Katharina Morel, die Unerschrockene
(Fast) vergessen: Eine lose Serie über Luzerner Männer und Frauen, die aus dem Blickfeld geraten sind. Heute: Katharina Morel (1790-1876), die für Napoleon in den Krieg zog.
Darauf war meine Mutter selig ziemlich stolz: Katharina Morel, Marketenderin auf Napoleons Russlandfeldzug, hatte 1839 in zweiter Ehe meinen Ururgrossonkel geheiratet, den Luzerner Tuchhändler Joseph Morel. Obwohl nur an-verwandt, schien mir, als sei von dieser unerschütterlichen Frau Blut durch die Adern meiner Mutter geflossen. Akribisch hatte sie auf Papier notiert, was über Katharina Morel aufzutreiben war und korrigierte – zum Beispiel auf einer Stadtführung – vehement, wenn etwas Biografisches in Schieflage geriet.
Schon zweimal verhalf das Historische Museum Luzern (heute Museum Luzern) Katharina Morel zu einer Rückkehr aus der Vergessenheit, jüngst im Zusammenhang mit der Ausstellung «Luzern erzählt». Ganz direkt liess man die Unerschrockene und Unermüdliche auf Plakaten aus ihrem vollen Leben berichten: «Ich, Katharina Morel, habe in meinem Leben so einiges erlebt! Schon als kleines Kind war ich im Wirtshaus meines Vaters in Luzern von Jubel und Trubel umgeben. In jungen Jahren arbeitete ich in verschiedenen Gaststätten, bis ich meinen Mann Heinrich Peyer kennenlernte. Er war Sattler, doch das Geschäft lief schlecht und wir beschlossen, uns in französische Dienste zu begeben – ich als Händlerin zur Versorgung der Armee und Heinrich als Musikant. Mein Leben war von Höhen und Tiefen geprägt. Ich habe alles in meinen Tagebüchern dokumentiert.»
Vom Krieg ins Gastgewerbe
Auch die Luzerner Journalistin Inge Sprenger Viol hat Katharina Morels Vita in einem Buch* eindrücklich festgehalten. Zu Napoleons Feldzug schreibt sie: «Bei eisiger Kälte zog das Regiment über Lüttich, Aachen, Stettin nach Russland. Tagesmärsche von zehn Stunden Dauer! Katharina Peyer hielt durch.» Doch zu lesen ist ebenso, welchem Entsetzen und Elend die Abenteurerin ausgesetzt war. Am Ende gehörte sie mit ihrem Mann zu den 30 Überlebenden des einst 1700 Köpfe zählenden Schweizer Regiments. Mitte Mai 1813 hatte das kleine Häufchen Menschen wieder Schweizer Boden unter den Füssen. Doch schon bald liess sich das Ehepaar Peyer wieder anwerben und zog für Holland in den Krieg.
Und danach? Katharina Morel: «Nach einigen Jahren im Ausland kehrten Heinrich und ich nach Sursee in die Schweiz zurück. Bald zog es mich wieder in die Stadt Luzern, wo wir 1822 den Gasthof Engel an der Pfistergasse 31 übernehmen konnten. An diesem Treffpunkt wichtiger Luzerner Persönlichkeiten entging uns nichts: Abgeordnete des Grossen Rats, Richter, Professoren und Ärzte waren regelmässige Gäste. Politik interessierte mich, so unterstützte ich zum Beispiel die Pfefferfrauen, die den zum Tode verurteilten, liberalen Freischärler Jakob Robert Steiger aus dem Kesselturm befreiten. Es waren spannende, aber auch traurige Jahre. Am 12. Juni 1833 sah ich vom ‹Engel› aus beim Weinmarkt ein gewaltiges Feuer – es zerstörte elf Häuser! 1837 starb mein geliebter Heinrich nach langer Krankheit. Ich heiratete den Händler Joseph Morel und stieg in den Tuchhandel ein. Anfangs erfolgreich, Luzern war auf dem Weg, ein wichtiger Handelsort zu werden. Doch bald erkrankte auch Joseph, was Probleme im Betrieb brachte. Als er nur fünf Jahre nach unserer Eheschliessung starb, gab ich das Geschäft auf und schlug abermals einen neuen Weg ein.»
Arbeiten ohne Ende – aus Passion
Die Mitfünfzigerin übernahm auf der Rigi die Führung des Hotels Kaltbad. Selbst als der Betrieb und damit der gesamte Privatbesitz Katharina Morels im September 1849 niederbrannte, gab die tapfere Luzernerin nicht auf und wirkte danach im Hotel Schweizerhof erfolgreich weiter.
Und nochmals Katharina Morel: «Als der ‹Schweizerhof› verkauft wurde, eröffnete ich meine eigene Pension Morel. Die Gäste schätzten meine Gastlichkeit und Erfahrung. Das wusste auch Oberst Segesser. Als er im Jahre 1870 ein weiteres glanzvolles Hotel eröffnete – das ‹National› – bat er mich, noch einmal die Hauswirtschaft zu leiten. Ich war bereits 80 Jahre alt, doch er meinte: ‹Wenn Sie nur da sind, bin ich schon zufrieden.›»
Die letzten Zeilen, die die alte Frau in ihrem Tagebuch niederschrieb, zitiert Inge Sprenger Viol wie folgt: «Ich glaube, ich habe viel geleistet in meinem Leben, und doch kann ich nicht ruhig und ohne Beschäftigung sein.»
Katharina Morel wurde am 17. März 1876 in den Gräberhallen im Hoffriedhof beerdigt.
Was ich nirgendwo sonst las, fand ich in den Notizen meiner Mutter: Die Tuchhandlung Morel befand sich an der Weggisgasse 14 und wurde 1848 von Katharina Morel verkauft. Und: Diese soll ein Jahr nach der Hochzeit mit Joseph Morel ein Kind ihrer Schwägerin in Obhut genommen und dem Mädchen das Nähen beigebracht haben. «Konnte sehr gut nähen», notierte meine Mutter, selbst gelernte Schneiderin.
Quellen:
* «Merkwürdige Frauen», Inge Sprenger Viol, Maihof-Verlag, 1998
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