Stadt will Radfahrende schützen, Kanton bremst

18.06.2026 | Rolf Wespe (Text und Bild)

Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden in der Stadt Luzern sind ein Dauerbrenner. Dass die Diskussion weitergeht und der Druck nicht nachlässt – dafür sorgen zwei Beiträge von Luzern60plus-Forumsmitgliedern.

Velofahrende kommen in der Stadt Luzern unter die Räder. Hier wortwörtlich an der Kreuzung Taubenhausstrasse/Sälistrasse.
Velofahrende kommen in der Stadt Luzern unter die Räder. Hier wortwörtlich an der Kreuzung Taubenhausstrasse/Sälistrasse.

Das Kinderparlament der Stadt Luzern hat dem Kanton Luzern «die saure Zitrone» verliehen. Die Kinder verlangen mehr Sicherheit für Radfahrende, insbesondere auf der Seebrücke. Viele der über 60-Jährigen haben sich leise verabschiedet. Sie steigen nicht mehr aufs Rad.  Eine Generation wurde von der Strasse weggemobbt. Wer es trotzdem wagt, lebt mit dem Risiko. Drei Senior*innen wurden letztes Jahr in der Stadt Luzern überfahren und  getötet. Der Kanton Luzern ist für das Management der Hauptachsen zuständig. Wer sich in der Stadt bewegt, wer von einem Stadtteil in den andern will, muss auf die Hauptachsen. Auf diesen Strassen investiert der Kanton wenig für die Sicherheit der Radfahrenden. Drei Beispiele:

  • 2009 hat ein Lastwagen am Paulusplatz eine Radfahrerin getötet. Er bog ab, sie wollte geradeaus. Es fehlte ein sogenannter Velosack, ein Aufstellbereich für Velos, auf dem sich die Zweiräder sicher vor den Autos aufstellen können. Erst jetzt, 17 Jahe später, plant der Kanton einen Aufstellbereich für Velos. 17 Jahre brauchte der Kanton, um einen Farbkübel und einen Maler zu organisieren und einen Velosack zu signalisieren. Immerhin plant er jetzt eine komfortable Lösung. Für einen durchgehenden Radstreifen auf der Bundesstrasse weden Parkplätze aufgehoben.

Stadtverkehr: Die Diskussion geht weiter

Die Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden in der Stadt Luzern sind ein Dauerbrenner. Gerade viele ältere Menschen fühlen sich durch neue Mobilitätsmittel wie E-Bikes und E-Trottinetts bedroht und verunsichert. Auch Velofahren kann lebensgefährlich sein, das zeigen mehrere tödliche Unfälle. Ein Anlass zum Thema Langsamverkehr, den das Forum Luzern60plus diesen Frühling veranstaltete, zeigte anschaulich die verschiedenen Ansprüche, die unterschiedlichen Zuständigkeiten und die neuralgischen Stellen auf. Die Diskussion muss weitergehen, der Druck auf Kanton und Stadt ebenfalls. Dafür sorgen zwei Beiträge, die zwei Forumsmitglieder im Anschluss an die Veranstaltung verfasst haben.

Rolf Wespe geht in seinem Beitrag vor allem auf das blockierende Abschieben von Zuständigkeiten ein.

Ich danke den beiden Autoren für ihre pointierten und fundierten Beiträge, die dafür sorgen, dass das Thema im Gespräch bleibt.

Hans Beat Achermann, Redaktionsleiter luzern60plus.ch

  • Bei einem weiteren Unfallschwerpunkt, dem Bundesplatz, hat die Stadt die Geduld mit dem untätigen Kanton verloren. Die Stadt handelt allein und investiert 9 Millionen Franken in eine kreative Umfahrung. Eine originelle und sehenswerte Lösung: Eine Radfahrer-Galerie zwischen Gebäuden und den SBB-Gleisen. Der im Bau befindliche Radweg ist bei der Einfahrt in den Bahnhof Luzern vom Zug aus sichtbar. 
  • Die Stadt will mehr Sicherheit für die Radfahrenden auf der Seebrücke. Sie hat 2021 beim Kanton ein Gesuch für Tempo 30 eingereicht. Der Kanton prüft das Gesuch – seit fünf Jahren.

