Das Unsichtbare sichtbar machen
Die Luzerner Dokumentarfilmerin Ursula Brunner (64) gibt gesellschaftlichen Themen Gesichter und schafft so Verständnis für ganz unterschiedliche Lebensbedingungen. Ihre eigene Biografie hat ihre Art, Themen filmisch aufzugreifen, entscheidend beeinflusst.
Im vergangenen April wurde im Stattkino in der Filmreihe «Wie wir wohnen» der jüngste Dokumentarfilm von Ursula Brunner gezeigt: «Der Umzugskoordinator – Abschied von der Wohnung». Mit ihrem gewohnt empathischen Kamerablick zeigt Brunner darin vier Betroffene, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen, sich von Vertrautem trennen müssen und einen Neuanfang wagen. Andrea Capella, Umzugskoordinator und Hauptfigur des Films, unterstützt seine Klient*innen dabei im Auftrag der Sozialen Dienste der Stadt Luzern. Die Wahl des Plots ist gewollt: «Im Umzugskoordinator sind ganz viele Themen drin, die ich zeigen wollte, um Verständnis für die Betroffenen und ihre Situationen zu schaffen», so Brunner.
Schwierige Startbedingungen
Dass Ursula Brunner in all ihren Filmen – es sind mehr als 20 – gesellschaftliche und persönliche Lebenssituationen aufgreift, die sonst wenig sichtbar sind, hat ihre Wurzeln in ihrer Lebensgeschichte, die 1961 in Eschenbach begann. «Ich habe als Kind die Aussenseiterrolle kennengelernt. Mein Vater war alkoholkrank und meine Eltern liessen sich scheiden, als ich sieben Jahre alt war. Ich und meine Geschwister waren weit und breit die einzigen Scheidungskinder und entsprechend stigmatisiert.» Da sie daheim mithelfen musste, blieb wenig Zeit für Schularbeiten. «Es erstaunt mich heute noch, dass niemand hingeschaut und sich dafür interessiert hat, weshalb ich in der Schule so schlecht war», erinnert sich Brunner. Mit grossem Willen erkämpfte sie sich selber den Zutritt zur Sekundarschule, die sie zwei Jahre durchhielt. Mit einem schlechten Abgangszeugnis in Zeiten geburtenstarker Jahrgänge fand sie jedoch keine Lehrstelle und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch.
Vom Bild zur Geschichte
Als sie 16 Jahre alt war, starb ihr Vater. Nach einem Welschlandjahr steckte sie ihr Erbe kurzentschlossen in eine kaufmännische Ausbildung an der«Frei's Handelsschule». Ihr Berufsweg führte sie schliesslich an eine Klinik in Davos, wo sie als Sekretärin arbeitete und als Assistentin des Klinikfotografen auch Fotos von Krankheitsbildern machen musste. «Das waren keine ‹schönen› Bilder», sagt sie rückblickend, «aber sie waren mein Eintritt ins Foto-Metier.» Und da sich einige Jahre später ergeben hatte, dass sie und ihr Mann keine Kinder haben würden, entschied sie sich, die Ausbildung zur Fach- und Werbefotografin zu machen, die sie mit 30 abschloss. «Obwohl mich das Fotografieren erfüllte, merkte ich bald: Mir fehlt der Ton. Ich wollte Geschichten erzählen.» Auch dieses Ziel war bald erreicht: Von 1997 bis 2000 absolvierte sie die Ausbildung zur Visuellen Gestalterin HfG mit Fachbereich Video an der Hochschule Luzern.
Fernseh- und Auftragsfilme
Nachdem Ursula Brunner nach ihrem Abschluss rund sechs Jahre als Kamerafrau bei «tpc/SRF» gearbeitet hatte, machte sie sich selbstständig. Heute ist sie als freischaffende Regisseurin für Dokumentar- und Auftragsfilme tätig: Sie arbeitet für die Sendung DOK auf SRF 1 und für soziale und gemeinnützige Institutionen. Die jeweilige Arbeitsweise unterscheidet sich dabei wesentlich: «Während die Fernsehfilme restriktive Vorgaben haben, z. B. Länge und Format oder auch der Einstieg, der das Publikum sofort packen muss, damit es nicht weggezappt, richtet sich der Auftragsfilm ganz nach der Organisation und ihren Bedürfnissen. Gemeinsam ist beiden, dass meine Filme immer dokumentarisch sind», so Brunner. Eine weitere Gemeinsamkeit ist ihre Herangehensweise an die Filmarbeit: «Ich investiere viel Zeit in den Aufbau der Beziehungen zu den Protagonist*innen. So getrauen sie sich vor der Kamera authentisch zu bleiben und uns an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Sie vertrauen mir, dass ich verantwortungsvoll mit dem gedrehten Material umgehen werde.»
Menschen und Themen verbinden
Die bewusste Nähe zu den Protagonist*innen und das aufgebaute Vertrauen unterstützen die Absicht, persönliche Geschichten zu erzählen und Entwicklungen zu beobachten. Brunner verbindet somit journalistisch-dokumentarisches Arbeiten mit strategischer und gesellschaftsorientierter Auftragskommunikation. Sie schafft es, sensible Themen über persönliche Geschichten glaubwürdig, verständlich und emotional zu vermitteln. Inhaltlich beschäftigt sie sich vor allem mit Familie und Elternschaft, Pflegefamilien, Einsamkeit, Sucht, häusliche Gewalt, Trauer, Alter, soziale Benachteiligung und Menschen in schwierigen Lebens- oder Übergangssituationen. Ihre Filme rücken häufig Menschen und Perspektiven ins Zentrum, die im gesellschaftlichen Diskurs wenig oder gar nicht sichtbar sind. «In meinem Fokus steht nicht die Filmtechnik, sondern meine Absicht, Menschen und gesellschaftliche Themen über authentische Geschichten miteinander zu verbinden.» Für ihre Filme wurde Ursula Brunner mehrfach ausgezeichnet.