Im engsten Familienkreis

27.10.2026 | Beat Bühlmann (Text und Bild)

Die Abdankungsfeier im engsten Familienkreis, die Asche im anonymen Gemeinschaftsgrab oder irgendwo verstreut: Die Bestattungskultur wird zunehmend privatisiert. Was macht das mit «Allerheiligen», mit dem Erinnerungsort Friedhof? Unterwegs im Friedental mit dem Historiker Jürg Stadelmann.

Jürg Stadelmann am Grabmal von Carl Weidmann-Berchtold: eine Selbstinszenierung über den eigenen Tod hinaus.
Jürg Stadelmann am Grabmal von Carl Weidmann-Berchtold: eine Selbstinszenierung über den eigenen Tod hinaus.

Freitagnachmittag im Friedental. Ein kleiner Trauerzug von sechs Angehörigen begleitet eine Urne zur letzten Ruhestätte. Ein Begräbnis der trostlosen Art. Manchmal, sagt Jürg Stadelmann, sei die Friedhofsverwaltung dafür besorgt, dass niemand allein zur letzten Ruhe gebettet wird. Stadelmann ist Historiker und hat als Projektleiter die Ausstellung «100 Jahre Frieden im Tal. 100 Jahre Krematorium Luzern» konzipiert (siehe Hinweis unten). Er führt mich zuerst auf das kleine Grabfeld 21, um mir im Säulengang das Grabmal des einst einflussreichen Gewerbepräsidenten Carl Weidmann-Berchtold (1870-1936) zu zeigen: eine pompöse Selbstinszenierung über den Tod hinaus.

Die letzte Ehrerweisung

Meine erste Erinnerung an eine Beerdigung war der Trauerzug meines Grossvaters. Ich war gut dreijährig und sah vom Fenster unserer Stube auf die Hauptstrasse hinunter, wo der Sarg mit meinem Grossvater, festgezurrt auf einer Lafette, gezogen von zwei Pferden, am frühen Morgen von der Pfarrkirche Rothenburg zum Friedhof Bertiswil geleitet wurde. Das ganze Dorf, so haftet das Bild in meinem Gedächtnis, nahm am Leichenzug teil, begleitet von der Feldmusik, die der Grossvater dirigiert hatte. Ich sehe mich, wie ich aus dem Fenster lehne, vermutlich von der Mutter festgehalten, und dem Trauermarsch mit grossen Augen und klopfendem Herzen nachschaue.

97 Prozent der Luzerner Bevölkerung waren damals Katholiken. Die Kirche bestimmte das Trauerritual: mit Sargträgern, Fahnendelegationen, Weihrauch und schönem Nekrolog, Erdbestattung. Danach das Leichenmahl im nahegelegenen «Kreuz» oder im «Bären». Am 1. November, an Allerheiligen, in katholischen Kantonen bis heute ein gesetzlicher Feiertag, besuchten die Angehörigen die Gräber ihrer Verstorbenen.

Und heute? Die Bestattung wird zunehmend zu einer Privatangelegenheit, wie in Todesanzeigen zu lesen ist: «Wir nehmen im engsten Familienkreis Abschied und danken allen, die Peter in Freundschaft begegnet sind.» Und wenn ich mich in aller Freundschaft von ihm verabschieden möchte? «Wir werden Margrith in fröhlicher und liebevoller Erinnerung behalten. Und sind sicher, dass sie an ihrem neuen Ort für viel Freude, Umarmungen und gute Laune sorgen wird.» Und wenn sich ihre Freundinnen, Freunde in ihrer Trauer beim letzten Abschied auch umarmen möchten? «Auf ausdrücklichen Wunsch von Ottilia haben die Abdankung und Urnenbeisetzung im engsten Familienkreis stattgefunden», lässt eine andere Trauerfamilie in der Todesanzeige verlauten. Wer nicht zur Familie gehört, bleibt beim Abschiednehmen ausgeschlossen.

Selbst der Hinschied des populären Volksmusikers Hans Aregger-Schiess (96), der mit 120 Jodellieder und 500 Ländlern die Innerschweizer Volksmusik prägte, war Privatsache: «Bisetzig findet im engschte Familienkreis statt.» Wer will, kann stattdessen im Internet auf «funere» «ein paar Worte in Erinnerung an Hans Aregger hinterlassen» oder auf verstorben.ch eine Kerze anzünden und den Angehörigen kondolieren. Ist das ein «schickliches Begräbnis», wie es in unsere Zeit passt? Eine letzte Ehrerbietung, ohne persönliche Anteilnahme?

Anonym im Gemeinschaftsgrab

Wir spazieren im Friedental der «Goldküste» (Jürg Stadelmann) entlang, dort wo die Prominenz aus früheren Zeiten ihre ewige Ruhestätte gefunden hat – mit tollem Blick auf den Rotsee, wenn den Verstorbenen das noch etwas bedeutet. Hier steht das kleine Mausoleum des Eichhof-Bierbrauers Heinrich Endemann (1846-1914), der Obelisk der Familie Hauser-Spaeth vom Hotel Schweizerhof, das Grabmal des Bildhauers Hugo Siegwart (1865-1938), der Schriftstellerin Cècile Lauber (1887-1981) oder des Plastikers Rolf Brem (1926-2014) – und natürlich das Grab von Carl Spitteler (1845-1924), dem Nobelpreisträger für Literatur. Er war es, der sich 1924 als erster im (noch nicht fertig erstellten) Krematorium in Luzern einäschern liess. Das war eine Provokation für die Katholisch-Konservativen. Die Kremation war des Teufels und bis 1963 von der Kirche verboten.

