Frau mit institutioneller Wirksamkeit
Seit den 1970er-Jahren machte sich Antoinette Gnos stark für die Interessen der alternativen Kulturszene. Und auch heute noch fördert sie junge Kunstschaffende. Das Porträt einer Kulturvermittlerin.
Vor zwei Jahren fragte ich Antoinette Gnos, ob ich ein Porträt über sie schreiben dürfe. Damals antwortete sie: «Ich bin doch nicht interessant …» und schon war sie weg, im Gespräch mit einer Bekannten, die sich für das Filmprogramm «Dolce Vita» interessierte. Ich sagte mir: «Alles zu seiner Zeit. Der Moment wird kommen.» Und er kam tatsächlich.
Der Aufbruch überall in der Kultur mache sie glücklich, auch heute noch, sagt Antoinette Gnos (82) mit der ihr eigenen Strahlkraft und Liebenswürdigkeit gleich zu Anfang des Gesprächs. Als unermüdliche Kämpferin engagierte sie sich seit den 1970er-Jahren für alternative Kulturräume und vermittelte gekonnt zwischen den Interessen der freien Luzerner Kulturschaffenden und der Politik, die damals vorwiegend die «Hochkultur» förderte. In einem früheren Interview sprach der Künstler Niklaus Lenherr sie als Kultur-Aktivistin an, eine, die neugierig und wach sei, eine die sich seit den späten 1960er-Jahren bis 2007 unermüdlich in die städtische Kulturraumdebatte eingemischt und dabei konsequent die Position der freien Kunst- und Kulturszene vertreten habe.
«Schaue zuerst, ob du was in den Büchern findest, dann reden wir darüber.»
Aufgewachsen ist Antoinette Gnos in einer Grossfamilie im Kanton Uri, in Amsteg, in einem grossen Haus mit vielen Büchern, fünf Geschwistern und Musik. Die Eltern gaben den Kindern ihre grosse Affinität zu Kunst und Kultur weiter. Stellte sie als Kind Fragen zuhause, lautete die Antwort: «Schaue zuerst, ob du was in den Büchern findest, dann reden wir darüber.» Diese frühe Lebensschule prägte sie stark und förderte ihren analytischen und forschenden Geist. Ein Gastspiel habe sie als Jugendliche bei den Ingenbohler Schwestern gegeben, erzählt sie und räumt ein, dass sie dies allerdings kurzerhand wieder abbrechen musste. Sie lacht: «Die Regeln in der Klosterschule waren strikt und rigide, die Luft dünn.»
Als 18-Jährige wanderte sie aus den Urner Bergen in die Stadt am Luzerner Seebecken, im Gepäck eine unbändige Neugierde und ein hellwacher offener Geist, ihr Lebenselixier. Diese Haltung ist ihre Triebfeder bis heute. In Luzern gings in die Sprachhandelsschule und später nach Italien in einen römischen Haushalt, wo sie sich um die Kinder kümmerte. Kinder hat sie keine, dafür fünf wunderbare Nichten und einen Neffen sowie drei Grossnichten und einen Grossneffen. Einige von ihnen sind ebenfalls in der Kunstproduktion tätig.
Ende der 1960er-Jahre war Antoinette Gnos beim ersten Luzerner Filmfestival «Film-In» mit dabei. Sie erinnert sich: «Als Go-between fuhr ich nach Italien, um Filmrollen (Material) zu organisieren und diese in allerletzter Minute für die Projektion nach Luzern zu transportieren. Die damalige freie Kulturszene war in Aufbruchstimmung, das Filmfestival zeigte experimentelle Filme, die im kommerziellen Kinobetrieb keinen Platz fanden.» Diese Situation zu verändern – für nicht etablierte Kunstformen und Kunstschaffende Räume und Anerkennung zu schaffen – machte sich Antoinette Gnos ab da an zur Mission.
«Es braucht ein solidarisches Netz für neue kulturpolitische Ufer.»
Ein prägendes Projekt für ihre zukünftige Rolle als Vermittlerin zwischen Kunst, Kultur und Politik war das Luzerner Kulturzentrum «Rägeboge» an der Zürichstrasse, wo sie sich in den 1970er-Jahren mit Lisa Bachmann und Gabor Kantor im Haus des Architekten Otto Schärli für den Aufbau eines Ortes alternativer Lebens- und Kunstentwürfe engagierte: «Die öffentlichen und privaten Kulturgelder flossen damals in die Klassik. Für Zeitgeist, junge Kunst – ob laute Musik, experimentelle bildende Kunst, Performance oder Kunst-Happenings verknüpft mit gesellschaftspolitischen Forderungen – gab es kaum Geld. Unter den jungen Kulturschaffenden brodelte es, es brauchte Schaffensräume ausserhalb der Konzertsäle und Museumsbauten, es brauchte ein solidarisches Netz, das neue kulturpolitische Ufer anpeilte.»
Der «Rägeboge» bot unterschiedlichsten kulturellen und gesellschaftlichen Initiativen Raum, sich zu vernetzen und gemeinsam Kreativraum für alle zu fordern. Antoinette Gnos fasst zusammen: «Aus der Zelle des ‹Rägeboge› wuchs die alternative Kulturszene weiter. Sie multiplizierte sich mit den Luzerner Spielleuten, dem Kinder- und Jugendtheater Eco Rondo, der jungen Luzerner Musikszene, sie alle brauchten dringendst Probe- und Auftrittslokale.»
Seither war Antoinette Gnos in der alternativen Szene der 1970er-Jahre bis in die frühen Nullerjahre stets präsent, wenn es darum ging, sich für die Interessen der alternativen Kulturszene stark zu machen. Sie war eine unermüdliche Schafferin, eine, die gründlich recherchierte und die Ergebnisse klar kommunizieren konnte mit überzeugendem Sachverstand, Charme und Humor. Zu ihrer Mission sagt sie: «Es ging uns immer um die Förderung und Sichtbarkeit von Kunstschaffenden, die sich selbst organisierten. Um gesehen zu werden, braucht es Orte und bezahlbare Räume, wo Kreative sich entwickeln, ausprobieren und performen können.»
Ob im «Rägeboge», in der IG Kultur, bei der Erstellung des Kulturraum-Inventars für die Stadt Luzern, im Sekretariat des Kunstmuseums, danach des Kultur-Forums, im Kulturpanorama im Bourbaki oder als Mitglied unzähliger Kulturkommissionen, Antoinette Gnos verstand sich immer als Vermittlerin zwischen Kulturschaffenden und der Politik und als Kultur-Liebhaberin von Musik, Kunst, Tanz, Theater und Musik der freien Szene und in institutionellen Kulturhäusern.
«Menschen haben mir die Arbeit über all die Jahre hinweg zum Fest gemacht.»
Mit 63 Jahren hat sie sich von der IG Kultur und dem Kultur-Forum verabschiedet. Als Gründungsmitglied der IG Kultur (1977) engagierte sie sich 20 Jahre für deren Geschäftsstelle. Ein harter Schnitt in ihrem Leben sei das damals gewesen, sinniert sie: «Den zu überwinden, haben mir all die unzähligen Menschen geholfen, die mir die Arbeit über all die Jahre hinweg bei der IG-Kultur zum Fest machten.» Dieses Fest habe sie in vollen Zügen genossen, mit Erfolgen und Rückschlägen. In der Tat hat ihre unermüdliche Vermittlung zwischen Kunst und Politik in Sachen Kulturräume über all die Jahre hinweg Früchte getragen. Zu nennen sind kollektive Erfolge wie die IG Kultur, Musikzentrum Sedel, das Kultur-Panorama, Kulturzentrum Boa. Viele dieser Initiativen wurden mit der Politik ausgehandelt und Antoinette Gnos war über Jahre hinweg eine treibende Kraft.
Auch wenn sie seit fast 20 Jahren pensioniert ist und sich aus der öffentlichen Kulturdebatte weitgehend zurückgezogen hat, setzt sie ihre Schaffenskraft fort und organisiert für die Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegezentrums «Unterlöchli» jeden Monat seit 2007 grossartige Konzerte mit jungen talentierten Künstler*innen. Ihr Feuer für die Förderung junger Kunstschaffender lodert unentwegt weiter. Begeistert erzählt sie, wie sie seit 20 Jahren die jungen Leute auf die Bühne des Powalla-Saals holt. Sie fühle sich als Glückspilz, dem alles zufliege, sagt sie. Und wie findet sie denn diese Talente? Antoinette Gnos antwortet mit ihrem umwerfenden Charme: «Bin ich in einem Konzert und die Musiker*innen gefallen mir, klopfe ich an deren Garderobe und frage sie einfach.» Alles klar.
PS: Von ganzem Herzen wünscht die Autorin Antoinette Gnos, dass sie nach der Kündigung ihres 40-jährigen Kunst-Wohnraum-Paradieses bald wieder einen neuen Wohn- und Lebensraum gestalten darf. Bild: Hedy Bühlmann
Quellen:
- Interview von Niklaus Lenherr mit Antoinette Gnos; Taxi for free! Talk, April 2010
- «Die Häuser sind gebaut – jetzt geht es um Inhalte», «zentralplus», 14. November 2013
- https://www.alternativkultur-luzern.ch/geschichte
- https://www.luzern60plus.ch/magazin/artikel/der-kulturelle-anspruch-gehoert-zu-meiner-sozialen-ader