Sicherheit ist mehr ist als ein Verkehrsreglement
Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden in der Stadt Luzern sind ein Dauerbrenner. Dass die Diskussion weitergeht und der Druck nicht nachlässt – dafür sorgen zwei Beiträge von Luzern60plus-Forumsmitgliedern.
Eine ältere Frau steht bei der Kapellbrücke und wartet.
An der Hand hält sie ein Kind. Velos fahren vorbei, E-Bikes schlüpfen durch Lücken, E-Trottinetts kreuzen ihren Weg. Niemand verhält sich regelwidrig. Und trotzdem kommt die Frau nicht über die Strasse. Nicht fehlender Mut hält sie zurück. Sondern fehlende Selbstverständlichkeit.
Genau darin liegt das Problem unseres öffentlichen Raums: Eine Stadt ist so sicher wie ihr verletzlichster Verkehrsteilnehmer – nicht wie ihr schnellster. Der sogenannte Langsamverkehr wächst rasant. Velos, E-Bikes und Trottinetts prägen zunehmend das Stadtbild. Das ist grundsätzlich erfreulich. Luzern soll velofreundlich sein – gerne noch velofreundlicher.
Gestalten statt verwalten
Doch mit der neuen Mobilität wächst auch die Verantwortung. Denn Geschwindigkeit ist messbar. Sicherheit hingegen ist fühlbar. Was sich unsicher anfühlt, wird gemieden. Und was gemieden wird, verdrängt Menschen aus dem öffentlichen Raum – insbesondere ältere Menschen. Die Bahnhofstrasse zwischen Seebrücke und Hotel Wilden Mann ist dafür ein Beispiel. Sie ist Teil der nationalen Velorouten von SchweizMobil. Auf dem Papier mag das sinnvoll erscheinen. Im Alltag erleben viele Menschen die Strecke jedoch als «Rennstrecke».
Stadtverkehr: Die Diskussion geht weiter
Die Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden in der Stadt Luzern sind ein Dauerbrenner. Gerade viele ältere Menschen fühlen sich durch neue Mobilitätsmittel wie E-Bikes und E-Trottinetts bedroht und verunsichert. Auch Velofahren kann lebensgefährlich sein, das zeigen mehrere tödliche Unfälle. Ein Anlass zum Thema Langsamverkehr, den das Forum Luzern60plus diesen Frühling veranstaltete, zeigte anschaulich die verschiedenen Ansprüche, die unterschiedlichen Zuständigkeiten und die neuralgischen Stellen auf. Die Diskussion muss weitergehen, der Druck auf Kanton und Stadt ebenfalls. Dafür sorgen zwei Beiträge, die zwei Forumsmitglieder im Anschluss an die Veranstaltung verfasst haben.
Livio Arfini, der die Veranstaltung moderiert hatte, plädiert engagiert für mehr Rücksichtnahme aller Beteiligten sowie für mehr Gestaltungswillen.
Ich danke den beiden Autoren für ihre pointierten und fundierten Beiträge, die dafür sorgen, dass das Thema im Gespräch bleibt.
Hans Beat Achermann, Redaktionsleiter luzern60plus.ch
Eine Projektgruppe des Forum Luzern60plus hatte der Stadt bereits 2022 konkrete Vorschläge unterbreitet, um die Situation für Fussgängerinnen und Fussgänger sicherer zu machen. Die Antwort der Stadt fiel ernüchternd aus. Man verwies auf «übergeordnete gesetzliche Vorgaben» und den beschränkten Handlungsspielraum.
Doch Verantwortung endet nicht an Zuständigkeitsgrenzen. Wenn Menschen sich im Alltag unsicher fühlen, reicht der Hinweis auf Vorschriften allein nicht aus. Politik und Verwaltung müssen nicht nur Regeln verwalten, sondern den öffentlichen Raum aktiv gestalten.
