Muttertag und Papitag

30.04.2026 | Helen Christen

Kolumnistin Helen Christen wünscht sich, dass der pathetisch aufgeladene Muttertag Mamitagen Platz macht – ganz nach dem Muster der Papitage, die quality time versprechen und uneingeschränkte Bewunderung.

Linguistin Helen Christen. Bild: Joseph Schmidiger
Linguistin Helen Christen. Bild: Joseph Schmidiger

Der Muttertag wird bei uns seit über hundert Jahren jeweils am zweiten Sonntag im Mai gefeiert. Der Tag in seiner heutigen Form geht auf die US-Amerikanerin Anna Marie Javis zurück, eine umtriebige Methodistin, die ihrer verstorbenen Mutter, Ann Maria Reeves Javis, gedenken und deren selbstloses Engagement ehren wollte. Reeves Javis hatte sich nämlich Ende des 19. Jahrhunderts als Wohltäterin für die Belange armer Familien und insbesondere für die Unterstützung von Müttern in prekären hygienischen und finanziellen Verhältnissen eingesetzt. Drei Jahre nach ihrem Tod widmet Tochter Anna Marie den Gedenkanlass am 12. Mai 1907 denn auch – wohl ganz im Sinne ihrer Mutter  – nicht allein Ann Maria, sondern allen Müttern.

Dass Floristen und Konditoren die Gelegenheit beim Schopf packten und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ganz uneigennützig die Popularisierung des Ehrentages beförderten, war Anna Marie Javis zeitlebens ein Dorn im Auge. Und so sollte ausgerechnet die «Mutter des Muttertages» ihr gesamtes Vermögen an den aussichtslosen juristischen Kampf gegen die Kommerzialisierung des Muttertages verlieren.

Was in methodistisch-christlichen Kreisen in den Vereinigten Staaten seinen Anfang nahm und als Anliegen durch den 1912 gegründeten Verein Mother’s Day International Association in die Welt getragen wurde, stiess in der Schweiz vorerst auf geringes Echo. Zwar engagierte sich die Heilsarmee für einen Ehrentag der Mütter, aber vor allem die Deutschschweizer Landeskirchen hatten dafür anfänglich wenig Gehör.

Auch hier waren es schliesslich Geschäftsleute, die einen zusätzlichen Absatzmarkt für ihre Blumen und Süssigkeiten witterten und dem Tag mit der entsprechenden Propaganda in den 1930er Jahren zum Durchbruch verhalfen. Schlimm für eine Anna Marie Javis. Aber es geht noch schlimmer: Die Vereinnahmung des Muttertages im Dritten Reich, wo die deutsche Mutter als Gebärerin arischen Nachwuchses aufs braune Podest gehoben wurde, war einfach nur schändlich.

Der Muttertag im 20. Jahrhundert – in der Schweiz ein sedatives Pflästerli, um steinzeitlichen Umgang mit Frauen und Müttern mit schönen Worten und einem Blumenstrauss zu bemänteln? Man bedenke, dass den Frauen bis über die Mitte des Jahrhunderts hinaus keine politischen Rechte zustanden. Dass Ehefrauen damals durch ihre Heirat in die Unmündigkeit katapultiert wurden (ohne Einwilligung des Ehemannes kein eigenes Bankkonto, keine Erwerbsarbeit!). Dass die minderjährigen Kinder von Witwen einem Vormund unterstellt wurden. Dass eine Mutterschaftsversicherung in weiter Ferne war. Und so weiter. War die hehre Ergriffenheit, die im Wort «Muttertag» mitschwingt, die wohlfeile Währung für ein Stillhalteabkommen, dass alles so weitergehen möge wie gehabt?

Und heute? Noch immer verhökern Supermärkte im Mai lieblose Blumen-/Schokolade-Dutzendware, einschlägig verziert mit Blümlein und Herzlein und Verslein. Noch immer muss sich das Lehrpersonal alljährlich für seine Schulkinder eine mutterherzerfreuende Bastelei einfallen lassen.

Neuerdings gibt es aber auch den Papitag. Der Papitag findet nicht jedes Jahr statt, sondern ein, vielleicht zwei Mal pro Woche. Es handelt sich um jene Tage, an denen die Väter für ihre Kinder zuständig sind (quality time!). Mit Papitagen ernten Papis uneingeschränkte Bewunderung und sie verdienen fraglos unseren Respekt, sorgen die Papi-Väter nämlich dafür, dass zementierte Vorstellungen, wie das Familienleben auszusehen habe, allmählich ins Wanken geraten. Der Bezeichnung «Papitag» geht allerdings das Pathos von «Muttertag» gänzlich ab, nein, sie verströmt nachgerade ein Fluidum von Lässigkeit und Kuscheligkeit, lässt an McDonald’s und den Tierpark Goldau, nicht aber an Bügelwäsche und triefende Kindernasen denken.

Seltsamerweise werden die übrigen Wochentage (zumindest meiner Erfahrung nach) nicht «Mamitage» genannt. Vermutlich deshalb, weil es erwartbare Alltage mit quasi genetisch verankerter mütterlicher Care-Arbeit (quantity time!) sind, die als Normalfall weder viel Aufhebens noch eine eigene Bezeichnung brauchen.

Dieser Text läuft schnurstracks auf sein Ende zu und auf den Wunsch hinaus, der eine Muttertag möge vielen Mamitagen Platz machen, diese nach dem Modell «Papitag» mit Streichelzoo, Badi und uneingeschränkter Bewunderung.

Helen Christen

Kolumnistin

Geboren 1956, ist in St. Erhard aufgewachsen und wohnt seit vielen Jahren in Luzern. Bis zu ihrer Emeritierung war sie Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg i. Ü. Das Interesse an der deutschen Sprache in all ihren Facetten prägt auch den neuen Lebensabschnitt.