Hitze ist ein «stiller Killer»

19.09.2026 | Beat Bühlmann

Für ältere Personen war dieser Hitzesommer lebensbedrohlich. Ab 33 Grad Celsius steigt das Sterberisiko für sie um 21 Prozent. Was müssen wir vorkehren, damit die ältere Bevölkerung die Hitzetage künftig überlebt – ohne sich in der Wohnung einkapseln zu müssen? Mit Klimaanlagen allein ist es nicht getan.

Mit genügend Wasser trinken ists nicht getan: Hitzeschutz ist auch eine Frage der Stadtplanung. Bild: magnific.com
Mit genügend Wasser trinken ists nicht getan: Hitzeschutz ist auch eine Frage der Stadtplanung. Bild: magnific.com

«Das Risiko von Hitzewellen und der damit zusammenhängenden Todesfälle wurde unterschätzt», sagte Andreas Berger, Chef des Rückversicherers Swiss Re, gegenüber der «NZZ am Sonntag». «Wir müssen das Bewusstsein schärfen für die damit entstehenden Gefahren.» Allein in den ersten fünf Wochen der Hitzewelle (Juni/Juli) starben europaweit 31‘800 Menschen mehr als in einem normalen Sommer. Mehr als 90 Prozent der Opfer waren über 65 Jahre alt. In der Schweiz betraf die Übersterblichkeit bis Ende Juli 357 Personen. Wie viele es bis zum Abflauen der Hitzewelle im September waren, ist aus der aktuellen Datenlage des Bundesamts für Statistik noch nicht ersichtlich.

Sterberisiko für Alzheimer-Patienten besonders hoch

Hitze sei ein «stiller Killer», sagte Jana Bühler vom Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut an der nationalen Fachtagung von Gerontologie CH in Bern. Ab 33 Grad Celsius steige das Sterberisiko für ältere Personen um 21 Prozent, für Alzheimer-Patienten sogar um 67 Prozent. 85 Prozent der hitzebedingten Toten, so Bühler, waren über 75 Jahre alt, betroffen waren insbesondere ältere Frauen. Im Kanton Tessin, der von der Hitze besonders stark betroffen war, galt diesen Sommer an 28 Tagen die Warnstufe 3, an 20 Tagen sogar die Warnstufe 4, das bedeutet «grosse Gefahr». Um die Hitzemorbidität bei älteren Menschen besser zu verstehen, läuft derzeit eine schweizweite Studie zu Hitze und Gesundheit. «Viele wissen zwar, dass sie mehr trinken und kühle Ort aufsuchen sollten, doch sie handeln nicht danach», sagte Bühler. Einige Kantone hätten – wie der Kanton Tessin – inzwischen Aktionspläne für die Hitzetage erlassen, «doch es bleibt noch viel zu tun».

Pflegeheime in Hochrisikozonen

Die Städte sind von der Hitzewelle besonders stark betroffen. So registrierten die Stadtklimatologen an der Laupenstrasse in Bern 36 Tropennächte, in diesen Nächten fiel die Temperatur nicht unter 20 Grad. An Schlaf ist dann kaum zu denken. Der Hitzesommer 2026 sprenge den bisherigen Rahmen, sagte Moritz Gubler von der Universität Bern. «Wir müssen die Farbskalen der städtischen Wärmeinseln ausweiten, wenn wir die Tropennächte weiterhin korrekt abbilden wollen.» Besonders gravierend ist, dass sich zum Beispiel in Bern vier von fünf Spitäler und zwei von drei Pflegeheimen in Hochrisiko-Quartieren befinden, also «Hitzehotspots» sind.

Trotzdem haben viele Spitäler, Schulen oder Altersheime noch keine vorbeugenden hitzeresistenten Massnahmen getroffen. Denn Hitzeschutz ist in diesen besonders gefährdeten Institutionen noch kein Standard. So gibt es vielerorts für das Personal keine kühlen Pausenräume, auch fehlt es an angepasster Berufskleidung. Am Inselspital haben die Notfälle in diesem Sommer bereits bei Temperaturen von über 25 Grad jeweils zugenommen. Dabei ist der Sommer 2026 erst ein Vorbote der Klimakrise. Wir müssen zunehmend mit intensiveren und länger andauernden Hitzeperioden rechnen.

Die alten Leute nicht einsperren

Nötig seien kühle, klimatisierte Räume in Pflegeheimen oder in Spitälern, wie Federico Peter, leitender Arzt der Tessiner kantonalen Gesundheitsförderung, ausführte. Der Südkanton überwacht Wetter und Gesundheit kontinuierlich, um die vulnerable Zielgruppe der 80plus an kritischen Tagen über lokale Schutznetzwerk rechtzeitig warnen zu können. Doch mit Klimaanlagen und schönen Ratschlägen allein ist der älteren Bevölkerung nicht geholfen. «Hitzeschutz ist auch eine Frage der Stadt- und der Raumplanung», sagt der Tessiner Mediziner.

