Mit sich selbst liebevoller umgehen
Wie wichtig die Aktivierung der inneren Ressourcen ist, wenn das Leben eine markante Zäsur erfährt, hat Verena Steiner im September an der Seniorenuniversität aufgezeigt. Mit einer Podcast-Reihe unterstützt sie ab November auf einem weiteren Kanal all jene, die sich in einem Lebensübergang befinden und wieder nach vorne schauen möchten.
Brüche im Leben kann es ganz viele geben: der Verlust eines geliebten Menschen, die Pensionierung, die Konfrontation mit einer schweren Krankheit, Alter und Gebrechlichkeit oder die zunehmende Einsamkeit, wenn sich der Freundeskreis ausdünnt. Die Biochemikerin und Ehrenrätin der ETH Zürich Verena Steiner hat sich intensiv damit beschäftigt, wie man mit Verlust und Wandel umgeht. Sie weiss, wovon sie spricht: Als sie 2013 ihren Mann durch einen Bergunfall verlor, geriet sie in eine tiefe Sinnkrise.
Als ausgewiesene Lernexpertin begann sie, ihr Alleinsein gezielt zu nutzen, um innerlich zu wachsen, Neues zu entwickeln und insgesamt autonomer zu werden. Die Quintessenz ihres Prozesses ist das Buch «SOLO», das 2025 herausgekommen ist und als Leitfaden für Betroffene dienen kann. Nachdem Verena Steiner bereits vergangenen Juni im Rahmen der «Lebensreise 2026» über den Mut zu mehr Selbstwirksamkeit und Zuversicht referiert hatte, stellte sie sich im Anschluss an den Vortrag an der Seniorenuniversität meinen Fragen.
Verena Steiner, grundsätzlich unterscheiden Sie drei Dimensionen der Einsamkeit: emotionale, soziale und existenzielle. Welche davon ist die grösste Herausforderung?
Verena Steiner: Das lässt sich nicht generell sagen. Es kommt darauf an, was einem Menschen fehlt. Emotionale Einsamkeit entsteht, wenn ein sehr naher Mensch fehlt, soziale Einsamkeit, wenn das Beziehungsnetz zu dünn geworden ist, und existenzielle Einsamkeit, wenn Perspektiven, Aufgaben und Sinn fehlen. Gerade nach einem Verlust können alle drei gleichzeitig auftreten. Einsamkeit lässt sich von verschiedenen Seiten angehen, es geht nicht nur um Beziehungen zu anderen Menschen, sondern auch um eine gute Beziehung zu sich selbst. Gegen soziale Einsamkeit kann ich mein Beziehungsnetz stärken, gegen existenzielle Einsamkeit neue Aufgaben, Ziele und Sinnquellen suchen. Und bei emotionaler Einsamkeit geht es neben nahen Beziehungen auch darum, die Verbindung zu sich selbst zu stärken, zum eigenen Tun, zur Natur, Kultur oder auch zu Gott. All dies zu lieben und zu lernen, mit sich selbst liebevoller umzugehen.
Warum ist der Umgang mit Verlust und Wandel grundsätzlich schwierig?
Verlust bedeutet zunächst, dass etwas Vertrautes wegfällt, das unserem Leben Halt, Struktur, Verbundenheit und oft auch Sinn gegeben hat. Das kann ein Mensch sein, aber ebenso die berufliche Aufgabe, die gewohnte Umgebung oder die eigene körperliche Leistungsfähigkeit. Wir müssen uns innerlich und äusserlich neu orientieren. Dazu kommt etwas ganz Menschliches: Unser Gehirn reagiert stärker auf Negatives als auf Positives. Das hat einen guten biologischen Grund. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, Gefahren, Verluste und Bedrohungen besonders rasch wahrzunehmen und im Gedächtnis zu behalten. Diese alte Alarmanlage tragen wir noch immer in uns. In schwierigen Lebensphasen kann sie allerdings dazu führen, dass das Fehlende und Belastende unsere Aufmerksamkeit geradezu anzieht. Umso wichtiger ist es, bewusst gegenzusteuern und den Blick wieder zu weiten. Es geht dabei nicht darum, das Schwere schönzureden, sondern dem Positiven wieder genügend Raum zu geben.
Sie plädieren für mehr Planung und Selbstbeobachtung im persönlichen Leben – was heisst das praktisch?
Ich würde in diesem Zusammenhang eher von Struktur als von Planung sprechen. Gerade nach einem Verlust, solange man innerlich noch labil ist, braucht der Alltag oft mehr Struktur als vorher. Völlig spontan in ein Wochenende hineinzuleben, kann dann schiefgehen. Deshalb ist es hilfreich, etwas vorauszudenken und sich ein paar Fixpunkte oder konkrete Vorhaben zu schaffen. Nicht um jeden Tag durchzuorganisieren, sondern um dem Leben vorübergehend ein Gerüst zu geben, das trägt. Mit zunehmender innerer Stabilität darf dieses Gerüst wieder lockerer werden. Selbstbeobachtung bedeutet dabei, genauer wahrzunehmen: Wann geht es mir gut? Wann wird meine Stimmung labil? Was baut mich auf, was kostet mich Energie?
Man muss also bei sich ankommen, bevor man auf Andere und Anderes zugehen kann?
Wenn ich besser mit mir selbst verbunden bin, meine Gefühle wahrnehme und fürsorglich mit mir umgehe, kann ich offener auf andere Menschen und auf die Welt zugehen. Umgekehrt können Begegnungen, Natur, eine erfüllende Tätigkeit oder ein neues Vorhaben wiederum die Verbindung zu mir selbst stärken. Deshalb fasse ich Verbundenheit sehr viel weiter als nur zwischenmenschlich. Es geht um die Verbundenheit mit mir selbst, mit meinem Tun, mit anderen Menschen und mit der ganzen Welt.
In Ihrem Buch geht es hauptsächlich um die Perspektive der Einzelperson. Braucht es auch gesellschaftliche Strukturen, die eine Mangelsituation auffangen?
Sicher können gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Leben von Alleinstehenden, als Beispiel, erleichtern oder erschweren. In meinem Buch liegt der Schwerpunkt aber bewusst auf dem, was wir selbst beeinflussen können. Denn auf gesellschaftliche Veränderungen haben wir als Einzelne nur begrenzt Einfluss. Umso wichtiger ist für mich die Frage, was kann ich in meiner konkreten Situation selbst tun, damit mein Leben gelingt? Das bedeutet nicht, gesellschaftliche Probleme kleinzureden. Es bedeutet vielmehr, die eigene Energie dort einzusetzen, wo ich etwas bewirken kann: im eigenen Alltag, in der Gestaltung von Beziehungen, in neuen Aufgaben, in Selbstfürsorge, Mut und der Suche nach Sinn. Der Schwerpunkt liegt ausdrücklich auf der persönlichen Entwicklung.
Neben dem Aufbau von niederschwelligen Austauschzirkeln planen Sie eine wöchentliche Podcast-Reihe zum Thema Alleinsein, die am 6. November startet. Was erwartet uns?
Die Grundlage für meinen «Solopodcast» ist das Buch «SOLO». Kapitel für Kapitel greife ich die Themen auf, erkläre und vertiefe sie – mit zusätzlichen Beispielen, aktuellen Befunden aus der Forschung, persönlichen Erfahrungen und Anregungen für den Alltag. Nach jedem Thementeil gibt es zudem eine Joker-Folge mit Fragen aus dem Publikum. Ich spreche dabei Mundart. Als Einstieg zur Reihe liegt für Interessierte bereits heute schon die «Folge 0 – Bevor es beginnt» vor. Das Programm für die ersten neun Freitagsfolgen des Podcasts ist ebenfalls bekannt. Die Hörsendungen sind kostenlos und können selbstverständlich abonniert werden.