Otto Karrer, Wegbereiter der Ökumene
(Fast) vergessen: Eine lose Serie über Luzerner Frauen und Männer, die aus dem Blickfeld geraten sind. Heute: Otto Karrer (1888-1976), der erste katholische Theologe, der in der Schweiz offen für die Ökumene eintrat, aber lange dafür kritisiert, geächtet und ausgestossen blieb.
Fast vergessen? Zumindest in diesem Herbst sollte das für Otto Karrer nicht gelten. Zu seinem 50. Todestag veranstalten die Kirchen Luzerns eine ökumenische Feier im Gedenken an den «Brückenbauer der Einheit» und in der Pauluskirche findet eine Ausstellung statt. Sie lädt dazu ein, an Otto Karrers ehemaliger Wirkungsstätte Leben und Werk dieses mutigen und visionären Theologen und Seelsorgers neu zu entdecken.
Für mich ist Otto Karrer zunächst eine ferne Erinnerung an meine Zeit als Ministrant in der Pfarrei St. Paul. Damals, in den Fünfzigerjahren, begegnete ich in der Sakristei immer wieder diesem freundlichen älteren Priester, der Hochdeutsch mit uns sprach. Der «Herr Pater Karrer» predigte fast jeden Sonntag, meist sogar zweimal in unserer Kirche. Diese Predigten mussten etwas Besonderes gewesen sein, zumindest im Spätgottesdienst um 11 Uhr war die Kirche fast immer auf den letzten Platz besetzt, denn es kamen auch Leute aus anderen Pfarreien, um «den Karrer» zu hören.
Offenes Haus am Steinhofweg
Ich wusste auch, dass er nicht wie unser Pfarrer und die Vikare im Pfarrhaus wohnte, sondern in einem Haus am Steinhofweg. Ehemalige Nachbarn dort erinnern sich heute noch an seine Haushälterinnen und an den bescheidenen Seelsorger im schwarzen Gewand, bei dem, so wusste man im Quartier, viele Menschen – nicht nur Katholiken – Rat holten.
Der Bauernsohn Otto Karrer wurde 1888 im südbadischen Dorf Ballrechten geboren, das damals eine katholische Insel im protestantischen Markgräflerland war. Dieses Spezifikum bot dem Jugendlichen eine frühe Chance für menschliche Kontakte über die damals strengen Konfessionsgrenzen hinweg. Das Gymnasium besuchte er in Freiburg im Breisgau. In Innsbruck, wo er Theologie studierte, trat Karrer 1910 in den Jesuitenorden ein.
Grosse Kirchenkrise
In seinen letzten Studienjahren sollte er als zukünftiger Ordenshistoriker Material sammeln für die 1923 vorgesehene Seligsprechung des für seine scharfe antiprotestantische Polemik berühmten Jesuitenkardinals Robert Bellarmi (1542-1621). Karrer wehrte sich dagegen, diese Konfessionspolemik zu rechtfertigen. Laut dem Luzerner Kirchenhistoriker Viktor Conzemius «befielen ihn Zweifel, ob die katholische Kirche mit ihrer damals strikt ablehnenden Haltung gegenüber andern christlichen Konfessionen die Kirche Jesu Christi sei». Er verliess den Jesuitenorden und trat überstürzt in die lutherische Landeskirche Bayerns und in das protestantische Predigerseminar in Nürnberg ein.
Nach drei Monaten kam es zum Bruch mit den Lutheranern. Karrer fühlte sich als Vorzeige-Konvertit missbraucht und kehrte reumütig zur katholischen Kirche zurück.
Die römische Kirche machte ihm die Wiederaufnahme jedoch nicht leicht. Zu den Jesuiten konnte er nicht zurück. Durch Vermittlung seines ehemaligen Novizenmeisters, der ihm nahestand, fand man eine Lösung in der Schweiz. Der Churer Bischof Georg Schmid von Grüneck nahm den verlorenen Sohn seinen Klerus auf. Messe feiern durfte er erst wieder nach einem Bussjahr bei den Immenseer Missionaren in Wolhusen.
Von Weggis nach Luzern
Das Recht, Beichte zu hören, blieb jahrzehntelang strittig. «Die Bischöfe in Solothurn und Chur rivalisierten in unendlichem Wettstreit, um einen so gefährlichen und von ihnen abhängigen Mann wie Karrer an möglichst kurzer Leine zu halten», schreibt Conzemius.
Da in jener für Karrer schwierigen Zeit der Kirchenkrise auch sein Vater starb und der väterliche Hof an Verwandte verpachtet wurde, zogen Mutter und Schwester zu ihm in die Schweiz, genauer nach Weggis. Karrer lebte von seiner publizistischen Arbeit, war auf Bibliotheken angewiesen. Da erwies sich Weggis, das primär mit dem Schiff zu erreichen war, als zu abgelegen.
Freunde rieten ihm, sich mit dem Pfarrer der noch jungen Luzerner Pfarrei St. Paul (gegründet 1912) in Verbindung zu setzen. Carl Ignaz Bossart war «ein im besten Sinn volksnaher Seelsorger», wie Karrers Biografin Liselotte Höfer schreibt. Bossart engagierte den 40-jährigen Priester spontan als Hilfsprediger und machte ihn zudem auf das Haus am Steinhofweg 20 aufmerksam, das auf Krienser Boden liegt. «Das Chalet unter den Eichen», so schreibt Höfer, «blieb fast fünfzig Jahre, bis zu Karrers Tod sein Heim.» Und fast vierzig Jahre predigte Otto Karrer in der Pauluskirche.
Unverstandener Pionier
Daneben war er ein erfolgreicher geistlicher Schriftsteller, er übersetzte das Neue Testament, eine seiner Glanzleistungen und ein Bestseller. Mit Werken wie «Das Religiöse in der Menschheit und das Christentum» (1934) dachte er das versöhnliche Verhältnis zu andern Konfessionen und Religionen weit voraus.
Seine Schriften hätten bei vielen Menschen Hoffnungen geweckt, aber auch viele Gegner fast magnetisch angezogen: Der «unverstandene Pionier», so der Kirchenhistoriker Conzemius, stand in seiner engeren Wahlheimat «unter der Wolke des Misstrauens». Kaum eine Schrift, die nicht von Denunzianten angegriffen und vor ein Tribunal gebracht wurde. Dabei spielten einzelne Professoren der Theologischen Fakultät Luzern und die Kirchenzeitung eine markante Rolle. 1942 wurde Karrers Buch «Gebet, Vorsehung und Wunder» nach Druck aus der Schweiz auf den Index gesetzt. Die Folge für Karrer war ein schmerzliches Predigt- und Vortragsverbot, das erst nach anderthalb Jahren wieder aufgehoben wurde.
Letztlich spiegelte sich in diesem Konflikt der Gegensatz zwischen der Enge des damaligen schweizerischen Ghetto-Katholizismus und dem Aufbruch zu einer weltoffenen Kirche, wie sie Karrer vorschwebte.
Für den hochgebildeten Intellektuellen Karrer wäre eigentlich eine Lehrtätigkeit naheliegend gewesen. Das kam angeblich wegen «der Rechtunsicherheit seines Status» weder an der Theologischen Fakultät in Luzern noch an der von Dominikanern dominierten Katholischen Universität Freiburg in Frage.
Triumph beim Konzil
Wirklich anders wurde es erst, als im Vorfeld des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) Karrers Ideen auf fruchtbaren Boden fielen. Es war für ihn eine späte Genugtuung, dass das Konzil viele seiner damals revolutionären ökumenischen Gedanken in offizielle Kirchendokumente übernahm. Karrer sei auf der Pressetribüne dabei gewesen, erzählt mir Nicola Ottiger, Honorarprofessorin für ökumenische Theologie an der Universität Luzern. Etliche Texte von ihm seien den deutschsprachigen Bischöfen und Kardinälen zugespielt worden. «Otto Karrer hat bestimmt die ökumenische Öffnung der Kirche beeinflusst, hauptsächlich durch seine tiefe Überzeugung, dass das, was uns verbindet, viel mehr ist, als was uns trennt.»
Nach dem Durchbruch seiner Anliegen im Konzil fand Otto Karrer allgemeine Anerkennung und 1963 eine späte Rehabilitation. Er war 75 Jahre alt, als er von Kardinal Ottaviani alle priesterlichen Rechte ohne Einschränkungen zurückerhielt. In seiner Wahlheimat erhielt Karrer 1965 den Innerschweizerischen Kulturpreis, an der Universität Tübingen das Ehrendoktorat. In Luzern wird sein ökumenisches Anliegen in den alljährlich stattfindenden Otto-Karrer-Vorlesungen der Theologischen Fakultät der Universität fortgeführt.
Offene Arme für Flüchtlinge und Emigranten
Zuvor, schon 1958, wurde ihm in Deutschland das Grosse Verdienstkreuz verliehen: «Für seinen mutigen und hingebenden Einsatz für Emigranten und Flüchtlinge während der Zeit des Nationalsozialismus». Karrer, der 1935 Schweizer Bürger wurde, bewies während der Nazizeit ausserordentlichen Zivilcourage. Er bezog in seinen Schriften und Predigten frühzeitig Stellung gegen Rassismus und Antisemitismus. Darüber hinaus benutze er seine Netzwerke, um zahlreiche vom Regime Verfolgte und Emigranten zu unterstützen.
- Ausstellung «Otto Karrer – Brückenbauer der Einheit» vom 14. November bis 8. Dezember 2026, Vernissage mit Apéro 18.30 Uhr, Pauluskirche, Luzern
- Ökumenische Gedenkfeier an Maria Empfängnis, 8. Dezember 2026, 15.00 Uhr, Hofkirche, Luzern