Wir setzen uns auf die Bank gegenüber dem Gemeinschaftsgrab. «Dieses Massengrab ist die radikale Abkehr von der traditionellen katholischen Bestattungskultur», sagt Stadelmann. «Es werden keine Namen genannt, der Grabschmuck muss nach zwei Wochen entsorgt werden.» Warum ein derart anonymer, unpersönlicher Abgang? «Er entspricht vielleicht der Effizienz unserer Zeit», vermutet Stadelmann. «Niemand muss sich um die Grabpflege kümmern, keiner will den Nachkommen zur Last fallen.» Vermutlich dürften auch finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen.

In der Stadt Luzern werden pro Jahr gut 600 Personen beerdigt. Davon sind 10 Prozent Erdbestattungen, 90 Prozent Kremationen. Fast die Hälfte der Urnen (45 Prozent) werden im Gemeinschaftsgrab ausgeschüttet. Seit 1992 wurde hier die Asche von gegen 13’000 Personen hinterlassen, es bleibt noch Platz für weitere 2000 Einäscherungen. Gut ein Drittel der Urnen werden in einem Urnengrab beigesetzt, ein Fünftel kommt zu den Angehörigen nach Hause oder auf einen anderen Friedhof. 

Die Asche in alle Welt verstreut

Immer häufiger wird die Asche nach Wunsch der Verstorbenen in einem Wald, einem See oder auf einem anderen Lieblingsplatz verstreut. Eine Witwe habe ihm erzählt, ihr Ehemann, ein passionierter Berggänger, habe sich den Gipfel eines Viertausenders ausgewählt. Sie könne doch nicht so hoch hinaus, wenn sie von ihm Abschied nehmen oder ihn besuchen wolle, habe sie ihm zu verstehen gegeben. Sie haben die Asche dann aufgeteilt: ein Teil wurde auf dem Berg verstreut, der andere ist in der Urne bei der Witwe zuhause.

Was bedeutet das für die öffentliche Bestattungskultur? Wird das Friedental zum Naturpark? Schon heute grasen manchmal Schafe auf leeren Grabfeldern. Wird der Friedhof als Erinnerungsort abdanken? Im Gegensatz zu Deutschland, so Stadelmann, gebe es bei uns keine Bestattungspflicht. Es genüge, wenn die Urne plombiert sei. Danach könnten die Hinterlassenen mit der Asche tun, was sie wollten. Manchmal geht sie allerdings vergessen und landet, wie Stadelmann auch schon erfahren hat, im Brockenhaus.

Der Historiker ist überzeugt, dass der Friedhof ein Erinnerungsort bleiben wird. «Nur werden wir in drei, vier Jahrzehnten vielleicht vor allem Muslime hier bestattet sehen.» Seit 2008 gibt es bereits ein muslimisches Grabfeld mit 297 Gräbern. Wer aufmerksam durchs Friedental geht, wird auch ausserhalb dieses Feldes immer wieder Gräber entdecken, die Richtung Mekka ausgerichtet sind. Für Muslime – wie auch für die Juden – ist die Kremation kein Thema. 

Kampf fürs Krematorium

Noch bis zum 15. November 2026 ist im Friedental die Ausstellung «Frieden im Tal. 100 Jahre Krematorium Luzern» zu sehen. Mit der Kremation des Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler am 31. Dezember 1924 wurde das Krematorium in Betrieb genommen. Offiziell eingeweiht wurde es erst 1926, nach jahrelangen juristischen Grabenkämpfen, die selbst das Bundesgericht beschäftigten. Denn das Projekt stiess bei der katholisch-konservativen Kantonsregierung auf starken Widerstand. Dabei hatte die Bundesverfassung 1874 erstmals festgelegt, dass «das Bestattungswesen den zivilen Behörden zukommt». Erst 1963 hob die Katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil das Kremationsverbot auf. Heute werden pro Jahr gegen 3800 Einäscherungen im Friedental vorgenommen, für Verstorbene aus einem Einzugsgebiet vom Brünig bis ins Freiamt und vom Napf bis zum Zugerberg. 

Beat Bühlmann

Beat Bühlmann

Gastautor

Geboren 1951. Er leitete von 2012 bis 2016 das städtische Projekt «Altern in Luzern», gehörte bis 2022 dem Ausschuss des Forums Luzern60plus an und engagierte sich während zehn Jahren in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus. Den MAS Gerontologie schloss er 2007 an der Fachhochschule Bern ab. Vor seiner Tätigkeit als Gerontologe arbeitete Bühlmann während 25 Jahren als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik.