Die unbekannte zweite Frau fürs Väterglück

22.09.2026 | Cécile Bühlmann

Dass neben dem «Bauchmami» noch eine Eizellenspenderin bei der Befruchtung eine Rolle spielt und welche rechtlichen, emotionalen und medizinischen Konsequenzen das hat – in der Kolumne von Cécile Bühlmann.

Schwules Männerpaar mit Baby – dank «Bauchmami» und Eizellenspenderin. Bild: magnific.com
Schwules Männerpaar mit Baby – dank «Bauchmami» und Eizellenspenderin. Bild: magnific.com

Im Jahr 1978 wurde das erste Retortenbaby geboren. Zum ersten Mal war ein Kind im Reagenzglas, ausserhalb des Körpers der Mutter, gezeugt worden. Ich erinnere mich gut daran, dass wir Feministinnen, als wir von der In-vitro-Fertilisation (IFV) erfuhren, von der Büchse der Pandora sprachen, die damit geöffnet worden sei. Wir befürchteten nämlich, dass mit dem Zugriff auf die Reproduktionsorgane der Frauen und deren Verlagerung aus dem Körper ins Labor ein lukratives Geschäft werden könnte. Wir befürchteten, dass damit Tür und Tor für Missbrauch und Fremdbestimmung geöffnet würden und dass den Frauen darin eher die Rolle als Ausgebeutete denn als selbstbewusst Handelnde zukommen könnte. Wir sollten leider recht bekommen.

Das zeigt die ganze Debatte um die Leihmutterschaft, die dadurch auch für schwule Paare erst möglich wurde. Ausgelöst durch die Vaterschaft von Jens Spahn wurden in den letzten Wochen weitere Geschichten von glücklichen Vätern erzählt, die dank dieser Methode ihren sehnlichsten Wunsch nach einem Kind erfüllen konnten. Sie sprachen vom «Bauchmami» im Ausland, das ihr Kind ausgetragen habe und das selbstverständlich nur aus rein altruistischen Motiven. Die Leihmutter habe sie einfach glücklich machen wollen. Unsere Medien schrieben darüber aus der Perspektive der Väter recht unkritisch und blendeten die Tatsache aus, dass nebst dem «Bauchmami» – welch kitschiger Begriff – noch eine zweite Frau für das Vaterglück gebraucht wurde, nämlich die Eizellenspenderin.

In den 1980er-Jahren war die sogenannte traditionelle Leihmutterschaft noch die Regel: Die Leihmutter stellte ihre eigene Eizelle zur Verfügung und wurde mit dem Sperma des Wunschvaters inseminiert. Medizinisch ist das vergleichsweise einfach. Die Leihmutter war dann gleichzeitig genetische und biologische Mutter.

Mit den Fortschritten bei IVF und Eizellspende entstand eine Alternative: Man konnte eine Eizelle ausserhalb des Körpers befruchten und den Embryo anschliessend einer anderen Frau übertragen. So wurden erstmals systematisch die Funktionen genetische Mutter und nicht genetische Leihmutter getrennt. Diese Methode nennt man gestationelle Leihmutterschaft.

Auslöser für diese Art der Leihmutterschaft ist der «Baby M»-Fall in Amerika im Jahr 1987. Da hatte eine traditionelle Leihmutter ihre eigene Eizelle verwendet und wollte das Kind nach der Geburt nicht hergeben. Das führte zu einem langen Rechtsstreit und dazu, dass seither praktisch nur noch die gestationelle Leihmutterschaft angewendet wird. So soll sichergestellt werden, dass die Leihmutter als nicht genetischer Elternteil abgegrenzt werden kann. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass emotionale und rechtliche Konflikte reduziert werden und dass die Leihmutter nicht etwa Ansprüche an das Kind haben wird, das sie neun Monate ausgetragen hat. Man geht offenbar davon aus, dass die Leihmutter einem genetisch fremden Kind im Bauch diesem emotional weniger verbunden ist als einem eigenen.

Für schwule Männerpaare wurde diese Methode der Leihmutterschaft bald zur Regel. Heute wird von den Kinderwunschzentren generell nur noch diese teurere und aufwändigere Option angeboten.

Was so technisch daherkommt, hat aber weitreichende Folgen, über die nicht gern gesprochen wird: Man braucht nebst der Leihmutter eine zweite Frau, die Eizellenspenderin. Deren Eierstöcke werden hormonell stimuliert, und die Eizellen müssen durch eine nicht ungefährliche Operation entnommen und im Reagenzglas befruchtet werden. Der entstandene Embryo wird untersucht, und dabei kann die Qualität und das Geschlecht ausgewählt werden. Der perfekte Embryo wird dann auf die andere Frau, die Leihmutter, übertragen.

Aus Untersuchungen weiss man heute, dass sowohl Leihmütter wie Eizellenspenderinnen diese körperlichen Strapazen grossmehrheitlich nicht aus altruistischen Motiven auf sich nehmen, sondern schlicht und einfach, weil sie Geld zum Leben brauchen. Ausser in Amerika werden Leihmütter vor allem in Georgien, der Ukraine und Nordzypern rekrutiert. Ein Grossteil der Gelder, die Wunscheltern an Kinderkliniken zahlen, geht nicht an die Leihmütter, sondern an die Kliniken und ihre Netzwerke. «Dahinter steckt in manchen Fällen ein Ausbeutungssystem, das nur schwer zu kontrollieren ist», sagte die Zürcher Justizdirektorin Jaqueline Fehr kürzlich im «Tages-Anzeiger».

Bei dieser Sachlage ist es nicht verwunderlich, dass die Abstammung der Kinder oft nicht lückenlos zu klären ist, obwohl laut Schweizer Gesetzgebung die Kinder ein Recht darauf haben, zu wissen, woher sie stammen. Ich frage mich, ob den Kindern auf die Frage nach ihrer Herkunft nur vom «Bauchmami» erzählt wird oder ob auch die Frau Erwähnung findet, die immerhin zu fünfzig Prozent für das genetische Erbe verantwortlich ist. 

Bei allem Verständnis für den Kinderwunsch von kinderlosen Paaren ist es doch sehr fraglich, ob der Preis der Instrumentalisierung anderer Frauen nicht zu hoch und ethisch zu rechtfertigen ist. Aus feministischer Perspektive habe ich da grosse Vorbehalte. Es gibt keinen Anspruch auf ein eigenes Kind zu jedem Preis. Ich bin froh, dass die Leihmutterschaft bei uns und in den meisten anderen Ländern um uns herum verboten ist und hoffentlich bleibt.

Cécile Bühlmann

Cécile Bühlmann

Kolumnistin

1949 geboren in Sempach und da aufgewachsen. Sie war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und Dozentin für interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, zwölf Jahre davon Fraktionspräsidentin. Von 1995 bis 2007 war sie Vizepräsidentin der damals neu gegründeten Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Sie war bis 2024 Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit 2013 ist sie pensioniert.