Linguistin Helen Christen. Bild: Joseph Schmidiger

Es kommt halt drauf an

Von Helen Christen

Meine Lieblingsfarbe ist taubenblau, nein lindengrün oder doch tomatenrot? Kommt drauf an. Auf meine Stimmung, möglicherweise auch auf die Jahreszeit, darauf, ob es sich um die Farbe einer Bluse oder einer Tapete handelt. Mein Lieblingskomponist ist Beethoven, nein Tom Waits … Kommt auch bei Musik drauf an. Lieblings-Formulierungen machen keinen Hehl daraus, dass sie Fragen des individuellen Geschmacks betreffen. Und Lieblings-Inhalte sind Wetterfahnen, weil sie eben von allerlei Umständen abhängig sind und wir etwa zum jetzigen Zeitpunkt mit ziemlich anderen privaten Bestenlisten unterwegs sind als noch vor zwanzig Jahren. Ist es da nicht verwunderlich, mit welcher Selbstverständlichkeit uns jahraus jahrein Listen präsentiert werden, die suggerieren, dass es «das» beste Buch, «die» schönste Stadt, «the» sexiest man alive etc. gäbe? Kommt es nicht auch hier drauf an? Superlative und Lieblings- haben das Zeug, entweder ein Buch, eine Stadt, einen Mann als besonders herauszustellen. Automatisch eingerechnet ist dabei der Vergleich zu allen anderen Büchern, Städten, Männern. Erst wer einmal wie eine Maria Callas als «Diva assoluta» gesetzt ist, muss selbst postum nicht länger um Gegenüberstellungen fürchten.

Im besten (!) Fall leisten Bestenlisten, Sternevergaben, Auszeichnungen willkommene Orientierungshilfe im Dschungel konkurrierender Angebote. Medienformate, die sich der Aufklärung und Beratung von Konsument:innen verschrieben haben, beurteilen Produkte von der Handseife bis zum All-Inclusive-Urlaub. Das hautschonendste und umweltverträglichste Konsumgut, auf einer Skala benotet, nach offengelegten Kriterien. Gewisse Dinge kann man messen, entsprechende Superlative also nicht völlig abwegig. Der höchste Berg – klar. Der schnellste Mensch – schon schwieriger: auf welche Distanz bezieht sich die Schnelligkeit? Der schönste Sopran, der beste Roman, der Oscar, der Golden Globe: Da mögen Fachjurys noch lange werweissen, letztlich kommen ob noch so kluger Kriterien Fragen des Geschmacks, der Denkart, des Marktes ins Spiel. Bestenlisten locken Menschen in Stadien, in Buchhandlungen, an Ausflugsdestinationen. Das ist nicht weiter verwerflich, machen doch vielleicht «beste Bücher» Nicht-Leser:innen zu Leser:innen, die plötzlich Gefallen finden am Lesen überhaupt. Oder der Besuch im «allerschönsten Open-Air-Kino» (Eigenwerbung) in Locarno verführt dazu, sich auch nach den Ferien einen Film statt am heimischen Fernseher lieber im Kino anzusehen.

Sogar Rankings, die eher auf Gutdünken denn auf exakter Vermessung beruhen, sind Orientierungshilfen. Sie bilden den Kanon des derzeit angesagten Geschmacks und sind für Adabeis unerlässlicher Kompass für das Navigieren durch die Üppigkeit des Angebots und die sichere Landung bei den aktuellen Trends: Kim de l’Horizon und nicht Heimito von Doderer, Tanja Grandits und nicht Schnipo im Löwensäli!

Die Welt als Ranking: Bestenlisten, Sternevergaben und Superlative passen ganz gut zum zeitgeistigen Anspruch an das Leben. Die horrenden Vergütungen, die sich Wirtschaftsführer, Sport- und andere Grössen auszahlen lassen, übersteigen mit ihrer Kaufkraft selbstredend landläufige Phantasien vom Geldverprassen. Aber nicht der Erwerb von Jachten und Villen steht im Vordergrund, sondern den Krösussen geht es um die begehrten Spitzenplätze eines Rankings, das allein durch die schiere Anzahl von Milliarden und Millionen bestimmt wird, siehe «Top Ten der Reichsten» (bilanz.ch), «die zehn bestbezahlten Schauspieler der Welt» (wiwo.de) etc.

Genug ist nicht genug. Auch für jene, die so häbchläb über die Runden kommen, scheint heutzutage die Losung zu gelten, überall das Beste herauszuholen und wenigstens im Nichtschwimmerbecken zuvorderst dabei zu sein. Ferien, Restaurants, Kleider, die selbst für Normalos in bezahlbarer Griffnähe sind, müssen in der eigenen Biosphäre etwas herzeigen. Wenn schon, dann kommt dafür eben nur der «weisseste» Sandstrand, die «längste» Flaniermeile, das «trendigste» Hemd in Frage.

Weil sich im Gerangel um Absatz – auf der anderen Seite – die Anbieter mit immer gewagteren Superlativen überbieten müssen, geraten diese in berechtigten Verdacht, blosse Köder auszulegen. Stehen die Superlative auf allzu wackeligen Füssen, ist gut beraten, wer sich an die bewährte Praxis von Reiseführern hält, zu deren Kerngeschäft Superlative gehören: Die bedeutendste gotische Mariendarstellung – im unteren Toggenburg. Die steilste Zahnradbahn – im westlichen Mittelland. Selbstverständlich kann es der Dotteberg (657 m ü. M.) in Sachen Aussicht nicht mit der Rigi (1798 m ü. M.) aufnehmen. Der schönste Aussichtspunkt des oberen Rontals ist er aber wohl allemal. Man merke: einfach Gültigkeitsbereich einschränken! Es kommt halt wie immer drauf an.

6. März 2026 – helen.christen@luzern60plus.ch

Zur Person
Helen Christen, geboren 1956, ist in St. Erhard aufgewachsen und wohnt seit vielen Jahren in Luzern. Bis zu ihrer Emeritierung war sie Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg i. Ü. Das Interesse an der deutschen Sprache in all ihren Facetten und die Lust an der Vermittlung linguistischen Wissens waren nicht nur die Triebfedern in ihrem Berufsleben, sondern prägen auch den neuen Lebensabschnitt.