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Beziehungen im Alter (6) – Älter werden in zwei Ländern

Doppelleben mit Doppelpass

Von Hans Beat Achermann (Text und Bilder)

Sie kamen in den 1960er Jahren von Spanien in die Schweiz. Seither haben José und Caty Heredero zwei Heimaten. Sie betrachten das als Privileg und lieben das Doppelleben.

Fahren sie nach Hause, wenn sie nach Darnius am Fusse der Pyrenäen reisen? Oder fahren sie in die Ferien? Oder ist es umgekehrt: Fahren sie in die Ferien, wenn sie in Darnius die Koffer packen mit dem Ziel Luzern? Ist die Wohnung im Luzerner Kreuzbuchrain das Zuhause oder ist es das Haus im nördlichen Katalonien, unweit der französischen Grenze? Für Caty und José Heredero ist die Frage nicht so einfach zu beantworten, „denn wir wohnen seit über 50 Jahren in zwei Kulturen“. 900 Kilometer liegen ihre beiden Heimaten auseinander, aber es sind nicht nur die Kilometer, die trennend dazwischen liegen, es sind andere Geschichten, andere Lebensweisen, andere Institutionen, andere SIM-Karten. „Man muss einfach den Chip im Kopf wechseln, wenn wir an den andern Ort fahren“, sagt Caty, und für José ist das geteilte Leben „nicht nur eine Abwechslung, sondern eine Bereicherung“, wie er in Spanisch gefärbtem Hochdeutsch sagt. Drei- bis viermal jährlich fahren sie hin und her, José am Steuer des Citroën. 

Zuerst Fabrikarbeiter in der „Viscosi“

Die Geschichte von José Luis Heredero, geboren 1944 in Madrid, gelernter Maschinenschlosser, und von Catalina Collgròs i Alabau, geboren 1947 als Tochter von Besitzern eines Tante-Emma-Ladens in Darnius, 18 Kilometer westlich von Figueres, ist die typische Geschichte von Arbeitsmigranten, welche in den 1960er Jahren in die Schweiz geholt wurden. Die Viscosuisse, im Volksmund „Viscosi“ genannt, schickte Leute der Personalabteilung nach Italien und Spanien, um Arbeitskräfte zu rekrutieren. So schloss José 1964 in Madrid einen Arbeitsvertrag als Textilarbeiter ab. Arbeitsort: Emmenbrücke; Deutschkenntnisse: keine. Wenn Heimat da ist, wo die Muttersprache gesprochen wird, wurde José heimatlos. Ganz so war es nicht: Die „Viscosi“ beschäftigte in dieser Zeit rund 500 spanisch sprechende und rund 500 italienisch sprechende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach einem Jahr zog er weiter nach Göteborg, arbeitete in einer Reederei und plante, nach Südamerika auszuwandern. Doch als das Schiff über Südafrika fuhr, beschloss José, in Genua auszusteigen und wieder in die Schweiz zu fahren: zur „Viscosi“. Auch Caty kam ohne Deutschkenntnisse 1966 in die Schweiz, arbeitete als Haushalthilfe bei der reichen Witwe eines Hotelbesitzers und besuchte eine allgemeinbildende Fortbildungsschule für Spanierinnen und Spanier. Da sass sie bereits im Klassenzimmer in der alten Kaserne an der Reuss, als auch José in die Klasse eintrat und sich neben Caty setzte. So begann vor 52 Jahren die gemeinsame Geschichte einer Katalanin und eines Madrilenen, die in die Schweiz kamen, weil die Schweiz Arbeitskräfte brauchte und in Spanien Francos Diktatur herrschte, gegen die José auch in der Schweiz noch an Demonstrationen teilnahm. 

Als Ausländer in der Ausländerberatung

1968 heirateten José und Caty, seither heisst sie in der Schweiz Heredero, während in Spanien immer noch ihr Elternname eingetragen ist. José konnte in der Firma mehr Verantwortung übernehmen, schrieb für die Personalzeitung in Spanisch Texte über die AHV und die andern Sozialwerke und über allerlei, später war er in der Redaktionskommission, war für Lehrlinge verantwortlich und dank seiner menschlichen und sprachlichen Fähigkeiten wurde er als „offizieller“ Ausländerbetreuer so etwas wie Sozialarbeiter, er war für die Unterkünfte der Arbeiter zuständig, für das Ledigenhaus, organisierte Fussballturniere für Schichtmanschaften, war Ansprechpartner für Sorgen und Probleme und er war Captain der Fussball-Firmenmannschaft. Sein Vorgesetzter förderte ihn, er konnte viele Kurse besuchen. „Dank der jesuitischen Schulbildung hatte ich einen guten Wissens-Rucksack“, sagt José. 1969 kam Sohn David auf die Welt, vier Jahre später Tochter Mireya. Caty nahm mit Begeisterung die neue Rolle als Mutter an, und als die Kinder grösser wurden, konnte sie in der „Viscosi“ im Kinderhort arbeiten, später in verschiedenen Schülerhorten der Stadt Luzern. Zu ihren Hortkindern gehörte auch Gerardo Seoane, der ehemalige Luzerner und jetzige YB-Fussballtrainer. Dessen Vater war wie José in der „Viscosi“ angestellt. Auch ein VBL-Chauffeur hat Caty im Bus Nummer 6 schon als seine ehemalige Hortnerin begrüsst.