Erlaubt ist nicht immer angemessen
Gesetze setzen einen Rahmen. Sicherheit entsteht jedoch erst durch den Willen, diesen Rahmen im Sinne der Menschen zu nutzen. Gerade darin zeigt sich politische Verantwortung – und letztlich auch der Mut zur Gestaltung. Wer dort zu Fuss unterwegs ist, spürt schnell: Regeln allein schaffen noch keine Sicherheit. In Begegnungszonen sind 20 km/h erlaubt. Doch erlaubt bedeutet nicht automatisch angemessen. Für Kinder wirken 20 km/h schnell, für hochaltrige Menschen oft einschüchternd. Begegnungszonen sollten deshalb nicht signalisieren: «Hier darf man 20 fahren», sondern: «Hier hat Rücksicht Vorrang.»
Der öffentliche Raum ist kein Wettbewerb um Vortritt. Er ist ein Raum des Vertrauens. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Fussgängerinnen, Fussgänger und Velofahrende sind keine Gegner. Sie teilen denselben Raum. Sie wollen dasselbe: sicher und entspannt durch die Stadt kommen. Im Langsamverkehr gibt es keine Feindbilder – nur Menschen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, unterschiedlichen Bedürfnissen und unterschiedlicher Verletzlichkeit. Eine Stadt funktioniert deshalb nicht durch Rechthaberei, sondern durch Rücksicht. Nicht das Recht des Schnelleren darf den Ton angeben, sondern das Verantwortungsgefühl füreinander. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Paragrafen allein, sondern durch gelebtes Miteinander.
Sicherheit durch Rücksichtnahme
Der Soziologe Niklas Luhmann sprach von «brauchbarer Illegalität» – der Einsicht, dass Regeln ihren Zweck nur erfüllen, wenn sie verantwortungsvoll ausgelegt werden. Im Strassenverkehr ist dieser Zweck klar: Sicherheit. Doch vielerorts fehlt genau diese Kultur der Rücksicht. Velos auf Trottoirs, E-Bikes auf Fussgängerstreifen, Rotlichter, die ignoriert werden – vieles davon geschieht nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bequemlichkeit. Würde ein Autofahrer sich so verhalten, wäre die Empörung sehr gross.
Dabei geht es nicht darum, Verkehrsmittel gegeneinander auszuspielen. Es geht um Glaubwürdigkeit. Verkehrsregeln gelten für alle. Wo Regelverstösse folgenlos bleiben, verliert das Recht seine Verbindlichkeit – und die Sicherheit ihre Glaubwürdigkeit.
Für eine Kultur des Miteinander
Gerade deshalb braucht Luzern jetzt keine Polarisierung, sondern eine neue Kultur des Miteinanders.
Eine Stadt, in der Velofahrende Rücksicht nehmen, ohne ausgebremst zu werden.
Eine Stadt, in der ältere Menschen Strassen überqueren können, ohne Überwindung zu brauchen.
Eine Stadt, in der Kinder, Fussgängerinnen, Velofahrer und Autofahrer nicht gegeneinander denken, sondern füreinander Verantwortung übernehmen.
Besonders ältere Menschen spüren die aktuelle Entwicklung stark. In der «Age Friendly City»-Umfrage sagen viele klar, wo sie sich bedrängt und unsicher fühlen. Diese Stimmen verpflichten. Eine altersfreundliche Stadt erkennt man nicht an Strategiepapieren oder Leitbildern. Sondern daran, dass sich auch der langsamste Mensch selbstverständlich bewegen kann.
Vielleicht braucht Luzern deshalb weniger Zuständigkeitsdebatten – und mehr Gestaltungswillen. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer ist zuständig? Sondern: Wer übernimmt Verantwortung? Denn eine starke Stadt ist nicht jene, in der die Schnellsten ungehindert vorankommen. Sondern jene, in der auch die Langsamsten ihren Platz haben – ganz ohne Überwindung.
Sicherheit entsteht nicht durch Tempo.
Sicherheit entsteht durch Rücksicht.
Und Rücksicht beginnt dort, wo wir einander nicht als Hindernis sehen – sondern als Mitmenschen.