
Kleine Ursache, fatale Folgen. Teppiche gehören zu den grösseren Sturzrisiken in der eigenen Wohnung. Bild: BFU
Achtung, Sturzgefahr!
Jedes Jahr sterben in der Schweiz 1600 Rentnerinnen und Rentner bei Sturzunfällen. Die grösste Gefahr droht nicht auf winterlichen Strassen, sondern in der eigenen Wohnung. Wie können wir Stürze verhindern?
Von Beat Bühlmann
Alles ging blitzschnell. Ich war auf dem Weg in die Stadt, überholte beim Museggturm Allenwinden ein japanisches Touristenpaar, übersah einen glitschigen Dolendeckel – und lag unversehens neben dem Trottoir auf der Strasse. Ich hatte Glück im Sturzunglück. Es kam zufällig kein Auto gefahren, die Verletzungen waren minim: schmerzendes Knie, Schürfungen an der Hand. Ich stand sofort wieder auf, wehrte die angebotene Hilfe dankend ab und tat so, als ob nichts passiert wäre.
AHV-Generation mit dem grössten Sturzrisiko
Sturzunfälle gehören im Alter zum Alltag. In letzter Zeit verging kaum eine Woche, ohne dass ich im Bekanntenkreis von einem Sturz hörte. A. stürzte auf der Strasse aufs Gesicht, musste notfallmässig zum Zahnarzt. M. fiel die Treppe hinauf, brach sich das Handgelenk. H. tat auf einer Bergwanderung einen Misstritt, fiel auf das Gesicht, musste in der Permanence verarztet werden. Die alleinstehende F., über 90 Jahre alt, stolperte über eine kleine Schwelle in der Wohnung: Oberschenkelhalsbruch, Spital, Reha, Übergangspflege. H. stürzte im Fitnesscenter auf der Treppe und kam mit dem Schrecken davon. I. glitt auf der letzten Treppenstufe aus, stürzte, brach sich das Handgelenk und musste notfallmässig zur Operation ins Spital.
Jährlich werden in der Altersgruppe der über 64-Jährigen rund 92'000 Sturzverletzungen medizinisch behandelt. Für 1600 ältere Erwachsene in der Schweiz endet der Sturz tödlich. Das sind 95 Prozent aller tödlichen Sturzunfälle, wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) festhält. Meistens ist der Kopf oder die Hüfte bei tödlichen Verletzungen involvierte. Weitere 7100 Seniorinnen und Senioren erleiden schwere Verletzungen. Laut BFU verursacht dies Kosten in der Höhe von 1,7 Milliarden Franken.
Denn jeder Sturz kann schwerwiegende Folgen haben: lange Spitalaufenthalte, eingeschränkte Mobilität, Verlust der Selbständigkeit. Besonders gefährlich für Menschen über 75 seien Hüft- und Schenkelhalsbrüche. «Nach einem solchen Bruch büsst jeder zweite Betroffene dauerhaft seine Beweglichkeit ein», erklärt Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie des Universitätsspitals Zürich, gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Jedes Sturzereignis müsse ernst genommen werden, auch der einfache Stolpersturz. «Stürze sind erste Zeichen einer beginnenden Gebrechlichkeit», sagt Bischoff-Ferrari.
Jeder zweite Sturz zu Hause
Etwa die Hälfte der Stürze ereignen sich im privaten Wohnraum. Kleine Absätze, fehlende Handläufe, Teppiche, Schlarpen statt Schuhe, Sturz von der Leiter, von einem Stuhl. «Besonders häufig stürzen ältere Menschen in Wohn- und Schlafzimmern, wo sie sich am meisten aufhalten», erklärt Eva Stocker, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der BFU, in der Pro-Senectute-Fachzeitschrift Psinfo. Auch im Badezimmer kommt es wegen nasser, rutschiger Böden oft zu Unfällen. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Sturzrisiko für Seniorinnen und Senioren extrem gross ist. Die körperliche und geistige Fitness lässt nach, die Sehkraft ist beeinträchtigt. Zudem begünstigen psychische Belastungen, chronische Erkrankungen oder Demenz Stürze im Alter.
