Der böse Wolf – ein Hysterien-Spiel
Wenn es um den Wolf geht, setzt oft der Verstand aus. Schiessen statt denken, ist die Devise. Kolumnist Meinrad Buholzer zeigt auf, dass die Gefahren für Mensch, Schaf und Umwelt ganz woanders liegen.
Gehts um den Wolf, schrillen bei Politikern, neuerdings auch im Luzernischen, die Alarmglocken, als ob der Teufel oder Donald Trump persönlich vor der Tür stünde. Die Vernunft fällt aus der Prioritätenliste und Hysterie verdrängt das Denken. So, wenn Obwaldens Nationalrätin in einer Kolumne meint, die Wolfspopulation sei «explodiert». Man stelle sich vor: Die explodierten Wölfe fliegen durch die Luft und ihre Fetzen liegen überall herum. Wolfsgegner müssten in Glückshormonen waten! Fakt ist: Die Wolfspopulation in der Schweiz ist gestiegen. Und ja, die Frage, wie viele Wölfe das Land verträgt, ist legitim.
Oder Paul Accola. Aufgebracht von Wolfssympathien im Unterland, schlug der Bündner vor, im Zürichsee Krokodile auszusetzen. Er bewies so, dass seine Kompetenz wahrscheinlich immer noch auf den Skiern liegt: Wölfe gehörten zu unserem Lebensraum bis sie ausgerottet wurden; an Krokodile erinnert sich dagegen seit Menschengedenken (ausser im Zoo) niemand. Zudem: Die Wölfe sind selbst wieder eingewandert.
Der grosse böse Wolf ist ohnehin eine rurale Legende. In den letzten hundert Jahren wurden in Europa neun Menschen durch wilde Wölfe getötet; letztmals 1974 in Spanien. Richtig ist: Wölfe, die die Scheu vor Menschen verlieren, sind höchst problematisch (auf ihr Konto dürften die jüngsten Fälle in Holland und Hamburg gehen). Dennoch: Hunde sind gefährlicher, Seilbahnen auch. Und wenn wir einen Blick auf die Strasse werfen: Allein 2025 starben in der Schweiz 214 Menschen bei Verkehrsunfällen, 2935 wurden schwer verletzt. Denkt man an die Wolf-Hysterie, wundert man sich, warum unfallverursachende Fahrzeuge noch nicht zum Abschuss freigegeben wurden.
Ein anderes Kapitel sind Risse an Nutztieren. Die gibt es, und für die Besitzer der Tiere ist das kein schöner Anblick. Erstaunlich ist nur, dass die Zahl der Wolfsrisse trotz wachsender Wolfspopulation zurückgeht. In der Schweiz verenden jährlich über 56'000 Schafe durch Abstürze, Krankheiten, Parasiten, Blitzschlag oder Vernachlässigung. Auffällig ist das Gejammer, wenn ein Wolf zugebissen hat (750 bis 1000 Fälle pro Jahr) – kein Ton dagegen, keine Tränen bei den Tieren, die sonst verenden. Anders gesagt: Der Wolf ist für weniger als zwei Prozent der jährlichen Schafverluste verantwortlich. Den politischen Alarmismus kann man ohne Übertreibung als Verhältnisblödsinn bezeichnen.
Erstaunlich ist, dass Italiens Hirten in den Abruzzen die Wölfe, trotz ihrer Nähe, ziemlich gelassen nehmen. Seit Jahrhunderten sind sie bei ihren Schafen und hüten sie, begleitet von ihren Hunden. In der Schweiz dagegen sparte man sich Hirt und Herdenschutz, überliess die Schafe sich selbst und nahm die Verluste in Kauf. Erst als der Wolf kam, entdeckte man die Liebe zu den toten Schafen – vergoss aber weiterhin keine Träne für die andern 55'000.
Offenbar sind Wolfsgegner immer noch den Märchen der Gebrüder Grimm hörig. Während viele Naturvölker ein positives Verhältnis zu Wölfen hatten und südlich der Alpen die Legende von den wolfgesäugten Stadtgründern von Rom zu einem positiven Image beitrug, hält sich bei uns die Mär vom grossen bösen Wolf. Dabei ist längst bewiesen, dass der Wolf das Ökosysteme positiv beeinflusst; Biologen sprechen von ihm als «Öko-Ingenieur». An Informationen darüber herrscht kein Mangel; man könnte sie, wenn man nur wollte, zur Kenntnis nehmen. Ein eingefleischter Wolfsfeind aber lässt sich seine Vorurteile doch nicht durch Fakten kaputtmachen!
Ein schönes Beispiel für die angeblich naturnahen, hegenden und pflegenden Jäger lieferte der kürzlich verstorbene Journalist Karl Lüönd (selbst Jäger sowie Gründer und Chefredaktor des Magazins «Jagd & Natur») in einem Interview mit der WOZ: In den 1970er-Jahren siedelte der Obwaldner Kantonsförster den Luchs an; er wollte so den Verbiss am Jungwuchs durch Hirsche bremsen. Die Jäger gerieten in Schnappatmung, weil sie kaum mehr auf Wild stiessen. Lüönd: «Was sie nicht realisierten: Der Luchs beeinflusst das Verhalten des Wilds. Hirsch, Reh und Gams werden heimlicher, nachtaktiver, sie suchen sich neue Wechsel – die Jäger lauerten an den Stellen, an denen schon ihre Grossväter auf die Pirsch gingen. Weil die Tiere ausblieben, glaubten sie, der Luchs habe sie gefressen. Ein Luchs frisst pro Woche ein Tier, so what!» Die Raubtierdebatte, so Lüönd, sei ein Scheinproblem und lenke vom wirklichen Problem ab: «Das ist die Nutzungskonkurrenz in den Alpen. Landwirtschaft, Schafzucht, Forstwirtschaft, Militär, Strassenbau, Tourismus, Seilbahnen, fünfzig Sportarten im Sommer und im Winter.»
PS: Ein Bündner Wildhüter erschiesst versehentlich drei Luchse statt Wölfe, Feliden statt Caniden! Im Wallis knallen Jäger und Wildhüter die falschen Tiere ab: 11 von 17 getöteten Wölfen gehörten nicht zu den zum Abschuss freigegebenen Rudeln. Erst schiessen, dann denken! Und ich dachte immer, diese Typen seien im Wilden Westen zuhause.