, bald gibt es nämlich mehr Konfessionslose als Protestanten im Land. Wer sich grundsätzlich mit der lokalen Kirchgemeinde identifizieren kann – aus welchen Gründen auch immer –, ist viel eher bereit, Mitglied zu bleiben, auch wenn sie oder er sich nur zu Hochzeiten oder Beerdigungen in Gotteshäusern blicken lässt. Und das ist in meinem Umfeld beispielsweise Usus.

Mario Stübi (32) hat Kulturwissenschaften an der Universität Luzern studiert. Er ist freischaffender Redaktor und DJ und für die SP Grosser Stadtrat von Luzern. Er engagiert sich kulturell in diversen Vereinen und Gremien, aktuell für die IG Kultur Luzern.