Die kleine Revolution am See

03.10.2026 | Beat Bieri (Text und Bilder)

50 Jahre ist es her, dass sich die Luzerner Bevölkerung zu einer kleinen Revolution bewegen liess, notabene von einer bürgerlichen Stadtregierung. Seither gehört (fast) das ganze Seeufer allen.

Für Luzerner Verhältnisse fast schon revolutionär: der vor 50 Jahren aufgeschüttete Uferweg vor der Hausermatte.
Für Luzerner Verhältnisse fast schon revolutionär: der vor 50 Jahren aufgeschüttete Uferweg vor der Hausermatte.

Es war gerade in diesem Hitzesommer ein grosser Segen: der öffentliche Zugang zum Vierwaldstätterseeufer auf Stadtboden. Abgesehen von zwei kurzen Stücken im Matthof und gegenüber bei der Hermitage lässt sich das Luzerner Seebecken gänzlich zu Fuss in Ufernähe umrunden. Gerne hätte die SP verständlicherweise auch noch diese letzten Lücken geschlossen. Sie hatte dazu vor sechs Jahren im Stadtparlament ein Postulat eingereicht. 2021 wies die Stadtregierung in ihrer Antwort auf die Schwierigkeit eines solchen Vorhabens hin: Seeaufschüttungen für den Bau von Seeuferwegen seien heute rechtlich fast ausgeschlossen, Enteignungen wiederum würden ein langwieriges Verfahren mit ungewissem Ausgang bedingen und einige Uferstellen seien aus ökologischen Gründen, etwa als Brutgebiet für Wasservögel, nicht näher begehbar.

Nun, was den Seezugang betrifft, kann die Stadtluzerner Bevölkerung eigentlich zufrieden sein. Besonders wenn man die Situation mit jener in den zwei Nachbargemeinden Meggen und Horw vergleicht. In diesen beiden Gemeinden sind die Seeufer weitgehend vermögenden Villenbesitzern vorbehalten. Teils breiten sich an den dortigen Ufern Liegenschaften von neofeudalistischer Protzigkeit aus. An anderer Stelle, in St. Niklausen, Horw, zerfällt an schönster Uferlage ein zuvor beliebtes Hotel seit 20 Jahren zu einem Geisterhaus – mit rigid gesperrtem Zugang zum See. (Eine neue Stiftung verspricht hier zumindest einen baldigen Neuanfang.) 

Erstaunlich, dass sich die Bevölkerung von Horw und Meggen damit abfindet, von «ihrem» See weitgehend abgeschnitten zu sein. Denn die Seen sind öffentliches Gut, gehören der Allgemeinheit – die Ufer allerdings nicht zwingend, das ist die Crux. Zwar verlangt das eidgenössische Raumplanungsgesetz, dass See- und Flussufer freigehalten und der öffentliche Zugang gesichert werden sollen. Doch dabei handelt sich nur um einen Planungsgrundsatz, nicht um direkt anwendbares Recht.

Werk zweier bürgerlicher Stadträte

Umso spektakulärer, was sich vor fünf Jahrzehnten am Stadtluzerner Seeufer zugetragen hat. 20 Jahre lang hatte sich die Stadtregierung zuvor vergebens darum bemüht, die letzte Lücke in der Quai-Promenade zu schliessen: mit einem Seeuferweg auf der privaten Hausermatte, zwischen dem Carl-Spitteler- und dem General-Guisan-Quai. Es tobte ein jahrelanger Rechtsstreit mit der Besitzerfamilie Hauser, bis vor Bundesgericht. Vor 50 Jahren,1976, sagte eine grosse Mehrheit der Luzerner Stimmbevölkerung ja zur Aufschüttung eines Uferwegs vor dem privaten Ufergrundstück. (Wäre ein Grund für eine kleine Jubiläumsfeier.)