Die Seebrücke –  ein schwarzes Loch

Die vierspurige Seebrücke beim Bahnhof Luzern ist einer der meistbefahrenen Verkehrsabschnitte der Stadt. Der Kanton räumt ein, dass die Situation für Radfahrende hier «anspruchsvoll» sei. Velofahrer*innen sprechen von einem «Spiessroutenlauf». Sie sind zum Teil zwischen zwei Autospuren eingequetscht und werden von Autos, die die Spur wechseln, gestresst und gefährdet. Der zuständige Luzerner Stadtrat Marco Baumann will handeln. Der Umwelt- und Mobilitätsdirektor schreibt: «Der Stadtrat ortet einen grossen Handlungsbedarf auf dem Kantonsstrassenabschnitt zwischen Bahnhof und Luzernerhof, der von vielen Velofahrenden als unsicher empfunden wird. Der Stadtrat setzt sich deshalb schon länger dafür ein, dass die Bedingungen für die Velofahrenden auf der Seebrücke so schnell wie möglich verbessert werden.»

Die wohl beste Lösung wäre eine separate Fussgängerbrücke neben der bestehenden vierspurigen Autobrücke. Dann könnten auf den bisherigen Trottoirs Platz für Zweiräder geschaffen werden. Heute ist der Radstreifen 1,40 Meter schmal. Busse mit Tempo 50 donnern wenige Zentimeter neben der Lenkstange des Velos vorbei. Der Kanton hat ein Postulat für weitere Abklärungen erheblich erklärt. Die Velobeauftragte des Kantons, Lea Ketterer, verweist auf die Stellungnahme des Kantons (siehe Box unten). Es wird noch viel Wasser die Reuss hinunterfliessen, bis etwas Mutiges getan wird. Die Seebrücke wird ein schwarzes Loch bleiben, das alle Ansätze für Verbesserungen verschluckt. Sie macht Luzern zum Anti-Amsterdam für Radfahrende.

Weniger Tote bei Tempo 30

Das Chaos auf der Seebrücke wird durch Tempo 50 verschärft. Tempo 30 könnte mehr Sicherheit bringen. «Das Risiko, nach einem Aufprall mit Tempo 50 zu sterben, ist sechsmal so hoch wie bei Tempo 30», erklärt Patrizia Hertach von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) im «Tages-Anzeiger». Paris, Brüssel, Graz und Bologna haben innerorts Tempo 30 eingeführt. Norwegen hat in allen Städten das Tempo reduziert und Spanien reduziert das Auto-Tempo auf zweispurigen Strassen. Resultat: 37 Prozent weniger Tote, ermittelte eine Studie (Quelle: «Der Spiegel»).

Tempo 30 sei ein rotes Tuch für die bürgerliche Mehrheit im Kanton, sagt eine Kantonsrätin der SP. In Luzern politisiert der TCS-Verwaltungsrat und Nationalrat Peter Schilliger (FDP). Er ist der Chef-Lobbyist für Tempo 50. Er will nicht nur Luzern, sondern allen Schweizer Städten verbieten, in gefährdeten innerstädtischen Strassenabschnitten Tempo 30 einzuführen. Was sagt der kantonale Baudirektor, Fabian Peter? Er gibt keine konkrete Antwort (siehe Box unten mit allgemeiner Stellungnahme des Kantons).

Stadtrat Marco Baumann sagt, der Kanton lasse ihm wenig Freiraum. In einem Fall haben Kanton und Stadt erfolgreich zusammengearbeitet. Sie haben die Kreuzung Hirschengraben/Klosterstrasse vorbildlich saniert. Velofahrende können sich sogar mit Knopfdruck an der Signalanlage anmelden. 

Auf sicheren Routen «abgeschossen»

Die Stadt Luzern bietet attraktive, überregionale Velorouten an. Eine sichere und beliebte Verbindung: Luzern–Horw über das Freigleis, ein ehemaliges Bahntrassee, das jetzt von Velofahrer*innen und Fussgänger*innen genutzt wird. Probleme gibt es auf der Radroute von Kriens zum Kasernenplatz via Taubenhaus- und Bruchstrasse. Sie wird an mehreren Stellen von Autos überquert. Die Radfahrenden fühlen sich sicher – und werden von kreuzenden Autos «abgeschossen».

Die Arbeitsgruppe Langsamverkehr von Luzern60plus hat die Stadt auf diese Unfall-Schwerpunkte aufmerksam gemacht. Was unternimmt die Stadt? Dazu Stadtrat Marco Baumann: «Für diese beiden Unfallschwerpunkte (Taubenhausstrasse/Sälistrasse und Steinhofstrasse, Red.)  laufen bereits Studien für deren Behebung. Zudem werden derzeit zusätzliche Sicherheitsmassnahmen zur kurzfristigen Entschärfung geprüft. Auch für die Bruchstrasse hat die Stadt Sicherheitsuntersuchungen ausgelöst und ist daran, Massnahmen zu erarbeiten. Diese müssen mit dem Kanton abgeglichen werden.»

Nicht alle kennen sichere Routen

Wer auf dem Rad in der Stadt Luzern überleben will, bewegt sich nicht auf den Hauptachsen, sondern auf sicheren Nebenrouten. Die kennen nicht alle. Zwei der drei 2025 getöteten Radfahrenden könnten noch am Leben sein. Der Mann, der auf der Kreuzung beim Luzernerhof überfahren wurde, hätte vor dem Hotel Montana auf die Zinggentorstrasse abbiegen sollen. Die Frau, die auf der Maihofstrasse überfahren wurde, hätte via Libellenstrasse̶̶–Rotsee nach Ebikon fahren können. Beide kannten diese sicheren Umwege offenbar nicht.

Warum werden sichere Routen nicht markiert und bekannt gemacht? Stadtrat Baumann will sich auf Verbesserungen auf den Hauptachsen konzentrieren. Er reicht den Ball an den Kanton weiter: «Der Stadtrat setzt sich beim Kanton dafür ein, dass die Bedingungen für die Velofahrenden gerade auch an neuralgischen Stellen so schnell wie möglich verbessert werden. In der Stadt Luzern sollen alle gern, sicher und zuverlässig unterwegs sein. Dafür braucht es ein sicheres, durchgängiges Velo-Netz – vor allem auf Kantonsstrassenabschnitten.»

Totwinkel-Assistent

In den letzten 20 Jahren haben Lastwagen in der Stadt Luzern fünf Radfahrende im toten Winkel übersehen und getötet. 2025 haben Chauffeure zwei Radfahrer im toten Winkel übersehen und tödlich verletzt. Für neu zugelassene Lastwagen verlangt der Bund einen sogenannten Tot-Winkel-Assistenten. Der Bund könnte das auch von älteren Fahrzeugen verlangen. Was meint Bundesrat Albert Rösti dazu? Es fehle eine gesetzliche Grundlage, schreibt Uvek-Generalsekretär Yves Bichsel. Zudem sei die Zuverlässigkeit dieser Nachrüstsysteme bei alten Fahrzeugen schwer einzuschätzen. «Schwere Sachentransportfahrzeuge sind in der Regel nur sieben bis acht Jahre im Einsatz», schreibt Yves Bichsel. Irgendwann werden also die gefährlichen LKW aussterben.

Das sagt der Kanton: «Keine schnellen Lösungen»

Florian Weingartner, Leiter der Fachstelle Fuss- und Veloverkehr des Kantons Luzern, schreibt: «Uns ist bewusst, dass die Situation für Velofahrende in der Stadt Luzern an vielen Stellen herausfordernd ist und noch nicht den Ansprüchen an eine sichere und attraktive Infrastruktur genügt, die wir mit unserer Strategie erreichen wollen. Unser Ziel ist eine Infrastruktur, auf der sich alle Altersgruppen sicher fühlen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind noch viele einzelne Schritte notwendig. Strassenbauprojekte in dicht bebauten und intensiv genutzten Gebieten wie der Luzerner Innenstadt dauern generell mehrere Jahre. Es gilt eine Vielzahl von Interessen und Ansprüchen zu berücksichtigen und die daraus entstehenden Projekte in den entsprechenden politischen und rechtlichen Verfahren zu bestätigen. Deshalb sind für massgebliche Verbesserungen oftmals keine schnellen Lösungen möglich. Wann immer möglich, versuchen unsere Fachpersonen in der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur aber mit kurzfristigen Massnahmen gefährliche Stellen im Strassennetz zu beheben. Jede dieser Massnahmen wird sorgfältig geplant und umgesetzt. Es kann dabei auch vorkommen, dass die Prüfung ergibt, dass es grössere Anpassungen braucht, die nur im Rahmen eines Bauprojekts umgesetzt werden können.»

Rolf Wespe

Gastautor

Geboren 1947, Mitglied der Gruppe Langsamverkehr von Luzern60plus. Er fährt seit bald 50 Jahren Velo in der Stadt Luzern. Rolf Wespe war Redaktor beim «Tages-Anzeiger», beim Schweizer Fernsehen sowie Sprecher des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft. Als Studienleiter beim Medienausbildungszentrum MAZ bildete er angehende Medienschaffende aus.