Beide Kinder der Herederos haben in Reussbühl die Matura gemacht und später an der ETH studiert. David ist Maschineningenieur bei einer internationalen Firma, Mireya arbeitet als selbständige Architektin. Beide wohnen in Zürich, und natürlich ist für José und Caty Heimat auch dort, wo die Kinder leben. Die Kinder waren es auch, welche den Doppelbürger-Eltern dazu geraten haben, die Papiere wieder in der Schweiz zu deponieren. „Nach der Pensionierung vor 18 Jahren haben wir den Wohnsitz nach Spanien verlegt, aber seit 2018 habe ich wieder Luzernern Kontrollschilder am Auto“, lacht José. Auch damit hat sich das Heimatgefühl wieder etwas verschoben. Und Heimat ist auch dort, wo man sich im Gesundheitsbereich gut aufgehoben fühlt, wo man rasch medizinisch versorgt wird und wo vieles gut organisiert ist – und das ist für die beiden die Schweiz. 

„Die Schweizer kommen“

Die letzten zehn Jahre vor der Pensionierung arbeitete José Luis Heredero als Personalassistent. „Es war eine harte Zeit, der Firma ging es immer schlechter, wir mussten Leute entlassen oder in Frühpensionierung schicken“, schaut José zurück. Viele schlaflose Nächte für den engagierten Sozialarbeiter waren die Folge, „doch alles in allem bin ich sehr stolz auf diese Firma, die mir so viel ermöglicht hat“, bilanziert der 75-Jährige. Zum 70. Geburtstag hat Caty alle Artikel, die José für die Personalzeitung  "Viscosepost" geschrieben hat, im Staatsarchiv herausgesucht und fotokopieren und zu einem A4-Buch binden lassen. Es sind Hunderte. Der stolze Beweis einer Karriere, die als Textilarbeiter begonnen hat und in einer Kaderstelle endete. 

Noch vor Ostern werden  Herederos wieder „den Chip wechseln“, die 900 Kilometer werden seit zwei Jahren nicht mehr an einem Tag gefahren, sondern eine Übernachtung in Frankreich ist eingeplant. „Als wir früher in Darnius ankamen, hiess es: Die Schweizer kommen. Jetzt heisst es: José und Catalina kommen.“ Sobald sie wieder im 550-Seelendorf im Hinterland von Figueres sind, sind sie auch dort wieder zuhause. Zwar liest José täglich online die „Luzerner Zeitung“ und verfolgt das Geschehen in der andern Heimat, doch bald schon setzt er sich in der hügeligen Pyrenäen-Landschaft aufs Rennrad oder geht wandern. Der ehemalige Fussballer und Schiedsrichter hält sich so fit. Caty engagiert sich wieder für ihre von ihr gegründete Literaturgruppe, die inzwischen über 20 Mitglieder umfasst und die sich regelmässig zur gemeinsamen Lektürebesprechung und zu Lesungen trifft. Sie besucht Yoga- und Pilateskurse und ist eine leidenschaftliche Köchin. Und noch etwas hat zur Zugehörigkeit in Darnius beigetragen: Caty hat eine Broschüre verfasst, in der sie aufwändig Geschichten der Häusernamen ihres Dorfes recherchiert hat. Inzwischen beherrscht sie das Katalanische nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich. Die Buchvernissage war ein grosser Erfolg.

Weiterhin ein Doppelleben

Nach drei, vier Monaten in Katalonien gerät das Heimatgefühl jeweils wieder ins Wanken und die beiden freuen sich auf das andere Land, die Schweiz, in der sie inzwischen mehr Freunde haben als in Spanien. „Ich merke aber, dass es mit zunehmendem Alter nach der Rückkehr länger braucht als früher, bis ich in der deutschen Sprache wieder einigermassen zuhause bin“, erzählt Caty. Sie geniessen die Vorfreude auf den Sonntagsspaziergang hinunter vom Kreuzbuchrain ins Café Mardi Gras, wo José die Sonntagszeitungen liest und auf dem Nachhauseweg am Bahnhof noch eine spanische Zeitung kauft, denn Heimat findet immer auch in der Muttersprache statt. Auch wenn die Zwei-Länder-Beziehung mit zunehmendem Alter manchmal  anstrengend ist, so möchten sie das Doppelleben nicht missen und solange wie möglich weiterhin in den beiden Welten leben. „Wir wissen, dass wir privilegiert sind“, sagen die beiden. Und José ergänzt: „Ich würde das alles wieder gleich machen.“ 

Spanisch-katalanisches Doppel: José und Caty Heredero.

Die Personen:

José Heredero, geb. 1944 in Madrid, Spanien, gelernter Machinenschlosser, arbeitete seit 1964 bis zur Pensionierung 2001 mit wenigen Unterbrüchen in der Viscosuisse und deren Nachfolgefirmen. Zuerst als Textilarbeiter, später als Personalassistent und Redaktor der Personalzeitung. Hobbysportler (Fussball, Velofahren).

Catalina Heredero, geb. 1947 als Catalina Collgròs i Alabau Darnius (Katalonien), kam 1966 in die Schweiz. Arbeitete als Familienfrau und später Hortnerin in Kinder- und Schülerhorten. Gründete in ihrem Heimatdorf Darnius einen Literaturzirkel und veröffentlichte ein Büchlein mit der Bedeutung der Häusernamen in ihrem Dorf.

Beide sprechen Spanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch, Caty zusätzlich Katalanisch. Sie sind seit 1968 verheiratet und haben zwei Kinder, David (geb. 1969) und Mireya (geb. 1973). 

Die weiteren Beiträge zur Serie „Beziehungen im Alter“

1. März 2019