Der Streuner und der Sailor
Weshalb der Berliner Chansonnier Reinhard Mey auf seinem neusten Album auch Luzerndeutsch singt und was das mit Emmen und Sylt zu tun hat, weiss unser Kolumnist Marco von Ah.
«Alle Plätze belegt, nein, keine Chance.» Das wäre die wohl normalste Reaktion eines Restaurantbetreibers auf Sylt, der in der Weihnachtszeit kurzfristig eine zehnköpfige, unangemeldete Gruppe unterbringen und bewirten soll.
«Alle Plätze belegt, ja, aber kommt erstmal rein. Wir finden eine Lösung.» So reagierte Pius Regli 1988, als er im «Manne Pahl», seinem Lokal in Kampen im Norden von Sylt, zeigte, was Gastfreundschaft für ihn heisst. Er hatte den Umgang mit speziellen Wünschen von Gästen einst im Hotel Post von Zermatt gelernt und auch nach zehn Jahren auf der nordfriesischen Insel nicht vergessen – zur Erleichterung der erwähnten, von Reinhard Mey angeführten Gruppe.
Seither verbindet mehr als eine Gastfreundschaft Pius Regli (und Tochter Sarah) mit dem deutschen Liedermacher (und dessen Familie). Wie wertvoll diese für Reinhard Mey ist, dokumentiert auf dessen 30. Studio-Album, «Schatzhauser», erschienen Ende September 2026, das Lied «’s isch guet gsi».
Der 83-jährige Chansonnier beschreibt in seiner Hommage an Pius Regli dankbar und in liebevoll-feiner Art die Beziehung zwischen einem «Sailor aus Emmen bei Luzern» und einem «Streuner aus Berlin». Deren Treffpunkt ist häufig der achteckige Tisch im «Manne Pahl«, für Reinhard Mey «Ankerplatz» und «Heimathafen», ein Platz zum Weinen und zum Lachen, zum Streiten und zum Versöhnen. Oder wie wir hören können: «Kommst du als rettender Bernhardiner; um den Hals ein Fässchen Grüner Veltliner; verwandelst du Zwietracht in Harmonie; merci, Pius, ‘s isch guet gsi».
Nach zwei Strophen mit diesem Refrain folgt eine dritte und letzte, die der Sänger mit den Worten einleitet «Mich ruft eine ferne Galaxie», in akzentfreiem Schweizer Deutsch weiterführt mit «Adieu, Pius, ‘s isch guet gsi» und schliesslich in perfektem Lozärner Düütsch beendet mit «’s isch schampar guet gsi».
Und ich fragte mich: Verabschiedet sich Reinhard Mey damit von Pius Regli und vom «Manne Pahl»? Von Aufnahmestudios und von Konzertsälen? Oder gar vom Leben und von dieser Welt?
Meine Antwort lautet: Nein. Sonst wäre das Lied über die anhaltende Freundschaft zweier Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen vermutlich das letzte auf «Schatzhauser». Es ist jedoch das zweite auf diesem Album, das sich von den 29 bisherigen unter anderem dadurch unterscheidet, dass Mey damit nicht im Mai kommt, Neues versucht, Altes wieder versucht und die 13 Songtexte nur mit der akustischen Gitarre begleitet. Wie zu Beginn seiner Laufbahn, als er wie Orpheus singen wollte.
Somit sind die neuen Lieder bereits arrangiert für das typische Set-up einer Tournee von Reinhard Mey und ich hoffe, auf dieser weitere alte Bekannte zu treffen. Die Zimmernachbarin Frau Pohl vielleicht? Den Riesen Max? Oder dabei zu sein, wenn Doktor Behrenthal kommt? Und in der so aufgeräumten Wohnung von Hempels den Saustall unter dem Bett nochmals zu entdecken?
Was immer er noch zu sagen hätte: Ich hätte an allem «schampar Fröid» und bin überzeugt: ‘s werd guet si.