Wohl auch im Hinblick auf die anstehenden 800-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt kam es schliesslich doch noch zu einer gütlichen Einigung. 1978 konnte das neue, aufgeschüttete Uferwegstück eröffnet werden. (Auf der nun hintenliegenden Hausermatte entstand auf dem Boden des traditionsreichen Concours Hippique Luzerns erste «Gated Community», eine abgesperrte Wohnsiedlung für sehr gehobene Ansprüche mit Blick, jedoch nicht mehr mit ganz direktem Zugang zum See.)

Besonders bemerkenswert: Das für Luzerner Verhältnisse schon fast revolutionäre Werk geschah nicht unter einer linken Stadtregierung. Die Hebel dazu bewegten zwei stramm bürgerliche Politiker, der militärisch-zackige, etwas autoritäre Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer und Baudirektor Matthias Luchsinger, beide von der Liberalen Partei (heute FDP).

Wer sich am Luzerner Seebecken im Wasser erfrischen will, hat dazu tatsächlich viele Möglichkeiten, teils gegen Eintritt, teils aber auch ganz unentgeltlich. Und selbst an den heissesten Sommertagen mit grösstem Andrang findet sich etwa auf der Aufschütte noch ein Platz für ein Badetuch (sogar im Schatten von Bäumen). 

Kleiner Wunsch des Autors an die Stadt

Keine Wünsche also? Nur ein ganz kleiner meinerseits: Eine eher neue, beliebte Bademöglichkeit hat sich in den letzten Jahren am Uferstück unterhalb des Wagner-Museums ergeben. Wäre da bloss nicht dieser Einstieg ins Wasser. Diesen Sommer wurde ich Zeuge, wie ein älterer Herr (will namentlich nicht genannt werden) beim Einstieg in den See ausrutschte und sich derart an den scharfkantigen Steinen verletzte, dass angesichts eines sichtbaren Schienbeinknochens eine notfallmässige Verarztung im Kantonsspital notwendig wurde. Könnte durchaus auch einem Jüngeren passieren.

Der Wunsch nun: Ein metallener Handlauf mit Treppchen, um von der bestehenden Mauer, die in den See führt (eine Regenabwasserleitung), wohlbehalten ins Wasser zu gelangen, also die gesetzlich verlangten 100 Meter von der Schifflände entfernt. Kosten: gering. Eine Revolution wie vor 50 Jahren bräuchte es dazu nicht, auch keine Volksabstimmung oder Enteignung. Und auch das Bundesgericht würde davon wohl nichts erfahren.

Der kleine Wunsch: Ein Handlauf auf dieser Mauer (mit Treppchen ins Wasser) würde den Badespass beim Richard-Wagner-Museum vollkommen machen.
Der kleine Wunsch: Ein Handlauf auf dieser Mauer (mit Treppchen ins Wasser) würde den Badespass beim Richard-Wagner-Museum vollkommen machen.

An sich stimmt ja sonst alles an diesem wunderschönen Ort: Die Stadt lässt freundlicherweise ein Stück Wiese mähen, um den Badegästen eine schöne Liegefläche anzubieten. Dazu kommt ein Kompost-WC weiteren menschlichen Bedürfnissen entgegen. Doch da sind erstaunliche Verrenkungen, denn die Stadt möchte dort, wo sie scheinbar zum Bade lädt, eigentlich gar keine Badenden: «Baden wird nicht empfohlen», schrieb sie vor zwei Jahren auf einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss. Es ist, als ob ein Oktoberfest nur Teetrinker willkommen heissen würde.

Beat Bieri

Beat Bieri

Redaktor

Geboren 1953. Arbeitete 25 Jahre für das Schweizer Fernsehen und drehte für SRF rund 50 Dokumentarfilme, die zum Teil mehrfach ausgezeichnet wurden. Seit 2018 freier Dokumentarfilmer mit eigener Firma Lindenfilm GmbH in Luzern. 2021 Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern.