Auf in die nächste Lebensphase

23.06.2026 | Hedy Bühlmann (Text) und Andrea Moor (Bilder)

Die Stadt Luzern hat im Frühling wie jedes Jahr zum «Zwischenhalt» in die Schüür eingeladen. Neben dem Wohnort haben die geladenen Gäste noch etwas gemeinsam: sie sind alle 1961 geboren und beschäftigen sich mit der Zeit vor oder nach der Pensionierung.

«Zwischenhalt» in der «Schüür»: Die jungen Alten freuen sich des Lebens oder wie Udo Jürgens bereits 1977 sang: «Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.»
«Zwischenhalt» in der «Schüür»: Die jungen Alten freuen sich des Lebens oder wie Udo Jürgens bereits 1977 sang: «Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.»

Die Menschenschlange vor dem Einlass in die Schüür wird länger und länger. Es regnet. Die Leute bieten sich gegenseitig Schutz unter den aufgespannten Schirmen. Die Stimmung ist heiter, ein bisschen aufgekratzt. Von allen Seiten tönt es: «Kennst du mich noch? Was, du bist auch schon 65?» Louis, ein Bekannter, fragt mich: «Was machst du denn hier? Du bist doch ein paar ‹Jöörli› älter als ich?» Antworten kann ich nicht, Ruth tippt mir auf die Schulter: «Ich wusste gar nicht, dass du auch schon so weit bist». Es ist einfach, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Alle haben eines gemeinsam und fühlen sich verbunden: Sie gehören zur Gruppe der 65-jährigen Luzernerinnen und Luzerner.

Die Disco-Jugend kommt ins Alter

Dieses Jahr reden die Organisator*innen des «Zwischenhalt» von einem regelrechten Ansturm auf die Veranstaltung. Angemeldet haben sich längst nicht alle, aber das OK von «Luzern60plus» ist gewieft und schnell werden die in der Schüür verfügbaren Stühle in den Konzertsaal verschoben. Marlene Odermatt vom Forum Luzern60plus begrüsst das Publikum, noch nie seien so viele zum «Zwischenhalt» gekommen. Es müsse am Jahrgang 1961 liegen, der früheren Discojugend, «die sich heute in der Schüür ein Stell-dich-ein gibt», sagt Marlene. Heiterkeit macht sich breit. 

Seltsam hört es sich an, von der Luzerner Sozial- und Sicherheitsdirektorin Melanie Setz als Rentnerin und Rentner begrüsst zu werden und zu erfahren, dass auch die Rentner*innen ihren Platz in der Stadt hätten. Meine Gedanken kreisen. Es ist nicht so, dass ich den «Zwischenhalt» für angehende Rentner*innen zum ersten Mal als Berichterstatterin besuche. Es ist jedoch so, dass ich auf Ende 2025 definitiv meinen Job gekündigt habe. In Rente gehen hätte ich schon vor mehr als 40 Monaten können. Ich zog meinen geliebten Job-Alltag indes vor und habe diesen Entscheid nie bereut. Und ganz wichtig: Mein Arbeitgeber hat mich weiterarbeiten lassen, das Alter wurde als Mehrwert und nicht als Makel bewertet. Gelebte Diversität. Superschön für mich, ich weiss.

Der durchgetaktete Tagesablauf, die Gespräche mit spannenden Menschen, meine Kolleg*innen, Online-Meetings und Seminare moderieren, neue Formate entwickeln, der IT ein Ticket schreiben, zwischen Zürich und Luzern unterwegs sein, Einschätzungen geben, Berichte schreiben – all das ist weg. «Die neue Realität schafft Platz, sich neu zu erfinden»: Diesen Satz habe ich so oft gehört und ich übe mich in Akzeptanz. Nie hätte ich gedacht, dass zwischen dem Zeitpunkt, die Rente ab 64 zu beantragen oder sie 40 Monate später abzurufen, gefühlsmässig ein solch grosser Unterschied ist. 