Die älteren Menschen müssten nicht nur gegen die Folgen der Hitze geschützt, sondern auch in ihrer Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit bestärkt werden. Denn die lähmende Hitze gefährdet nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Gesundheit der älteren Generation. Vulnerable Personen sollen selbst an Hitzetagen ein selbstständiges Leben führen und nicht auf die soziale Teilhabe verzichten müssen. Es ist jedenfalls keine Option, die Alten wie zu Corona-Zeiten in ihren Wohnungen einzusperren oder in den Pflegeheimen zu isolieren.

Parkplätze aufheben, Schattenbäume pflanzen

Doch was kann die Stadtplanung tun, um gutes Altern in künftigen Hitzesommern zu gewährleisten? Es braucht klimatisierte Räume, etwa Bibliotheken, Quartiertreffs oder Supermärkte, die vulnerablen Personen gegen die Hitze schützen und ihnen gleichzeitig ermöglichen, am sozialen Leben teilzunehmen. Die Stadt Luzern hat in einem Präventionsprojekt 7700 Personen im Alter von über 75 Jahren angeschrieben und ihnen nicht nur telefonische Unterstützung angeboten, sondern 36 Rückzugsräume für Hitzetage aufgelistet (Massnahmen gegen Hitze: Verantwortliche zufrieden). In Barcelona, wo die Temperaturen auf über 40 Grad Celsius steigen und hundert tropische Nächte zu überstehen sind, haben die Behörden unzählige quartiernahe Klimarefugien eingerichtet, um der sozialen Isolation der älteren Bevölkerung entgegenzuwirken. So kommen sie trotz Hitze unter die Leute.

Damit der Aktionsradius der Alten an heissen Tagen nicht völlig zusammenschrumpft, musss der öffentliche Raum neu definiert werden. Auf die Kurzformel gebracht: Parkplätze aufheben, mehr Schattenbäume pflanzen. Die Stadt nicht zupflastern, sondern als sogenannte Schwammstadt auf die neuen Klimaverhältnisse ausrichten. Oder mit Tempo 30 die Lärmimmissionen reduzieren, damit die Fenster auch nachts geöffnet werden können. Heute leben rund eine Million Personen an lärmbelasteten Strassen, wo sie ihre Fenster gar nicht öffnen können. Jedenfalls dürfe man, so Stadt- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena, «vor lauter Hitzeschutz den Klimaschutz nicht vergessen». 

Klimaseniorinnen fordern konkreten Aktionsplan

Dafür werden auch die Klimaseniorinnen sorgen. Sie haben am denkwürdigen 9. April 2024 in Strassburg am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) mit ihrer Klage für mehr Klimaschutz in der Schweiz Recht bekommen. Die Schweiz, so das Urteil der Richter, tue zu wenig gegen die Klimaerwärmung und schütze insbesondere ältere Frauen nicht genügend gegen die gesundheitlichen Folgen der Hitze. Der Richterspruch hat das Schweizer Parlament nicht beeindruckt. Die bürgerliche Mehrheit übte sich vielmehr in Richterschelte und erklärte in einer Protesterklärung, sie werde dem Klimaentscheid keine Folge leisten.

Etwas weniger Selbstgefälligkeit wäre durchaus angebracht. Noch immer gibt es keine Lenkungssteuer auf Kerosin, der Flughafen Zürich meldet Rekordzahlen. Die Einführung von Tempo 30 wird vertrödelt oder behindert. Der Ausbau der Autobahnen und der Umfahrungsstrassen geht weiter. Der Treibhausgasausstoss des Verkehrs (ohne Flugverkehr) macht mehr als einen Drittel aus. Klimaschutz sei ein Menschenrecht, sagte die Klimaseniorin Pia Hollenstein an der Klimatagung in Bern, die Schweiz müsse jetzt einen umfassenden Aktionsplan ausarbeiten und darlegen, wie sie das 1,5-Grad-Ziel bis 2050 erreichen könne. Auf Ende Jahr steigen die Preise für den öffentlichen Verkehr um knapp 4 Prozent. Hilft das für die Verkehrswende?

«Trop chaud»: Wofür kämpfen die Klimaseniorinnen?

Im Rahmen der städtischen Veranstaltungsreihe «Lebensreise 2026» ist der Film «Trop chaud» zu sehen. Der Dokumentarfilm von Benjamin Weiss (CH 2025, 69 Min.) begleitet die Schweizer Klimaseniorinnen bei ihrem Kampf gegen die Klimakrise, den sie am Europäischen Gerichtshof für Menschenrecht in Stassburg ausfochten. Anschliessend findet ein Gespräch mit Rosmarie Wydler-Wälti statt, der Co-Präsidentin des Vereins «KlimaSenioren». 
Mittwoch, 28. Oktober 2026, 16 Uhr, im Stattkino Luzern, Bourbaki Panorama. Reservation 041 410 30 60 oder info@stattkino.ch

Beat Bühlmann

Beat Bühlmann

Gastautor

Geboren 1951. Er leitete von 2012 bis 2016 das städtische Projekt «Altern in Luzern», gehörte bis 2022 dem Ausschuss des Forums Luzern60plus an und engagierte sich während zehn Jahren in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus. Den MAS Gerontologie schloss er 2007 an der Fachhochschule Bern ab. Vor seiner Tätigkeit als Gerontologe arbeitete Bühlmann während 25 Jahren als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik.