Es chond ganz druuf aa

10.05.2026 | Paul Huber

Auf einer durch das Navi geführten Fahrt in den Norden Frankreichs machen die Gedanken unseres Kolumnisten Paul Huber nachdenkliche Umwege: «Was ist ein Menschenleben eigentlich wert?»

Paul Huber. Bild: Joseph Schmidiger
Paul Huber. Bild: Joseph Schmidiger

Meine Neugierde gilt dem Norden Frankreichs: Wie hat sich die «Region der hundert Kamine» seit der Schliessung von Textilfabriken, Kohleminen und Stahlwerken entwickelt? Auf dem Weg dahin durchquere ich Lothringen und passiere die unzähligen Hinweistafeln zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Verdun, Fort Vaux, Fort Douaumont. Für die Getöteten in der Hölle von Verdun gibt es nur eine ungefähre Zahl: 800‘000. Ungefähr?

«Folgen Sie der Strasse für 200 Kilometer.» Das Navi führt mich und lässt Raum zum Nachdenken.

In fast jedem noch so kleinen Städtchen steht ein Denkmal für gefallene Söhne. Sie erhalten damit einen Wert und Würde.

An den Mauern der Zitadelle von Lille erinnern zwei Inschriften an füsilierte und gehängte Kämpfer des Widerstands: «Glorreich gestorben für ihre Überzeugung» und, im Fall von Leon Trulin, ein Zitat aus dem letzten Brief an seine Mutter: «Ich verzeihe allen, Freunden und Feinden.»

Ein paar Tage in Givenchy-en-Gohelle. Ich entwickle mich nicht zum Schlachttouristen, aber das Nachdenken über den Wert eines Menschenlebens werde ich hier erst recht nicht los. Zehntausende von Toten allein auf der Krete oberhalb des Dorfes unter den Wiesen und blühenden Rapsfeldern. Die kanadischen, britischen, australischen und marokkanischen Heldenmonumente mit den Namen der Gefallenen im Ersten Weltkrieg in Wanderdistanz.

Gedenkstätten werden mir zu Nachdenkstätten über Würde und Wert.

Täglich sollen im Krieg Russlands gegen die Ukraine allein auf der Seite des Angreifers 1000 Soldaten umkommen oder schwer verletzt werden. Sie werden buchstäblich ins Feuer geschickt, um im besten Fall ein paar hundert Meter Geländegewinn zu erzielen; und sie enden, von Maschinengewehr-, Artillerie- oder Drohnenfeuer niedergestreckt, auf einem ukrainischen Acker.

In den ersten Kriegsjahren rekrutierte die russische Armee einen grossen Teil der Soldaten gegen grosszügige finanzielle und andere Gegenleistungen in den ärmlichen östlichen Teilrepubliken der Föderation oder in Gefängnissen. Nun wird an Universitäten rekrutiert. Studienversager setzen ihr Leben in diesem Russischen Roulette für mehr als 50‘000 Franken aufs Spiel.

In jüngster Zeit machen Meldungen die Runde, dass Russland in verschiedenen afrikanischen Ländern Soldaten anheuert. Ungefähr 4000 Franken kostet Putins Armee ein kenianischer, ugandischer, ghanaischer – das ist nicht meine Wortschöpfung  ̶  «Wegwerfsoldat». Menschenmaterial.

Ist es üblich geworden, einem Menschenleben einen Preis zu geben? Oder war es schon immer so? Und wenn ja, wie viel ist er denn wert, so ein Mensch?

In den Kohleminen des Pas de Calais kamen mehr als 1000 Arbeiter bei Grubenunglücken um. Zehntausende starben an Silikose. Bis Ende der Achtzigerjahre arbeiteten dort Franzosen, vor allem aber auch Polen, Italiener, Tunesier und Marokkaner. Sie waren günstiger. Die Witwen von Verschütteten erhielten 3000 Franken.

Für die 1200 israelischen Opfer des Massakers vom 7. Oktober 2023 werden vor einem amerikanischen Gericht von den Unterstützerstaaten der Hamas drei Millionen Franken pro Opfer gefordert  ̶ bezahlbar aus blockierten Vermögen.

Die 75‘000 Toten der israelischen Bomben- und Raketenangriffe in Gaza haben keinen Adressaten für irgendwelche finanziellen Forderungen. Genau so wenig wie die Angehörigen der allein in diesem Jahr mehr als tausend Ertrunkenen im Mittelmeer.

Die Würde des Menschen sei unantastbar, sagt man. Wie aber steht es um seinen Wert? Da kommt es offenbar ganz drauf an.

Die verstorbenen und verletzten Jugendlichen von Montana sind der Eidgenossenschaft vorläufig und bis zur Klärung der Schuldfrage 50‘000 Franken wert.

Es kostete bisher 68 Millionen Franken, das Leben der 72 ständigen Bewohner*innen von Brienz vor einem tödlichen Bergsturz zu schützen.

Die amerikanischen Todesfallversicherungen bezahlen für vorzeitig Verstorbene im Durchschnitt 180‘000 Franken aus.

Christiano Ronaldo hat seine Beine für etwa 90 Millionen Franken versichert.

Ah ja, meine Reise in den Norden Frankreichs! Sie geht bald zu Ende. Die Stadt Lille ist überraschend, das Städtchen Arras sehr hübsch, das Licht über den fruchtbaren flachen Landschaften unübertroffen, die Meeresfrüchte an der Küste nirgends besser.

Und meine gedanklichen Um- und vielleicht auch Irrwege? Dafür kann das Navi nichts. Und auch nicht die ausserordentlich freundlichen Menschen hier, die «Sch‘tis».

Paul Huber

Paul Huber

Kolumnist

Geboren 1947, war vor seiner Wahl in den Regierungsrat des Kantons Luzern als Primarlehrer, Lehrplanentwickler und Gewerkschaftssekretär im Zentralsekretariat des VPOD tätig. Nach 16 Jahren Tätigkeit im Justiz-, Gemeinde- und Kulturdepartement (1987 bis 2003) hatte er verschiedene staatliche, privatwirtschaftliche und gemeinnützige Führungsfunktionen inne. Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens stehen für den promovierten Historiker noch immer im Zentrum seines Interesses.