Von der Gefahr, das wahre Leben zu verpassen
Was macht man, wenn man im späten Leben das Gefühl hat, falsch gelebt zu haben? Kolumnistin Erika Frey Timillero findet in Literatur und Wissenschaft Antworten – auch tröstliche.
Vor einiger Zeit machte ich mit einer Freundin eine Wanderung auf der Rigi. Nach einer Weile blieb sie stehen und fragte aus heiterem Himmel: «Was würdest du machen, wenn du eines Tages feststellen müsstest, bisher das falsche Leben gelebt zu haben?» Ich fragte: «Wie meinst du das?»
Sie erzählte, ihr Cousin Pierre habe die plötzliche Erkenntnis gehabt, das wahre Leben verpasst zu haben. Anstatt sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, nach Kanada auszuwandern und dort eine Pferdezucht aufzuziehen, sei er in der Schweiz geblieben, habe eine Firma gegründet, etwas später geheiratet, zwei Kinder seien zur Welt gekommen. Als die Kinder erwachsen waren, seien sie ausgezogen, kurze Zeit später auch seine Frau. Jetzt sei er pensioniert, allein und wisse nicht, was er mit seinem restlichen Leben anfangen soll.
In den folgenden Tagen ging mir Pierre nicht aus dem Kopf. Hat man die Erkenntnis, das falsche Leben gelebt zu haben im fortgeschrittenen Alter wie Pierre, ist das schlimmer als in mittleren Jahren. Denn im besten Fall hat man noch genügend Zeit vor sich – und den nötigen Mut –, seinem Leben eine andere Wendung zu geben.
Ich überlegte, was für literarische Werke ich kannte, die von einem verpassten – oder vergeudeten – Leben handeln. Drei kamen mir in den Sinn: das Theaterstück «Onkel Wanja» von Anton Tschechow, der Roman «Homo Faber» von Max Frisch und der Roman «Was vom Tage übrig blieb» von Kazuo Ishiguro, übrigens kongenial verfilmt mit Anthony Hopkins als Butler Stevens.
Den Protagonisten der drei Werke ist gemeinsam, dass sie gegen Ende ihres Lebens – wie Pierre – feststellen müssen, das falsche Leben bzw. nicht wirklich gelebt zu haben:
- Tschechows Wanja fühlt sich von seinem bis anhin bewunderten Schwager und emeritierten Kunstprofessor Serebrjakow, für den er Jahrzehnte auf dem abgelegenen Familiengut als Verwalter gearbeitet hat, um sein Leben betrogen. Er glaubt, für etwas Besseres bestimmt gewesen zu sein.
- Der Ingenieur Walter Faber, für den zu Beginn des Romans Gefühle und die Natur nichts als lästig und unberechenbar sind, erkennt kurz vor seinem Tod, dass sein rationales Weltbild ihn an einem authentischen Leben gehindert hat.
- Und Stevens muss am Ende seiner Karriere als Butler einsehen, dass er in blinder Selbstverleugnung sein Leben vergeudet und sich dabei auch um die Liebe gebracht hat.
Wie können wir verhindern, dass wir eines Tages mit der Erkenntnis konfrontiert werden, das richtige Leben verpasst – oder vergeudet – zu haben?
Der vor drei Jahren verstorbene Schweizer Philosoph Peter Bieri, auch als Romancier bekannt unter dem Pseudonym Pascal Mercier, hat sich in dem 2011 erschienenen Buch mit dem Titel «Wie wollen wir leben» dem Thema des selbstbestimmten, authentischen Lebens gewidmet. Bieri schreibt: «Auch wenn unsere Innenwelt eng verflochten mit dem Rest der Welt ist, gibt es einen grossen Unterschied zwischen einem Leben, das uns nur zustösst, und einem Leben, in dem wir uns so um unser Denken, Fühlen und Wollen kümmern, dass wir sein Autor und sein Subjekt sind.»
Und der deutsche, in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa, dessen Forschungsschwerpunkte die Beschleunigung der Technik, des sozialen Wandels und des Lebenstempos sind, sagte in einer «Sternstunde Religion»-Sendung auf SRF: «Wir Menschen haben immer weniger Zeit. Damit geht eine Welthaltung einher, die auf Vergrösserung von Weltreichweite angelegt ist. Wir wollen uns die Welt zunehmend verfügbar machen.»
Rosas Rat zielt in eine ähnliche Richtung wie der des Philosophen Bieri, jedoch mit dem Blick des Soziologen auf die ganze Gesellschaft. Diese sei dem Steigerungsimperativ der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise unterworfen, die sich auch in den stetig wachsenden To-do-Listen und im persönlichen Optimierungswahn zeige. Dabei habe der Mensch eigentlich eine tiefgehende Sehnsucht nach einem anderen Welt-Erleben. Das Schlüsselwort heisst bei ihm Resonanz. Seine Resonanz-Theorie ist ein Gegenkonzept zur Entfremdung. Rosa sagt: «Um von etwas berührt oder gar ergriffen zu werden, müssen wir uns darauf einlassen. Erst in dieser Haltung des Hörens und Antwortens kann eine persönliche Verwandlung stattfinden.»
Wenn wir also bei allem, was wir tun, selbstwirksam sind und eigenverantwortlich handeln und uns um Resonanz bemühen, beugen wir Entfremdung vor und sind Autorin bzw. Autor unseres Lebens. Als solche laufen wir kaum Gefahr, eines Tages feststellen zu müssen, dass wir das wahre Leben verpasst haben, wie der Cousin Pierre oder die drei Protagonisten Wanja, Faber und Stevens.