Nicht die Welt gerettet, aber Tausende Leben
Geschichte und Wirken der Luzerner «SolidarMed» in den abgelegensten, ärmsten Landstrichen Afrikas sind spektakulär, wie ich bei der Arbeit für meinen neuen Dokfilm «Kein Weg zu weit» erfahren habe. Einer, der für «SolidarMed» in den Süden reiste, war der Luzerner Arzt Markus Frei.
Markus Frei ist 78 Jahre alt, da kann man sich gut ausrechnen, dass er als junger Student in den 1968er-Aufbruch geraten war. Während seines Medizinstudiums in Bern schlich er gelegentlich aus dem Sektionskurs hinüber in die Vorlesung des kämpferischen Soziologen Jean Ziegler. Und als er dann für «SolidardMed» 1981 nach Simbabwe reiste, in ein Land, das einige Jahre zuvor seine Unabhängigkeit erkämpft hatte und nun von einem revolutionären Geist bewegt war, reisten auch grosse Ideale mit: Hoffnungen auf das gute Gedeihen der Befreiungsbewegungen, da waren die Versprechungen eines neuen, besseren Menschen, nach Jahrhunderten des Kolonialismus sollte der Globale Süden endlich Gerechtigkeit erfahren.
Doch die Revolutionäre erwiesen sich bald als die neuen Bürokraten, später als korrupte Autokraten. «Wir haben, wohl ziemlich naiv, geglaubt, einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten zu können. Am Schluss muss man sagen, dass man wahrscheinlich dazu beigetragen hat, viel menschliches Leid zu lindern, die Müttersterblichkeit zu senken. Auf der individuellen Ebene haben wir wahrscheinlich einiges bewirkt. Doch verglichen mit der grossen Perspektive, die man anfänglich hatte, war es dann bescheiden.»
Arbeiten unter schwierigsten Umständen
Nun, von «bescheiden» würde ich nicht sprechen, wenn ich auf das Wirken der «SolidarMed»-Ärztinnen und -Ärzte zurückblicke. Oft leisteten diese unter schwierigsten Umständen in abgelegenen Landstrichen Unglaubliches, führten gelegentlich alleine grosse, minimal ausgestattete Spitäler, nicht selten in 24-Stunden-Schichten, wochenlang. Dabei konnte man auch ausbrennen. Kaiserschnitte, die Behandlung von Unfällen, Verarztung von Schussverletzungen, es gab kaum Ruhepausen.
Nein, die Welt konnten diese Afrika-Reisenden wohl nicht verbessern. Doch sie retteten Tausende Menschenleben an Orten, die von der übrigen Welt vergessen waren. Das Wort Held*innen mag etwas antiquiert, pathetisch klingen. Doch betrachtet man die Afrika-Biografien dieser Ärzt*innen, kann man diese Bezeichnung durchaus passend finden.
Als Markus Frei 1981 über Afrika flog, um in Simbabwe als einziger Arzt ein 130-Betten-Spital zu leiten, befielen den jungen Mediziner Zweifel: «Am Flughafen von Johannesburg fragte ich mich, ob ich dies überhaupt schaffen könne, ob ich nicht doch besser wieder den nächsten Swissair-Flieger nach Haus nehmen sollte.» Doch Frei blieb und brachte das St.-Theresa-Spital (mit einem Einzugsgebiet von 50'000 Menschen) drei Jahre als alleiniger Doktor über die Runden.
Der Kulturschock nach der Heimkehr
Nachdem Frei 1983 in die Schweiz zurückgekehrt war, erlebte er einen Kulturschock: «Dieser Überfluss, das hat mich erschlagen. Ich hatte keinen Kulturschock, als ich nach Afrika reiste, denn da war die Herausforderung so gross, man war dauernd beschäftigt. Der Kulturschock kam erst nach meiner Heimreise.»
1988 reiste Frei nochmals für «SolidarMed» nach Afrika, für drei Jahre nach Tansania ans Spital von Ifakara. Und hier wurde er nun mit Aids konfrontiert, der grössten Gesundheitskatastrophe der letzten 100 Jahre. Als er Mitte 1988 erstmals 15 Patienten auf HIV testete, war die Hälfte positiv: «Das erschütterte die Mitarbeiter im Spital enorm. Denn bis dahin war Aids etwas, von dem man zwar gehört, doch nichts direkt damit zu tun hatte.» Die Angst der Mitarbeitenden war so gross, dass sie anfänglich Aids-Infizierte aus dem Spital vertrieben.
Man begann Schwangere zu testen – und stellte fest, dass viele von ihnen vom Virus befallen waren. Frei geriet in ein Dilemma: «Eigentlich hätten wir nun den Ehemann informieren müssen. Doch da war das Problem: Wenn die Frau als erste das Testresultat erhielt, dann wurde sie vom Mann beschuldigt, ihn angesteckt zu haben.» Frei erlebte nun den gnadenlosen Sturm einer Epidemie, der Ärzte wenig entgegenstellen konnten, vor der es keine Rettung gab, sondern ein massenhaftes Sterben. «Wir haben dann eine Art Spitex eingerichtet. Wenn die Leute nach Hause gingen, haben wir ihnen Schmerztabletten mitgegeben und Tabletten gegen Pilzinfektionen, um ihnen das Leben etwas zu erleichtern. Doch eine Therapie gab es nicht. Für diese Patienten war der Testbefund ein Todesurteil.» Erst nach 2004 waren in Afrika günstige HIV-Generika-Therapien erhältlich.
Der erste Aids-Arzt in Luzern
1991 kehrte Markus Frei aus Tansania in die Schweiz zurück – und wurde zum ersten Aids-Arzt Luzerns. Es gab damals in Luzern kaum andere Ärzte, die mit Aids so vertraut waren. Aids-Kranke, die meisten aus der Drogenszene, waren zuvor nach Bern oder Zürich geschickt worden. Frei half, in Luzern Projekte für Aids-Betroffene aufzubauen.
Es waren belastende Erfahrungen: «Da starben Leute, die gleich alt waren wie ich. Viele hatten extrem versehrte Körper, andere mussten sich Beine amputieren lassen», zitiert der Journalist Pirmin Bossart Frei in einem Porträt, «ich habe unglaubliche Geschichten gehört und extreme Biografien kennengelernt.»
Nach 1997 hat sich die medikamentöse Behandlung von Aids stark verbessert. Heute lässt sich dank der Therapie mit einer HIV-Ansteckung normal leben. Vor 13 Jahren hat Frei seine Praxis an einen Nachfolger übergeben.
Rund 400 Ärzt*innen reisten in der Geschichte von «SoldiarMed» in den Süden – bis vor 20 Jahren, als die letzten Schweizer Mediziner*innen aus Afrika zurückkehrten. Die Arbeit in den lokalen Spitälern und in den mobilen Praxen wird seither von lokalen Fachkräften geleistet, ausgebildet und ausgestattet von «SolidarMed».
Walter Fust, ehemaliger Direktor des Deza (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), in vielen Projekten Partnerin von «SolidarMed», schätzte die Zusammenarbeit mit den «SolidarMed»-Ärzt*innen: «Diese waren nicht lautstark um Publicity bemüht, nie hatten sie das Gefühl, es den andern zeigen zu müssen. Es waren Schaffer, die dafür gelebt haben, woran sie glaubten.»
SolidarMed: Afrika-Hilfe aus Luzern
Vor 100 Jahren begann ein katholischer Verein im luzernischen Entlebuch den Missionsspitälern im südlichen Afrika Ärzte zu vermitteln. Heute befindet sich der Hauptsitz von «SolidarMed» an der Obergrundstrasse in Luzern. Von hier aus ermöglichen zwei Dutzend Mitarbeitende in Zusammenarbeit mit lokalen Fachleuten eine medizinische Grundversorgung für drei Millionen Menschen in acht Ländern Afrikas, in den ärmsten Landstrichen, wo niemand sonst hingeht. Das Katholische hat man schon vor 40 Jahren abgelegt. Und längst wird die Arbeit vor Ort von lokalen Mitarbeitenden geleistet, ausgebildet und ausgestattet von «SolidarMed»: Gesundheitsfachleute, Hebammen, Fahrer, IT-Spezialisten. Diese Weitergabe von Know-how und Verantwortung ist wohl die nachhaltigste Form der Entwicklungszusammenarbeit.
Der Film «Kein Weg zu weit» wird in einer Premiere am Samstag, 26. September, 11 Uhr, im Kino Bourbaki gezeigt. Eintritt frei, Anmeldung unter solidarmed.ch/film. Weiter Vorstellungen folgen in Zürich (21.10.), Basel (25.10.), Bern (28.10.) und Schaan FL (5.11.). Trailer zum Film.