Oft sind es Unachtsamkeiten, die im Alltag zu einem Sturz führen. Wenn ich eine Treppe benütze, nehme ich die Hände aus dem Hosensack. Wenn ich das Handy brauche, bleibe ich stehen. Wenn die Ampel von Grün auf Gelb wechselt, beginne ich nicht zu rennen. Und wenn ich nachts unterwegs bin, bevorzuge ich gut beleuchtete Wege. Oft unterschätzt: Alkohol und Medikamente, die das Sturzrisiko begünstigen. «Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass bestimmte Medikamente das Sturzrisiko erhöhen können, weil sie die Konzentrations- und Sehfähigkeit sowie das Gleichgewicht beeinträchtigen», betont Eva Stocker in einer Medienmitteilung der BFU. Dazu gehörten gewisse Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie einige Herz-Kreislauf-Medikamente. Dies umso mehr, als viele ältere Personen täglich mehrere Medikamente einnehmen.
Zahl der Sturzunfälle wird sich verdoppeln
Mit der alternden Bevölkerung werde die Zahl der Sturzunfälle weiter steigen und sich «in den nächsten 30 Jahren nahezu verdoppeln», prognostiziert die BFU. Angesichts solcher Perspektiven müsste die Prävention, bis jetzt eher vernachlässigt, viel stärker beachtet werden. Zum Beispiel durch mehr Sicherheit auf Treppen und in Wohnungen (etwa besseres Licht, Haltegriffe, weniger Schwellen und Teppiche, gutes Schuhwerk). Ohnehin empfiehlt die BFU älteren Personen das eigene Sturzrisiko anhand eines Fragenkatalogs zu klären. Bin ich in den letzten zwölf Monaten gestürzt? Halte ich mich beim Umhergehen zu Hause an Möbeln fest? Muss ich beim Aufstehen von einem Stuhl mit den Händen helfen?
Der zentrale Präventionsansatz ist ein regelmässiges Bewegungs- und Sporttraining, etwa in Fitnesszentren, Turnvereinen oder bei der Pro Senectute. Diese Angebote stärken Gleichgewicht, Beinkraft, Rumpfstabilität und mentale Fitness. Allerdings entspricht laut einer Analyse von 2024 nur ein geringer Teil der Angebote – bescheidene 15 Prozent – den Ansprüchen für ein attraktives, auf die ältere Bevölkerung ausgerichtetes Training. Die BFU unterstützt deshalb Anbieter, wenn sie die Qualität des Trainingsangebotes verbessern. Drei Viertel der älteren Personen liessen sich nämlich für ein solches Training gewinnen. «Dadurch schützt sich ein Teil der Bevölkerung wirksam vor Stürzen, ohne die eigenen Gewohnheiten ändern zu müssen.»
Besonders attraktiv für ältere Seniorinnen und Senioren ist die Rhythmik nach Dalcroze. Das ist eine Sturzprophylaxe, bei der sich die Frauen und Männer zu live gespielter Klaviermusik bewegen. Durch abwechslungsreiche Aufgaben zur Musik wird die Koordination und Denkleistung auf mehreren Ebenen gefördert. Laut Studien der Universitäten Genf und Basel erhöht diese Methode nicht nur die Gangsicherheit, sondern verbessert auch die Gehirnleistung.
«Die Rhythmik nach Jaques Dalcroze verbindet auf spielerische Art die Freude an der Bewegung, der Musik und am Zusammensein mit einem gesundheitlichen Nutzen für den Alltag älterer Menschen», sagt die Rhythmiklehrerin Diana Wyss. Sie unterrichtet am Musikschulzentrum Südpol gut ein Dutzend Frauen und Männer im Alter zwischen 70 und 88 Jahren. Mit Dalcroze, so die wissenschaftlichen Erkenntnisse, soll sich die Sturzgefahr halbieren.
Weitere nützliche Hinweise zur Prävention.
13. Januar 2026 – beat.buehlmann@luzern60plus.ch
Zum Autor
Beat Bühlmann (74) leitete von 2012 bis 2016 das städtische Projekt «Altern in Luzern». Er gehörte bis 2022 dem Ausschuss des Forums Luzern60plus an und engagierte sich während zehn Jahren in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus. Den MAS Gerontologie schloss er 2007 an der Fachhochschule Bern ab. Vor seiner Tätigkeit als Gerontologe arbeitete Bühlmann während 25 Jahren als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik.