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Klima-Zwingli

Von Judith Stamm

Unerhörtes passiert in der Stadt Zürich. Der Reformator Zwingli wird an verschiedenen Orten vom Sockel geholt, um über aktuelle Themen zu reden. Kolumnistin Judith Stamm verfolgt dies mit Interesse.

Die Statue des Klima-Zwingli sah ich erstmals an der vergangenen Erstaugustfeier in Zürich auf dem Bürkliplatzareal. Sie hatte einen prominenten Platz in den vorderen Zuschauerrängen. Ihr Blick war auf das imposante Gebäude der Schweizerischen Nationalbank gerichtet. Zu Füssen lag ihr ein Globus, mit Abfall übersät. Daher der Name „Klima-Zwingli", der in verschiedenen Reden genannt wurde. Auf meine Frage an einen Zuständigen, wie lange die Statue noch hier stehen bleibe, wurde eine Frist von ungefähr drei Wochen genannt. Da lohnte es sich doch, dieser merkwürdigen Sache nachzugehen.

Natürlich wurde ich im Internet fündig. Da war offenbar am letzten Zürifäscht, das vom 5. – 7. Juli gedauert hatte, die Zwinglistatue bei der Wasserkirche vom Sockel gehoben und auf die Strasse gestellt worden. Wer immer wollte, konnte sich neben sie stellen, ein Selfie machen, knipsen und posten. Darauf hatte auch der Festredner der Erstaugustfeier, Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, angespielt. Er hatte nämlich gesagt, wer nicht vom Sockel steige, verroste. Durchaus bedenkenswert!

Meine Recherchen ergaben, dass es nicht bei einer Statue bleibt. Weitere Zwinglistatuen werden an verschiedenen Standorten in der Stadt Zürich aufgestellt und sollen zum Gespräch anregen. Es werden „Zwingli-Gspröch" stattfinden. Die Menschen sollen offen und kontrovers ausdiskutieren, „wo es ihnen den Hut lupft". Das ist eine Anspielung an das diesjährige Sechseläuten. Da hat es dem Böög den Zwinglihut gelupft.

Die Themen werden von den Statuen gesetzt. Da gibt es einen „Wohnungs-Zwingli", einen „Sozial-Zwingli", einen „Integrations-Zwingli". In der Nähe des Hauptbahnhofes soll ein „Entschleunigungs-Zwingli" postiert werden. Dem zu begegnen freue ich mich ganz besonders.

Der Klima-Zwingli war also der erste einer ganzen Reihe gewesen. Weitere werden folgen. Und für den nächsten 6. Dezember ist die Versteigerung aller Figuren in Aussicht genommen. Am Tag des heiligen Nikolaus! Keine schlechte Wahl des Datums. Der Erlös wird an eine soziale Organisation gehen. Die ganze Aktion findet im Rahmen des Jubiläums „500 Jahre Reformation" statt. Getragen wird sie in ökumenischem Sinn von den drei Landes- und Stadtkirchen.

Interessanterweise ist diese ganze „Zwingli-Aktion", die seit längerem in den Medien reichhaltig ausgebreitet wurde, meiner Aufmerksamkeit entgangen. Jetzt bin ich froh, dass ich den Anfang erwischt habe und beobachten kann, wie sich das Ganze entwickelt. Bis 1960 lebte ich in Zürich als Diasporakatholikin. Mir sind noch die ersten zaghaften oekumenischen Begegnungen präsent. Über die heutigen dynamischen Bemühungen und Bestrebungen der Zusammenarbeit der Kirchen freue ich mich deshalb von Herzen.

Eines Gedankens kann ich mich nicht erwehren. Wie war das jetzt in der Reformation? Da wurden die Kirchen geleert von all den „überflüssigen" Bildern und Statuen. Und Zwingli, der 2019 von seinem Denkmalsockel steigt, verwandelt sich in eine Mehrzahl von Statuen, die die Bibel in die Quartiere bringen. Denn das ist der Sinn der ganzen Geschichte. Das Wort Gottes soll aus den Kirchen raus und auf den Strassen und Plätzen ins Gespräch gebracht werden. Welch wundersame Wandlung! – 27.8.2019

judithstamm@tic.ch

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.

 

Der Klima-Zwingli beim Grossmünster in Zürich.