Abgegeben
Meist ist es nicht nett gemeint, wenn man über jemanden sagt: «Er oder sie hed abgäh». Der Ausdruck hat Hans Beat Achermann animiert, sich in einer Glosse Gedanken über das Abgeben zu machen.
Neulich habe ich einen alten Bekannten getroffen und anschliessend gedacht: «Er hed abgäh.» Der Bekannte ging weiter, auch meine Gedanken wanderten weiter. Ich stutzte ob meiner Wortwahl: Was hat er abgegeben? Freiwillig hat er kaum etwas abgegeben. In unserem Alter gibt man ungern freiwillig etwas ab.
Abgegeben hat man früher Prüfungsarbeiten. Abgeben musste man mit vierzig die Dienstwaffe und die Militärausrüstung. Abgeben muss man mehr oder wenig pünktlich die Steuererklärung. Pflichtbewusste geben jeweils die Abstimmungsunterlagen ab. Und der diensthabende Redaktor wartete auf die Abgabe des letzten Textes. Abgeben musste man mit 65 die Büroschlüssel. Irgendwann muss man den Fahrausweis abgeben, falls man es verpasst hat, das rechtzeitig selber zu tun, bevor der Arzt denkt: «Er hed abgäh» und im medizinischen Gutachten schriftlich den Daumen nach unten hält.
Und dann kommt noch die letzte Abgabe, die des Esswerkzeugs, das zu früheren Zeiten individuell zugeordnet war. Dann heisst es nicht mehr nur: «Er hed abgäh», sondern «Er hed de Löffel abgäh». Doch vorerst geben wir noch nicht ab – und wir geben nicht auf. Auch wenn die Schritte unsicherer werden, die Falten tiefer, das Namensgedächtnis nachlässt und der Bekannte auf der Strasse nach dem Abschied bei sich denken mag: «Er hed abgäh».