Der Hauswart der Museggmauer

12.05.2026 | Beat Bühlmann

Er öffnet und schliesst (fast) jeden Tag die Museggtürme. Schaut, dass kein Tourist in den Türmen verloren geht. Nach 25 Jahren als Turmwart denkt Walter Fassbind (58) ans Aufhören.

Walter Fassbind, genannt Wädi, ist der Turmwart. Allerdings nicht mehr lange. Bild: Sandra Fischer
Walter Fassbind, genannt Wädi, ist der Turmwart. Allerdings nicht mehr lange. Bild: Sandra Fischer

Bevor der Stadtökologe morgens an seinen Arbeitsplatz in der Stadt Zug fährt, macht Walter Fassbind um halb sieben Uhr seine obligate Aufschliessrunde auf der Museggmauer. Vom Männlitum zum Wachturm, weiter über den Wehrgang zum Zytturm, schliesslich bleibt noch der Schirmerturm zum Auftun. Das jeden Tag von Ostern bis Allerheiligen – und abends um 19 Uhr in der gleichen Richtung alles zuschliessen. «Nein», sagt Turmwart Wädi, wie ihn alle nennen, «bisher musste hier noch kein Tourist unfreiwillig übernachten.»

Alles begann vor 25 Jahren. Walter und Pia Fassbind übernahmen im Jahr 2000 den Landwirtschaftsbetrieb Hinter Musegg. «Im Übrigen», hiess es beiläufig beim Rundgang, sei da noch die Museggmauer. Idealerweise würde das vom neuen Betreiberpaar übernommen. Gut so, sagte Fassbind. Er besorgte diesen Job während der ersten 13 Jahre alleine, im Auftrag der Stadt vorerst für 80 Franken im Monat. Später wurde er durch weitere Hofbewohner unterstützt. Heute ist es ein Team von fünf Personen.

Hauptberuflich leitet Fassbind die städtische Abteilung Umwelt und Energie in Zug. Pro Jahr hatte er in den Türmen mit den vielen Treppen rund 350’000 Tritte zu bewältigen. Auf die 25 Jahre zurückblickend waren das zwischen sieben bis acht Millionen Treppenstufen. «Das war gut für die Fitness», sagt Wädi. «Nur in den ersten Wochen nach der Winterpause spüre ich es jeweils in den Beinen.»

Der frühe Vogel

Einmal hat er kurz erwogen, fürs Guinness-Buch der Rekorde die Treppen im Schirmerturm so oft wie möglich hochzurennen. Das liess er dann bleiben, die Musegg ist kein Rummelplatz. Nichts macht Wädi lieber, als auf der Museggmauer den idyllischen Blick über den Lebensraum Hinter Musegg schweifen zu lassen: mit den Tieren auf dem Bauernhof, den ersten Vögeln am Morgen und abends mit den ersten Fledermäusen. Seit 2001, das nur nebenbei, brüten hier Gänsesäger. «Am schönsten ist es, früh am Morgen beim ersten Licht auf der Mauer zu stehen.»

Bei seinem Amtsantritt im Jahr 2000 war die Museggmauer noch in einem schlechten Zustand, die gründliche Restaurierung durch Stiftung und Verein zur Erhaltung der Museggmauer folgte erst später. Doch für Fassbind, ein Tüftler und Praktiker, war das neue Amt eine prächtige Herausforderung. «Mir gefiel die Arbeit, ich konnte oft selbst anpacken.» Treppen mussten erneuert, Scharniere ersetzt, einfache Bauarbeiten erledigt werden.

Auch für die Abfallentsorgung ist der Turmwart zuständig. Denn die jährlich rund 100‘000 Besucherinnen und Besucher hinterlassen verlorene Gegenstände, Zigarettenstummel, Büchsen, Papierfetzen, auch Exkremente. Die meisten Touristen haben Verständnis dafür, dass sie die Türme um 19 Uhr zu verlassen haben. «Ansonsten reicht ein augenzwinkerndes Angebot auf eine Übernachtung im Turm», sagt Fassbind. «Das bringt dann jeweils Bewegung in die Sache.»

Pakt mit den Verliebten

Es kam auch vor, dass sich Liebespaare bewusst versteckten, weil sie sich nichts Romantischeres als ein Tête-à-tête auf dem Männliturm vorstellen konnten. Jedenfalls trifft der Turmwart immer wieder auf Paare, die der aphrodisierenden Wirkung der mittelalterlichen Mauer nicht entsagen wollen und vom ihm dann mit Fingerspitzengefühl zur Ordnung gerufen werden.

Mehr als einmal wurde er von ehewilligen Männern gebeten, den Schlüssel für den Männliturm in einem Versteck zu hinterlegen, um ihrer Angebeteten den Heiratsantrag im lauschiger Kulisse zu unterbreiten. Dafür hatte Wädi immer ein Einsehen: «Immerhin hat bisher noch keine der Angebeteten Nein gesagt.» 

Zeit zum Reisen

Nach 25 Jahren Turmwart auf Musegg denkt Walter Fassbind jetzt ernsthaft an Rücktritt. «Im Verlauf des Jahres 2027 werden wir den Kulturhof einer neuen Leitung übertragen, gleichzeitig auch für das Amt des Turmwärters eine neue Persönlichkeit finden.» Es sei ihm zwar als Turmwart nie zu viel geworden, sagt er, auch wenn es samstags und sonntags kein Ausschlafen gab. Doch wollen er und seine Frau Pia, die den Kulturhof Hinter Musegg während 25 Jahren zusammen geprägt haben, mehr Zeit zum Reisen haben.

Was müsste denn im Stellenbeschrieb für den neuen Turmwart, die neue Turmwartin stehen? «Ein Turmwart muss nicht viel können», sagt Fassbind mit dem ihm eigenen Understatement. «Er muss pflichtbewusst und zuverlässig sein und etwas Idealismus mitbringen.»    

Beat Bühlmann ist Vorstandsmitglied des Vereins zur Erhaltung der Museggmauer. Dieses Porträt erschien zuerst in der «MuseggmauerZytig».

Beat Bühlmann

Beat Bühlmann

Gastautor

Beat Bühlmann leitete von 2012 bis 2016 das städtische Projekt «Altern in Luzern». Er gehörte bis 2022 dem Ausschuss des Forums Luzern60plus an und engagierte sich während zehn Jahren in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus. Den MAS Gerontologie schloss er 2007 an der Fachhochschule Bern ab. Vor seiner Tätigkeit als Gerontologe arbeitete Bühlmann während 25 Jahren als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik.