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Lisa Bachmann nutzt ihre Narrenfreiheit

Lisa Bachmanns Leben hat so viele Facetten, über die zu erzählen wäre! Wo anfangen? Zum Beispiel da, wo sie gerade anzutreffen ist, als ich sie in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung in der TribschenStadt besuche: Am Käfig der zwei Wüstenrennmäuse, die Lisa notfallmässig für eine Woche in Obhut genommen hat, weil die vorgesehene Hütefamilie ausfiel. Bevor wir uns an den Tisch setzen, soll ich Lisa helfen, einer der beiden Mäuse ein paar Notfalltropfen einzuträufeln. „Die verhält sich gegenüber der anderen so aggressiv. Die Tropfen sollen sie friedlicher stimmen. Mal sehen, ob es wirkt“, erklärt sie.

Streitbar und politisch motiviert
Daraus sollte man aber nicht schliessen, dass Harmoniebedürfnis in ihrem eigenen, 61 Jahre zählenden Leben das hervorstechende Merkmal ist. Die Theaterfrau – Schauspielerin, Regisseurin, Autorin – und frühere Lehrerin kann auch ganz schön streitbar sein. Diese Eigenschaft hat sie jedenfalls als politische Frau ausgezeichnet, die sie von jeher ist. „Kultur- und Frauenpolitik waren meine Sache, aber nie Parteipolitik“, präzisiert Lisa. Zuerst war da der Einsatz für Jugendarbeit und Jugendkultur im Wärchhof und in der Stiftung Jugendförderung, aber auch für das Kinder- und Jugendtheater, dem sie in der Stadt Luzern in den 1980er-Jahren den Weg bereitet hat.

Und dem sie noch heute beruflich zugetan ist: Die Leiterin von „eccoRONDO junges theater luzern“ hat als Regisseurin mit ihrer Truppe gerade „Zebraland“, die 21. Produktion, mit viel Erfolg im Theaterpavillon gezeigt. Wer sie zuvor bei den Proben zu diesem Stück beobachten konnte, bekam einen Einblick in Lisas Art zu führen: Als Regisseurin gibt sie klare Anweisungen, lässt Szenen mehrfach wiederholen, beharrt darauf, emotionale Feinheiten einer Figur genau herauszuarbeiten. Volle Konzentration bei der Truppe, dann wieder Lachen, Diskussion über ein Detail einer Szene. Lisa lässt die Gruppe den Entscheid gemeinsam finden. Und als der anders rauskommt als ihr Vorschlag, sagt sie: „Ihr habt mich überzeugt.“ Sie ist die gestrenge Regisseurin, sie lässt sich aber auch in Frage stellen. Selbstironie zeichnet sie aus, und sie sagt von sich, dass sie auch gut mit Kritik umgehen kann: „Ich schau in den Spiegel, den andere mir vorhalten.“

Die Narrenfreiheit der freischaffenden Theaterfrau
Weil sie kulturelle Initiativen vernetzen und auch politisch verankern wollte, war Lisa Bachmann in jungen Jahren eine der MitbegründerInnen des Luzerner Kulturforums. An vorderster Front wirkte sie auch mit im Kampf um das Frauenzentrum Zefra und im Komitee „Mehr Frauen in die Behörden“. Sie moderierte im letzten Frühjahr die „Nacht der langen Frauengeschichten“. 1987 gründete Lisa die Frauentheatergruppe „Emazonen“. Ihr kabarettistisches und sprachspielerisches Talent zeigt sich schon im Titel einiger Stücke, die sie für die Emazonen und andere Theatergruppen geschrieben hat: „Die dargebotene Frau“, „ Maid in Switzerland – ein Abend voller Lesbenfreude“ oder „Setz dich nicht ins Lesbennest“.

Seit 1991 ist Lisa freischaffende Theaterfrau. „Damit habe ich die Narrenfreiheit, an allen Fronten zu kämpfen. Niemand kann mich entlassen“, sagt sie.

Mutter sein – die Wende im Leben
Eine entscheidende Wende in Lisas Leben brachte die Zeit um die Jahrhundertwende, als sie sich mit ihrer damaligen Lebenspartnerin für ein Leben mit Kindern entschied. Im Jahr 2000 wurde der Sohn Lou geboren, zur Welt gebracht hat ihn ihre Lebenspartnerin; drei Jahre später kam die kleine Malin zur Welt. „Schon während der Schwangerschaft habe ich mich als Mutter gefühlt, habe den ungeborenen Kindern Lieder vorgesungen. Da war von der ersten Stunde an eine Verbindung zu Lou, dann zu Malin“, erinnert sie sich. Diese Verbindung ist heute stark von beiden Seiten; die Kinder hängen sehr an Lisa. Auch wenn sie zwei Mütter haben, fühlen sie sich als ganz normale Familie. Die beiden Frauen stehen explizit zu dieser Familienform, sie haben sich sogar vor über zehn Jahren in der Sendung „Quer“ des Schweizer Fernsehens öffentlich dazu bekannt, was damals wohl noch eine Portion Mut brauchte. Und auch für die Kinder ist es das Selbstverständlichste der Welt, zwei Mütter zu haben. Lisa selber bemerkt bei sich, dass sie weicher und geduldiger geworden ist, auch Dritten gegenüber. „Ich kann besser zuhören. Und das hat mit meinen Kindern zu tun!“

Die neue Rolle als Familienfrau hat Lisa dazu gebracht, die Theaterarbeit zu reduzieren, und sie hat das Engagement in der Kultur- und Frauenpolitik eingestellt. Der Rückzug aus der politischen Arbeit sei aber auch eine Zeiterscheinung, meint Lisa. „Früher haben sich Frauen gemeinsam für ihre Ziele eingesetzt, heute ist eher Einzelkämpfertum angesagt.“ Aber jetzt will Lisa der Trägheit etwas entgegensetzen. Sie ist neuerdings im WyberNet aktiv, dem schweizerischen Netzwerk für lesbische,  engagierte Berufsfrauen. „Ich kann nicht einfach mitlaufen, ich will etwas bewegen. Denn schon immer war ich innerlich irgendwie angezündet, und ich kann auch andere Leute anzünden.“ Sie nennt es das pädagogische Feuer, das bis heute nicht erloschen sei.

Neugier, Begeisterung, Narrenfreiheit – diese Eigenschaften lassen noch einiges erwarten von der Theaterfrau. Ja, Lisa ist immer noch neugierig auf das Leben. Sie interessiert sich für Menschen und ihre Geschichten. Eine gute Voraussetzung auch für ihr zweites berufliches Standbein: Sie bietet Ghostwriting an, schreibt also Texte für PolitikerInnen und andere, die bei öffentlichen Auftritten gerne mit gekonnten Reden punkten.

Und wer weiss, vielleicht ist Lisas nächstes Theaterstück Menschen und Mäusen gewidmet. Jedenfalls schaut sie am Schluss des Gesprächs interessiert nach, ob sich die streitbaren Mäuse nun besser vertragen.
Marietherese Schwegler – 26. November 2013