Glaubenssache Tiefbahnhof

20.07.2026 | Meinrad Buholzer

Unser Kolumnist zweifelt am Nutzen des geplanten Durchgangsbahnhofs. Er befürchtet vielmehr Nachteile für die Touristenstadt Luzern. Lieber wären ihm sofortige Verbesserungen beim ÖV.

Hier soll künftig nicht mehr Endstation sein. Die Innerschweizer Politikerinnen und Politiker wollen für Luzern einen Durchgangsbahnhof. Bild: Sandra Baumeler
Hier soll künftig nicht mehr Endstation sein. Die Innerschweizer Politikerinnen und Politiker wollen für Luzern einen Durchgangsbahnhof. Bild: Sandra Baumeler

Ich habe mir nun auch eine Verschwörungstheorie zugelegt: Wer in unserer Region eine politische Karriere anstrebt, glaube ich, muss sich zum Tiefbahnhof bekennen: Credo in unam sanctam stationem subterraneam. Wie sonst ist es zu erklären, dass man uns laufend, von links bis rechts, mit der Alternativlosigkeit des Projekts kommt – während nach meiner Wahrnehmung die Sympathie der Bevölkerung zum «Jahrhundertprojekt» von Tag zu Tag erodiert.

Erst allmählich wird uns bewusst, was alles mit dem monströsen Projekt zusammenhängt und welche Konsequenzen es hat. Immer klarer wird, dass der exorbitante planerische, bauliche und finanzielle Aufwand in keiner Relation steht zum Nutzen. Und man wird zweifellos noch auf ein paar zusätzliche Ideen kommen, um den Durchgangsbahnhof (DBL) zu optimieren. Niemand weiss heute, in welche Höhen die Kosten dieses Monsterprojektes wachsen. Allein die Umweltbelastung durch den Bau! Vielleicht gibt es dazu Fakten, ich habe bis jetzt keine gesehen. Zehn Jahre eine grosse Locherei zwischen Ebikon und Luzern. Hunderte Arbeiter, die täglich hin- und wegfahren. Tausende Materialtransporte auf Schiene und Strasse. Die Lärmbelastung. Der Tunnelbau. Arbeiten auf dem Seegrund, die Absenkung der Tunnelröhren. Permanente Staus in und um Luzern. Und, und, und …

Weiss jemand, wie lange es geht, bis diese Umweltbelastung durch die danach fahrenden Züge kompensiert wird? Die ja auch wieder die Umwelt belasten, was oft vergessen geht. Denn das ist die Crux: Einen Nutzen bringt der ÖV nur, wenn damit der Individualverkehr reduziert wird. Doch ist es auf Schienen wie auf Strassen: Ausbau bringt Mehrverkehr. Der zwecks Amortisation angekurbelt werden muss und so die Umweltbilanz weiter verschlechtert.

Mir wäre lieber, unsere Politiker würden sich für aktuelle Verbesserungen der Bahn hier und heute einsetzen. Wer etwa am Wochenende nach Zürich fährt, darf in ausgedienten S-Bahn-Zügen aus Zürich Platz nehmen. Die Direktverbindung der Tourismusdestination Luzern zum Flughafen Zürich wird ständig abgebaut. Dass es mal internationale Verbindungen ab Luzern gab, weiss fast niemand mehr. Ich erinnere mich: In meiner Kindheit fuhren in Meggen Züge von Hoek van Holland nach Napoli. Damals gab es in Luzern eine von drei Kreisdirektion der SBB (die andern in St. Gallen/Zürich und Lausanne). Sie wurden 1998/99 im Zuge der grossen Bahnreform aufgehoben. Danach, scheint mir, ging es mit der Bahn in der Zentralschweiz nur noch bergab.

Aber vielleicht ist der Abbau der Direktzüge zum Flughafen im Sinne der Kritiker des Overtourism. Oh ja, auch ich habe schon über den Overtourism gejammert – als Tourist in Florenz. Heisst: Wir alle sind Teil des Problems. Ich habe noch niemanden getroffen, der nicht selbst temporär Tourist ist. Ich kann aber die Beunruhigten beruhigen: Wenn erst mal der Bypass und der Tiefbahnhof gebaut werden und unsere Luftwaffe mit dem F35 über die Agglomeration donnert, bleiben die Touristen von selbst weg. Wer interessiert sich schon für Baustellenbesichtigungen?

Ich hab läuten gehört, aus dem politischen Biotop, dass mit der Realisierung des DBL alles besser wird. «Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.» Wer heute solche Versprechungen macht, weiss, dass er bei einer allfälligen Inbetriebnahme nicht mehr im Amt ist und dafür nicht geradestehen muss. Zudem: Man kann Fahrpläne so gestalten, dass Verbindungen unattraktiv werden und mangels Interesse aufgehoben werden – was in Luzern immer wieder geschieht. Ein Rezept, mit dem sich Metropolen durchsetzen.

Wenn dann die Massen ausbleiben, Luzern links oder rechts liegen lassen, in unseren Hotelpalästen gähnende Leere herrscht und sich der Overtourism erledigt hat, kann sich die Politik mit der Frage beschäftigen, wie man das abgewrackte Städtchen auf Vordermann bringt. Dann wird man erkennen, dass der kulturelle Reichtum dieser Stadt, ihre Vitalität und Lebensqualität nicht nur, aber doch zu einem guten Teil vom Tourismus abhängig ist. Ohne ihn wäre sie ein verschlafenes Nest geblieben. Vielleicht muss zuerst am Boden liegen, wer nicht kapiert, dass er den Ast absägt, auf dem er hockt …

Meinrad Buholzer

Meinrad Buholzer

Kolumnist

Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens. Arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist.  Von 1975 bis 2012 leitete er die Redaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene.