Auf dem Weg zur Smartphone-Despotie

03.11.2026 | Meinrad Buholzer

Ohne Smartphone geht fast nichts mehr. Doch Kolumnist Meinrad Buholzer befürchtet, dass wir auf dem besten Weg zu einer technologisch versklavten Gesellschaft sind, der die Menschlichkeit ausgetrieben wird.

Sind wir auf dem Weg zur technologischen Versklavung? Bild (KI-generiert): magnific.com
Sind wir auf dem Weg zur technologischen Versklavung? Bild (KI-generiert): magnific.com

Illusionen mache ich mir keine, dennoch wage ich einen Selbstversuch: Wie lange, frage ich mich, lässt es sich hierzulande ohne Smartphone leben (ich habe nur ein billiges Handy)? Kommen wir noch aus der Abhängigkeit heraus, in die wir uns aus Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit manövriert haben? Eher nicht. Ohne das omnipräsente Gerät wird der Spielraum im öffentlichen Leben immer kleiner. Und jene, die uns zu Diensten sein sollten, so der ÖV, tragen massgebend dazu bei, indem sie voll aufs Smartphone setzen. Dereinst wird wohl auch unsere direkte Demokratie per Smartphone erledigt. (Ein Beispiel für die verhängnisvolle Abhängigkeit: Im hoch digitalisieren Dänemark konnten Sozialarbeiter Obdachlosen nicht mehr helfen, weil sie keine Bankkarten, Sozialversicherungsnummern, Adressen oder Smartphones hatten.)
 
Dabei wurden wir nie gefragt, haben nie darüber abgestimmt, ob wir diese Smartphone-Gesellschaft wollen, die unser Leben mehr und mehr bestimmt und manipuliert. Nicht die Technologie an sich ist das Ärgernis, sondern die damit verbundene Kontroll- und Profitgarantie für die Techfirmen – der Überwachungskapitalismus (Shoshana Zuboff). Die essenziellen gesellschaftlichen Fäden werden nicht mehr demokratisch in Legislativen und Exekutiven gesponnen, nein, die Techoligarchen lassen die Puppen vom Silicon Valley aus und nach ihrer Partitur tanzen. Aber auch auf unserer Seite hapert es: Dass nämlich die Menschen sich und ihre politischen Verpflichtungen aufgeben, wie die amerikanische Historikerin Jill Lepore festgestellt hat. «Für viele hat die politische Pseudo-Beteiligung in den Social Media andere Formen der Partizipation ersetzt.»
 
Wenn wir schon unsere Gesellschaft zu einer Smartphonokratie entwickeln, dann müsste allen ein solches Gerät – wie ein Pass, dessen Funktion es sowieso übernehmen wird – von Staates wegen zur Verfügung gestellt werden, autonom und ohne Abhängigkeit von den Herstellerfirmen.
 
Der Autor Ernst Jünger hatte das Smartphone 1949 im Roman «Heliopolis» erstaunlich detailliert vorausgesehen. Phonophor hiess das Gerät und Jünger sah es am Übergang der «Volksherrschaft zur Despotie». Man trage es in der linken Brusttasche, telefoniere mit ihm, bezahle, rufe Wetterprognosen ab, führe Volksbefragungen durch; es könne als Zeitung, als Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwendet werden. Unschätzbar sei der Phonophor für die Polizei, weil mit ihm immer feststellbar sei, wo man sich befindet. Vor allem aber: «Dem früheren Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte entsprach in diesem Zustand die Einziehung des Phonophors, die Streichung aus dem Koordinatensystem ...»
 
Man musste nicht auf die jüngsten KI-Horrorszenarien warten: Alles deutet längst daraufhin, dass der Mensch zu einer verhandelbaren Masse wird. So muss er um jeden Preis Energie sparen, während KI, Bitcoin und Co. den Stromverbrauch ins Unermessliche katapultieren. Bei uns macht man trotz Hitzesommern ein Riesentheater um Klimaanlagen, aber Computerzentren und Einrichtungen für neue Technologien werden unhinterfragt und ohne Wimperzucken klimatisiert, weil sie sonst nicht funktionieren. Da fragt man sich: Ist die Technik für den Menschen da? Oder ist der Mensch für die Technik da? Auch wenn es drastisch tönt: Wir sind auf dem besten Weg zu einer technologisch versklavten Gesellschaft, der die Menschlichkeit mit angeblich notwendigen Hilfsmitteln ausgetrieben wird. Dazu braucht es keine Sklaventreiber mehr, wir selbst schauen dauernd auf smarte Geräte, um zu prüfen, ob wir die geforderte Leistung erbringen.
 
Es stellt sich ernsthaft die Frage, ob ein Kollaps der Energieversorgung unter einer masslosen Stromverschwendung eine Utopie oder eine Dystopie wäre, ein Fluch oder ein Segen? Leider wahrscheinlich für die meisten ein Fluch, weil die Tech-Lords sich – mit einer wie auch immer gearteten futuristischen Arche Noah – rechtzeitig in Sicherheit brächten.
 
Zum Finale ein erbauliches Zitat von «OpenAI»-Gründer Sam Altman: «Wenn ich nicht selbst mitmachen würde, würde ich mich fragen: Wie kommen diese Arschlöcher dazu, über mich zu entscheiden?» 

Meinrad Buholzer

Meinrad Buholzer

Kolumnist

Geboren 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens. Arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist.  Von 1975 bis 2012 leitete er die Redaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA). Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene.