Der junge Alfred Waldis mit den Skizzen für «sein» Verkehrshaus in den Händen: Bild: zvg
Atemberaubend! Diese Welt!
Ein neuer Dokfilm erzählt, wie Alfred Waldis fast im Alleingang Ende der 1950er Jahre das Verkehrshaus aufbaute – eine Geschichte, wie sie heute kaum mehr möglich wäre. Unsichtbar blieb bislang, in welche existenzielle, psychische Nöte Waldis damals geriet.
Als ich vom Verein «Freundeskreis Alfred Waldis» vor zwei Jahren angefragt wurde, einen Dokfilm über den Erbauer des Luzerner Verkehrshauses zu drehen, musste ich nicht allzu lange überlegen. Zwei Aspekte dieser Geschichte fand ich besonders spannend: Wie ein junger SBB-Beamter ein Museum aufbaute, ohne jegliche Erfahrung, was einen Museumbetrieb anbelangte – und das auf stadteigenem Boden, ohne dass hierzu eine Volksabstimmung nötig erschien. Und bereits ab dem Eröffnungstag im Juli 1959 war es das bestbesuchte Museum der Schweiz.
Zudem faszinierte mich, nochmals in eine Zeit einzutauchen, die heute sehr weit entfernt scheint: in die 1960er und 1970er Jahre, als der Autobahnbau boomte, das Auto glorreiche Zeiten feierte und zum Ausdruck des neuen Wohlstandes der Mittelklasse wurde. Nirgends sonst wurde die neue Mobilität so überschwänglich und eindrücklich gefeiert wie im Luzerner Verkehrshaus.
Ich war ein Jugendlicher und bewunderte ungläubig, wie ein Senkrechtstarter der Royal Air Force vor dem Verkehrshaus landete. Dies festigte meine Absicht, Pilot zu werden (was dann allerdings später daran scheiterte, dass ich die Farben Rot und Grün zu wenig unterscheiden konnte). Die Zukunft schien – dank den Wunderwerken der Technik – grossartig zu werden. Erst Jahre später wurde auch dem Letzten klar, dass Technik nicht nur Probleme löst, sondern auch solche schafft, gerade in der Mobilität.
Die Welt nach Luzern gebracht
Das Verkehrshaus hat Luzern verändert. Das damalige Luzern sei im Winter ein Kaff gewesen, sagt im Film der (inzwischen verstorbene) Publizist Karl Lüönd. Das Verkehrshaus habe hier ein Änderung bewirkt, indem es die Welt nach Luzern gebracht und den Leuten gezeigt habe, was es alles gebe auf dieser Welt. Alfred Waldis war ein gefeierter Macher und ein unermüdlicher Netzwerker, der beispielsweise das Kunststück fertigbrachte, mitten im Kalten Krieg amerikanische Astronauten und sowjetische Kosmonauten nach Luzern zu holen.
In den überlieferten TV- und Wochenschaubeiträgen erscheint Waldis als ein wandelndes Technik-Lexikon, bleibt jedoch emotional unnahbar und wenig fassbar (was für einen Film keine ideale Ausgangslage ist). Glücklicherweise erlaubte mir die Familie Waldis, für den Film auch private Korrespondenz zu nutzen. So wurde in Briefen deutlich, welchen Preis Waldis' Dauereinsatz und sein Hang zur Perfektion verlangten: Der Mann wurde von Schuldgefühlen geplagt, er realisierte, dass er seine Familie vernachlässigte und geriet in grosse psychische Nöte.
Im 75-minütigen Film erinnern Familienmitglieder, einstige Mitarbeitende und FreundInnen an das Leben und Wirken von Alfred Waldis, der angetrieben war durch einen unstillbaren Wissenshunger und seine Mission, dieses Wissen anschaulich zu vermitteln.
Nach der Premiere im Verkehrshaus-Kino am 27. Mai (geladene Gäste) wird der Film öffentlich im Stattkino Luzern gezeigt: am 28. Mai (18.30 Uhr), 31. Mai (11 Uhr) und am 3. Juni (13.30 Uhr). Reservation wird empfohlen (Eintritt frei, Kollekte).