Wenn Klischees zu Realität werden

Auf der Bühne tut sich was. Das Luzerner Schauspielkolletiv «Theaterkoffer» nimmt in seinen Szenen Klischees über die Pensionierung auf, es provoziert und sensibilisiert. Da werden Bilder von leeren Agenden, von mehr Zeit für die Enkelkinder, vom Aufbau des eigenen Business, von Wunschreisen im Wohnmobil, von Longevity, ewigem Frühling, von Gelassenheit und Weisheit skizziert. Ein Schauspieler gibt den Politiker und macht dem Publikum Mut, «sich auf die neue Lebensphase zu freuen und den wohlverdienten Ruhestand zu geniessen». Er ist ganz auf die Vision glücklicher Rentner*innen fixiert, die vor Lebensfreude und Vitalität sprühen. Ausgeblendet werden Armut, Krankheit und Verletzlichkeit.

Die Luzerner Gruppe «Theaterkoffer» packt Bilder zur Rente aus.
Die Luzerner Gruppe «Theaterkoffer» packt Bilder zur Rente aus.

In einer anderen Szene realisiert ein Paar im Streit, dass seine Vorstellung von gemeinsamer Zeit nach 65 unterschiedlicher nicht sein könnte. Während der Mann bis zwölf Uhr schläft, hat die Frau bereits im Yoga meditiert, am Spanischunterricht teilgenommen und das Mittagessen vorbereitet. Offensichtlich hat sie die Zeit nach der Pensionierung geplant, gestaltet ihre Tage, er hingegen lässt sich treiben. Das Schauspiel-Kollektiv verdichtet die aufkommenden Fantasien des Publikums in Kurzdialogen. Der eine fragt: «Geniesst du die Pensionierung auch?» Der andere antwortet: «Es gibt nichts zu geniessen.» Sie fragt: «Wie lang musst du noch arbeiten?» Er weiss es genau, nämlich noch 367 Tage.

Die Schlussszene hat es in sich: Die Schauspieler*innen schicken sich Papierflieger zu mit Aufschriften wie «Kindheit», «abschalten», «Fragen stellen», «nachholen», «Demut», «Entwicklung», «Endlichkeit», «Tod», «grossartig», «Reflexion», «jung», «alt», «Plan», «Veränderung», «Gelassenheit», «Neugierde», «Veränderung», «traumhaft», «Kreativität», «Leben». Die Message sitzt. Das Kollektiv hat aus seinem Theaterkoffer unzählige Anregungen und Impulse für die Zukunft der jungen Alten gezaubert. 

Und so ists auch im Leben

Den Übergang von der Arbeitswelt in die gesellschaftlich verordnete Pensionierung ab 65 erleben wir alle sehr divers und individuell. Die einen freuen sich drauf, die andern fürchten sich davor. Wie wir die kommende Lebensphase gestalten, hängt auch von der Gesundheit, dem sozialen Umfeld, von finanziellen Mitteln und massgeblich von unserer Haltung ab. Eigentlich wissen wir das alle. Der Übergang von der offiziellen Arbeitsphase bis 65 in die nächste Phase lässt unzählige Möglichkeiten offen – vorausgesetzt, wir stellen uns drauf ein.

Das zeigt sich auch in den angeregten Gesprächen beim anschliessenden Apéro. Susan erzählt, dass sich ihr Partner frühpensionieren liess und sie nun gemeinsam verreisen würden. Bea ist stolz darauf, dass sie noch weiterarbeiten kann in einem 60%-Pensum. Das sei ihr Wunsch gewesen. Ihre Tischnachbarin bemerkt in einem etwas angespannten Ton: «Wie hast du das denn geschafft? Das würde mir auch gefallen, mich hat allerdings niemand gefragt.» Monika überlegt: «Beachtlich, dass die Stadt das Forum Luzern60plus geschaffen hat. Ich überlege mir, mich im Forum zu engagieren.» Sie sieht eine Chance für die Ü60-Generation von der Stadt gehört zu werden, das Sprachrohr aus dem wirklichen Leben. Rolf hört zu. Mit 63 Jahren hat er die Kündigung erhalten. Seither sei er beim RAV und positiv überrascht, wie er durch Coaching bei der Stellensuche unterstützt worden sei. Froh über das Sozialversicherungssystem, geht er nun in Rente. Den Gürtel habe er bereits gelernt enger zu schnallen, sagt er schmunzelnd. Auch vom wirklichen Leben.

Hedy Bühlmann

Redaktorin