Meinen 2.0
Kolumnistin Helen Christen meint, dass man erstens vorschnellen Meinungen gegenüber (auch eigenen) skeptisch sein soll und zweitens durchaus nicht zu allem eine Meinung haben muss.
Leihmutterschaft, 13. AHV-Rente, Bundeskanzler Merz, Gleis Null, Bundesrat Parmelins Great-Chäppi, Jason Arday, Kirchenaustritte, Valérie Dittli, Überakademisierung … Die Themenflut, die unentwegt über uns hinwegrollt, ist das eine. Das andere ist, dass wir gleichzeitig einer Meinungsschwemme ausgeliefert sind, mit der uns in Windeseile zugetragen wird, was beispielsweise davon zu halten ist, dass der Finance Bro Roman hemmungslos seine Lust am Geldscheffeln offenbart.
Vornehmlich in Laber-Podcasts und in Talkshows (und natürlich in den sozialen Medien) wird herumgemeint, was das Zeug hält. Auf dem Weg zur Party ist gut beraten, wer im Handtäschli eine pfannenfertige Meinung mithat zu allem, dessen Wichtigkeit gerade hochgejazzt wird.
Was aber, wenn man nicht dalli, dalli meinen kann oder will? Wenn man Für und Wider noch nicht mit der nötigen Musse abgewogen hat, wenn man sich ob unzureichender oder einseitiger Informationen schlicht nicht in der Lage sieht, wenigstens eine hingestümperte Meinung parat zu haben?
Angesichts der Komplexität der Welt plädiere ich für «Meinen 2.0», einen – moderaten – Skeptizismus nämlich, der nicht mit zementierten Meinungen vorprescht, bevor eine Angelegenheit von verschiedenen Seiten ausgeleuchtet ist. Ein harmloses Beispiel: Hätte es den Berner Behörden nicht gut angestanden, kurz zuzuwarten mit ihrer Subito-Reaktion auf die blüttelnde Transfrau, die mit unzweideutig männlichem Anhängsel das Frauen-Paradiesli in Aufruhr versetzte?
Zweifelndes Hin und Her mag Sand im Getriebe der Welt sein, solange nicht Handlungsunfähigkeit und «Durchwurschteln» (Ignazio Cassis) daraus resultiert, befördert Skeptizismus das Verständnis unterschiedlicher Standpunkte und eine ausgewogene Einschätzung. Diese kann mitunter aufwändig sein, haben doch viele Themen geradezu Fifty Shades of Grey. In Anbetracht dessen erweist sich der Daumen (nach oben/nach unten), den uns die digitale Welt anbietet, um das Meinungsspektrum auf platte Zustimmung oder Ablehnung zu kanalisieren, als Kränkung für einen homo, der zumindest ein wenig sapiens sein möchte.
Ob wir uns die traditionsreiche britische Debattenkultur zum Vorbild nehmen sollten? Dort übt man sich bereits in der Schule mit dem Ausfeilen von Standpunkten, trainiert in inszenierten Debatten das Hin und Her von Argumenten, muss gar probeweise fremde Meinungen vertreten. Gänzlich von einer anderen Welt kommt uns dabei das Gebaren im britischen Unterhaus vor, wo die Rednerinnen und Redner in den politischen Disputen entweder mit lautstarkem «hear, hear!» Zustimmung und oder mit lärmenden Buhrufen Ablehnung erfahren, streng beobachtet vom Speaker oder der Speakerin. Diese Vorsitzenden unterbinden etwa unhöfliches Verhalten wie das Spielen auf den Mann oder die Frau und weisen mit «order, order!» das «House of Commons» in seine Schranken.
Ist so die Gefahr gebannt, als blindes Meinungsherdentier den Meinungsleithammeln folgsam hinterherzulaufen? Wenig mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten im Vereinigten Königreich hat sich 2016 für einen Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Haben diese Brexiteers Pro und Contra – wie sie es in der Schule gelernt haben – wirklich gut gegeneinander abgewogen? Viele Britinnen und Briten reiben sich heute verwundert die Augen. Es mag ihnen so ergehen wie mir, die ich gelegentlich am nächsten Morgen nicht länger meiner Meinung bin.
Randnotiz 1: Sollte es überdies nicht erlaubt sein, einfach mal keine Meinung zu haben? Zu Performance als Kunstform habe ich zum Beispiel keine Meinung, ebenso wenig zu Sneakers zum Herrenanzug (nicht doch auch eine Art von Meinung?). Und zu einigem ist meine Meinung – es sei zugegeben – sogar in Stein gemeisselt: Atomkraftwerke und Erdbeeren an Weihnachten gehen gar nicht (= Daumen runter).
Randnotiz 2: Eigentlich mache ich ja auch nichts anderes, als regelmässig mit ungefähr viertausend Zeichen etwas zusammenzumeinen.