Italien: Eine Fussballnation im Offside
Dass Italien an der Fussball-WM 2026 wieder nicht dabei ist, schmerzt unsern neuen Kolumnisten Marco von Ah. Doch statt Larmoyanz wären jetzt Reformen angesagt, damit sich das Debakel nicht wiederholt.
«TUTTI A CASA». So lauten am 1. April 2026 die Schlagzeilen der «Gazzetta dello Sport» und des «Corriere dello Sport». Frei übersetzt: «Alle sofort nach Hause, aber dalli!» Diese Titel in gelben Grossbuchstaben füllen die ganze Breite der italienischen Sportzeitungen; ihre Frontseiten sind illustriert mit Bildern, die konsternierte, weinende Fussballer zeigen, die soeben die Qualifikation für die WM-Endrunde dieses Jahres verpasst haben.
Italien in Tränen? Nicht wirklich. Viele haben keine hohen Erwartungen mehr. Ich schon. Ich bedaure das Scheitern einmal mehr. Aber ich bin ja kein Italiener.
Italien fehlt zum dritten Mal in Folge am wichtigsten Fussballturnier der Welt. So oft in Serie ist nie zuvor eine (ehemalige) Weltmeister-Nation in der Qualifikation gescheitert. Dank Platz 2 in der Gruppe I (wie Italien) wäre die Teilnahme über zwei Playoff-Spiele noch zu schaffen gewesen. Gejubelt haben die italienischen Fussballer tatsächlich zweimal: einmal über den 2:0-Sieg gegen Nordirland im ersten Playoff-Spiel und einmal darüber, dass der Gegner im zweiten Bosnien-Herzegowina und nicht Wales sein würde. Und nun? Rund ein Drittel der UEFA-Nationen ist dabei, Italien gehört zur Zweidrittelsmehrheit der Gescheiterten.
Eine stolze Fussball-Nation am Boden zerstört? Nicht wirklich. Viele haben sich ans Scheitern gewöhnt. Ich nicht. Ich habe nicht vergessen, dass Italiens Nationalteam früher geliefert hat, wenn es zu Hause schon abgeschrieben gewesen war.
Statt im Spiel von Zenica inszenieren sich Spieler und Trainer erst danach so richtig, bitten um Entschuldigung für das Versagen und bedauern, dass es in Italien unzählige Kinder gebe, die ohne Erinnerungen an eine WM-Teilnahme Italiens aufwachsen müssten. Von den aktuellen Spielern hat keiner je ein WM-Spiel absolviert und folglich wie die bedauerten Kinder Italiens auch keine WM-Erinnerung – die «Generazione S», wie die «Repubblica» schreibt, «generazione senza Mondiali» («Generation ohne WM»).
Eine sportbezogene Aufarbeitung der letzten Spiele? Nicht wirklich. Vorerst ist bei den Hauptverantwortlichen Larmoyanz angesagt. Bei mir nicht. Denn ich erinnere mich auch an die beiden letzten WM-Teilnahmen Italiens. 2010 in Südafrika Out in der wohl leichtesten Gruppe, 2014 in Brasilien Out in der Gruppe mit dem damals peinlich schwachen England.
WM-Spiele würden Italiens Kinder, Spieler und Trainer vielleicht und den Verband sicher glücklich machen. Denn dieser erhält, scusa: erhielte allein für die WM-Teilnahme rund zehn Millionen Euro. Fehlten WM-Qualifikationsprämien in der Kasse des Schweizerischen Fussballverbands dreimal in Folge, müsste dieser über Jahre sein Engagement reduzieren – unter anderem im Nachwuchsspitzenfussball, aus dem jene Kader gebildet werden, die sich seit 2006 stets für die WM-Endrunden qualifizieren, auch jenes, das an der WM 2026 jetzt auf Bosnien-Herzegowina statt auf Italien trifft.
Anerkennende Worte der grossen Fussball-Nation für die nicht so grosse? Nicht wirklich. Mich freut, wie die Schweiz dank klarer Strategie und Fachpersonen zu den acht Fussball-Nationen (Argentinien, Brasilien, Deutschland, England, Frankreich, Schweiz, Spanien, Uruguay) geworden ist, die seit 2006 alle WM-Endrunden gespielt haben.
In Italien scheint das Geld aus den Endrunden nicht zu fehlen, weder dem Verband, noch den Top-Klubs der Serie A mit einem fast 70-prozentigen Anteil an ausländischen Spielern, die italienischen Talenten oft vorgezogen werden. Denn die vorwiegend ausländischen Besitzer der Vereine investieren lieber in relativ günstige Fussballer aus dem Ausland statt in die Ausbildung eigener Talente. Darum stimme ich, selbst wenn mittlerweile der Präsident, der Sportdirektor und der Nationalcoach zurückgetreten sind, dieser Analyse des TV-Senders Sky Italia zu: «Wenn wir keine Reformen zulassen, werden wir das, was wir schon vor zwölf Jahren gesagt haben, bis in alle Ewigkeit wiederholen und die WM der anderen im Fernsehen anschauen.»
Tutti a casa? Naja, vielleicht nicht tutti, aber a casa schon. Wie wir auch ...