Handwerk als lebenslange Leidenschaft

23.04.2026 | Hans Beat Achermann (Text und Bild)

Neben seinen vielen Jobs gibt es eine Konstante im Leben von Martin Vollmeier: die Werkstatt. Dort flickt, schleift und fräst der 75-Jährige fast täglich. Das Porträt eines Vielseitigen.

Martin Vollmeier in seiner Werkstatt: «Ich bin ein Chlütteri.»
Martin Vollmeier in seiner Werkstatt: «Ich bin ein Chlütteri.»

Über dem Eingang zur ehemaligen Garage im Untergeschoss eines Dreifamilienhauses an der Voltastrasse steht auf einer kleinen Tafel schlicht «Werkstatt». Im 20-Quadratmeter-Raum ist Martin Vollmeier gerade daran, einem alten Kindersitzli aus Holz eine neue Sprosse einzusetzen. Die sitzt aufs My genau. Und das ist kein Zufall, Vollmeier hat ursprünglich eine vierjährige Lehre als Maschinenmechaniker absolviert. Da war schon Präzision gefragt.

Lehrort war die Maschinen- und Waffenfabrik Bührle in Oerlikon. «Ich hatte damals keine Ahnung, was die Firma während des Krieges für Geschäfte machte.» Erst im letzten Lehrjahr hörte er davon, dass an einem verborgenen Ort Hakenkreuze an nicht mehr ausgelieferten Flabkanonen abgefräst worden waren. Gleich nach der Lehre meldete er sich zur Aufnahmeprüfung für das Technikum in Winterthur an. Er wurde aufgenommen, begann die Ausbildung und wusste schon bald: «Das ist nicht meine Welt.» Trotz aller Zweifel beendete er das Studium zum Maschineningenieur HTL, wie es damals hiess.

Mit dem «Florett» von Haus zu Haus

Der Vater, ein Gärtner, hatte ihm schon früh gesagt, er sei ein «Chlütteri», ein Allroundhandwerker, Bastler, Reparierer, kein Theoretiker. Nach einer ersten Arbeitsstelle bei Lindt & Sprüngli in Kilchberg, wo es ihn nicht lange hielt, richtete er sich zuhause in Langnau am Albis im Keller eine Werkstatt ein. Mit dem «Florett», einem Zweitakter-Moped von Kreidler, fuhr er von Haus zu Haus, flickte Kaputtgegangenes, schweisste, schmiedete und lötete. Das war seine Welt – und sie ist es bis heute geblieben. «Seither hatte ich immer eine Werkstatt.»

Daneben war er in der Jungwacht engagiert. Dadurch kam er in Kontakt mit der Dachorganisation von Blauring und Jungwacht in Luzern am St.-Karli-Quai. Er erhielt eine Teilzeitanstellung, konnte seine vielfältigen Begabungen einsetzen. Denn neben dem Handwerklichen war Martin Vollmeier ein guter Zeichner, hatte gestalterische Ideen. «Ich konnte immer mehr Aufgaben übernehmen, Buchcover entwerfen, Schaufenster gestalten, Drucksachen layouten und weiter handwerklich tätig sein. Dort lernte er auch seine nachmalige Ehefrau kennen, mit der er drei Söhne hat. Jetzt ist er dreifacher Grossvater.

Grafiker im Selbststudium

«Ich habe durch viel Glück immer wieder interessante Stellen bekommen, für die ich gar keine entsprechende formelle Ausbildung hatte.» Die holte er jeweils nach. In drei berufsbegleitenden Jahren wurde er Jugendarbeiter, am SAWI in Biel liess er sich in Marketing und Werbung ausbilden. «Ich war nie ausgebildeter Grafiker mit einem Diplom», sagt er und fügt lachend bei: «Im Telefonbuch habe ich mich als Grafiker ISS eintragen lassen. Grafiker im Selbststudium.» Wer Martin Vollmeier im Internet googelt, findet unter anderem ein eindrückliches Plakat von 1989 für den Circus Monti.

Von Martin Vollmeier gestaltetes Plakat. Bild: zvg
Von Martin Vollmeier gestaltetes Plakat. Bild: zvg

Mit 37 Jahren wurde er beruflich «sesshaft». Bei der Druckerei Brunner in Kriens konnte er all seine gestalterischen Ideen umsetzen, Kunden beraten, all die Arbeiten ausführen, die heute ein Polygraf macht. Dank seiner Erfahrung gab er sein Wissen weiter, unterrichtete am Medienausbildungszentrum MAZ Redaktoren von Fachzeitschriften und an der Schule für Sozialarbeit führte er Workshops durch. «Das wäre heute alles nicht mehr möglich, da man für alles ein Zertifikat braucht oder sogar einen Master», schaut er zurück.

Eine selbstgebaute Jukebox in der Wohnung

Mit 60 hatte er sein Pensum bei Brunner um einen Tag reduziert. Der fünfte Tag war Werkstatt-Tag. Inzwischen sind es meist fünf Tage, die Martin Vollmeier in der Werkstatt verbringt oder vor Ort bei Kundinnen oder Kunden. «Ich habe 230 Adressen gespeichert», sagt er. Und bei irgendwem ist immer etwas defekt oder es braucht zum Beispiel einen Handlauf im Treppenhaus. «Es ist eine unglaublich schöne Arbeit. Dazu lernt man immer wieder Leute kennen, kann alte Kontakte pflegen», sagt der 75-Jährige, der mit seiner Partnerin im Bruch-Quartier wohnt.

Neben Fremdaufträgen hat er mehrfach auch sich selbst Aufträge gegeben. So entwickelte er eine selbstspielende Handorgelmaschine und in mehrjähriger Arbeit baute er eine Jukebox. «Leider haben dort nur 60 von meinen insgesamt 200 Singles Platz», bedauert er. Er lässt aber nicht nur spielen, sondern spielt selber bei der Formation Apéro-Musik Handorgel und Saxofon, beides autodidaktisch erlernt. «Ich hatte zwar sechs Jahre lang Klavierunterricht. Aber für unterwegs ist das Klavier nicht sehr geeignet», witzelt Martin Vollmeier.

Ein Macher, kein Spieler

Was er eigentlich nicht könne, will ich von ihm wissen. Er zögert kurz und sagt dann: «Ich bin kein Spieler, kann nicht mal jassen. Mir fehlt die Fähigkeit, strategisch zu denken.» Ein typischer Macher also? «Ja, das kann man so sagen.» Und ein Wanderer. Als wir uns am frühen Nachmittag in der Werkstatt treffen, war er schon auf die Fräkmüntegg gewandert, in drei Stunden. «Früher waren es zwei.» Jetzt nimmt er es etwas gemächlicher. Wie lange er die Werkstatt noch betreiben will? «Bis ich ins Grab gehe.» Da hat einer wirklich eine erfüllende Lebensaufgabe gefunden.

Vor dem Werkstatteingang steht das Velo samt Anhänger. Bereit, neue Aufträge abzuholen. Zuerst muss jetzt aber noch das Kindersitzli fertig repariert werden.

Hans Beat Achermann

Hans Beat Achermann

Redaktionsleiter

Hans Beat Achermann (*1947) war Journalist bei verschiedenen Medien und nach einer Ausbildung zum Berufs- und Laufbahnberater beim BIZ Zug als Berufsinformator angestellt. Er ist seit 2012 Mitglied im Forum Luzern60plus und zurzeit Leiter der Redaktionsgruppe.