Zugang zu denen finden, die nicht sichtbar sind

29.09.2026 | Hedy Bühlmann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Die Integrationsförderung der Stadt Luzern hat Mitte September zum 11. Netzwerk Treffen unter dem Titel «Gemeinsam älter werden – Alter und Migration im gesellschaftlichen Wandel» in die Schüür eingeladen.

Wie kann man ältere Migrantinnen und Migranten erreichen? Das Netzwerk-Treffen stiess auf grosses Interesse.
Wie kann man ältere Migrantinnen und Migranten erreichen? Das Netzwerk-Treffen stiess auf grosses Interesse.

In Zusammenarbeit mit der Luzerner Fachstelle für Altersfragen wurde ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Der Output der Veranstaltung soll Eingang in die städtische Integrationsförderung finden.

Dass das Thema bewegt, zeigte sich an den über 110 Interessierten, die sich für den Netzwerk Austausch in der Schüür trafen. Sibylle Stolz, Leiterin Quartiere und Integration betonte ausdrücklich, dass die Stadt Luzern «eine Stadt für alle» sei. Wo früher die erste Generation von Migrant:innen nach einem strengen Arbeitsleben noch in ihre Herkunftsländer zurückkehrte, zeigt sich heute eine andere Realität: ein Drittel der Migrantinnen und Migranten kehrt nach der Pensionierung in ihre Herkunftsländer zurück, die anderen bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig: ihr soziales Netz, ihre Familien und ihre Enkelkinder sind hier.

Dass der Übergang von einem intensiven Arbeitsalltag in die Pensionierung vieles auf den Kopf stellt, ist bekannt. Es gilt, diesen Alltag neu zu organisieren, auch um Isolation und Krankheit vorzubeugen. Die Fachstelle für Altersfragen bietet neben Quartiervereinen, Pro Senectute, Vicino, Viva, HelloWelcome, Kirchgemeinden, Caritas und unzähligen anderen Organisationen bereits ein erstaunlich breitgefächertes Angebot für die Bevölkerung 60plus an. Dass Migrant:innen 60+ diese Angebote wenig kennen und nutzen, ist ein offenes Geheimnis. Wie kann eine Stadt und deren Bevölkerung diese Situation verändern?

Migrant:innen besonders vulnerabel

In ihrem Input-Referat gingen Eva Walter und Sandra Carrere-Guesalga von Heks Zürich folgenden Fragen nach: wie ist die Situation der älteren Migrationsbevölkerung? Welche Bedürfnisse haben Migrant:innen im Alter? Wie können die bestehenden Angebote ältere Migrant:innen erreichen? Wie können wir die soziale Teilhabe fördern?

Die beiden Frauen aus Österreich und Chile stützten sich dabei auf Zahlen aus den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Genf.  Aus ihren Recherchen ging hervor, dass die Anzahl älterer Migrant:innen in den letzten Jahren zugenommen hatte.

Für die Stadt Luzern wurden 2024 folgende Zahlen für die ständige und nichtständige Wohnbevölkerung im Alter von 50+ und 65+ genannt: Damals wohnten 5791 Personen 50+ im Vergleich zu 1795 Personen 65+ in der Stadt. Aus heutiger Sicht würde sich die Anzahl der Migrationsbevölkerung in 15 Jahren verdreifachen. Die Referentinnen wiesen auch darauf hin, dass diese besonders vulnerabel seien und im Vergleich zur älteren Schweizer Gesamtbevölkerung häufiger an physischen und psychischen Beschwerden leiden würden.

Soziale Teilhabe über Begegnung fördern

Bestehende Dienstleistungen wie Pro Senectute erreichen die ältere Migrationsbevölkerung nur schlecht. Viele Migrant:innen leben zurückgezogen, fühlen sich einsam und allein. «Die Migrant:innen leben in zwei Welten. Da gibt es diesen Traum der Rückkehr in ihr Land, die sie schliesslich nicht schaffen», sagt Sandra Carrere-Guesalaga. Dies verstärke Versagensängste und Schamgefühle, was wiederum zu Rückzug führe. Zudem seien viele auch geprägt durch das Trauma als Geflüchtete.

Mit dem Programm «AltuM» in Zürich, Schaffhausen und Genf reagierte Heks konkret auf die Situation älterer Migrant:innen. «Damit die Migrant:innen erreicht werden können, braucht es Schlüssel- und Vertrauenspersonen, die die Sprache der Migrant:innen sprechen», betont Carrere-Guesalaga. Dabei könne sich das anfängliche Misstrauen in Neugierde verändern. Als konkretes Angebot nennt sie die wöchentlichen Café-Treffs in lockerer Atmosphäre, wo gesungen und Geburtstage gefeiert würden. «In den Cafés informieren auch Expert:innen zu rechtlichen - und Gesundheitsthemen, da die Migrant:innen kaum Zeit hatten, sich auf die Pensionierung vorzubereiten», fügt Eva Walter bei.

Erfahrung austauschen und voneinander lernen

Einen wichtigen Teil des Netzwerk-Treffens machte der engagierte Austausch zwischen den Fachpersonen aus. Sumitha Yogaraja stellte das Projekt Sangam von Vicino Luzern vor. Seit April 2026 leitet sie montags einen Treff im Zentrum Schönbühl, bei dem Tamilisch gesprochen werde. Es brauche Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Aber über die Muttersprache könne sie schneller mit den Leuten in Beziehung gehen. Sumitha ist erstaunt, wie offen die Menschen über den Alltag, ihre Sorgen und Freuden reden würden. Was treibt sie als junge Frau an, sich für den Treff ihrer Landsleute zu engagieren? Die Generation ihrer Eltern habe alles getan, ihren Kindern eine gute Ausbildung und Zukunft zu ermöglichen, sagt sie. Mit ihrem Engagement verfolgt sie zwei Dinge: die zweite Generation einerseits zu entlasten andrerseits aber auch deren vielfältigen Ressourcen ins Spiel zu bringen, so dass die Elterngeneration auch davon profitieren könne.

Stadträtin Melanie Setz hörte sich ebenfalls an den Tischrunden um. Sie beschäftigt, «wie Luzern eine Stadt für alle sein kann.» Eine Stadt, in der niemand abgehängt werde, in der unterschiedliche Bedürfnisse gehört werden, in der Selbstbestimmung gelebt werden kann. Für sie ist die Suche nach Gemeinsamkeiten der Stadtbevölkerung auch ein Ansatz, den Zugang zu denen zu finden, die nicht sichtbar sind.

Hedy Bühlmann

Redaktorin

Geboren 1958. Sie begleitet seit über 20 Jahren Frauen und Männer in ihrer beruflichen Entwicklung. Davor hat die frühere Journalistin über 13 Jahre lang in der Sahelzone gearbeitet und geforscht. Von Haus aus ist sie Germanistin und Publizistin, mit Nachdiplomstudium für Internationale Zusammenarbeit an der ETH Zürich.