
Meinrad Buholzer. Bild: Joseph Schmidiger
Anyway / Hemingway
Von Meinrad Buholzer
2024 mussten wir unseren Hund einschläfern lassen: Krebs in der Lunge. Wir vermissen ihn immer noch. Im letzten Jahr fand ich, es sei Zeit für einen Nachfolger. Mir fehlten die Spaziergänge. Fand im Netz einen sympathischen Husky-Mischling («für Senioren geeignet»). Wir gingen ins Heim, um ihn respektive sie anzuschauen. Als ich ans Gehege trat, kam sie angetrottet und schnüffelte an meiner Hand. Damit hatte sie mich schon um den Finger gewickelt.
Anyway heisst sie. Blöder Name. Ich nenne sie Hemingway, tönt fast gleich und sie akzeptiert es. Ein paar Leute wenden ein, Hemingway sei ein Männername. Echt jetzt? Es gab ja auch eine Mrs Hemingway respektive vier davon. Zudem stelle ich mir das Gesicht des alten Machos vor, wenn er mit seiner weiblichen «Inkarnation» konfrontiert würde.
Unsere Tierärztin glaubt nicht an die Husky-Hypothese, sie tippt auf Herdenschutzhund. Auch gut, sag ich mir, jetzt wo der Wolf kommt. Manchmal habe ich freilich den Eindruck, dass sie sich in ihrem Job unterfordert fühlt mit uns zwei Schafen, die zwar ziemlich selbständig, wenn auch in fortgeschrittenem Alter sind. Eine derart dürftige «Herde» ist vielleicht dem Selbstwertgefühl eines Herdenschutzhundes nicht gerade förderlich.
Hemingway hat sich gut eingelebt. Sie frisst uns aus der Hand. Ein ruhiger, ausgeglichener, unaufgeregter Hund – sieht auch so aus. Wir dachten, dass man dieses gutmütig dahin trottende Tier ruhig mal loslassen kann. Werch ein Illtum! Als die Leine gelöst war, rannte sie in einem Tempo davon, das wir bei ihr noch nie gesehen hatten. Rufen zwecklos. Ich rannte ihr nach. Sie schnüffelte am Waldrand (Februar, keine Leinenpflicht), warf stets einen Blick zurück, um sich zu vergewissern, dass ich noch nicht aufgegeben hatte. Kam ich aber in ihre Nähe, rannte sie 50 Meter weiter, immer wieder … Ihr Gesicht strahlte unverkennbar Freude aus. Für sie war es ein vergnügliches Spiel, für mich das erste Konditionstraining seit Monaten (oder waren es Jahre?). Schliesslich gelang es mir, sie wieder anzuleinen, als sie einen Kollegen traf, der sie interessierte.
Wir diagnostizierten latente Fluchttendenz. Bemerkte sie, die so träge herumlag und vor sich hindöste, eine offene Tür, war sie blitzschnell draussen, eh wir reagieren konnten. Und wieder signalisierten ihre Lefzen ein schadenfrohes Lachen. Im Tessin befreite sie sich zwei Wochen später selber: Wälzte sich auf dem Rücken (was sie gerne tut, und, wie ich ihr mittlerweile unterstelle, mit Absicht) und konnte so den Verschluss der Leine lösen. Dann ging sie schnurstracks auf eine Gruppe von vier kläffenden kleinen Hunden los. Das gibt Ärger, dachte ich, frisst gar einen zum Frühstück. Wieder falsch! Alle Hunde blieben friedlich und beschnüffelten sich hinten und vorn (mehr hinten als vorn, weil informativer).
Nach zirka zwei Monaten stellten wir fest, dass sie sich an uns gewöhnt hatte, dass sie vertrauter und vertraulicher wurde, dass die Fluchttendenz abnahm (Laiendiagnose). Als ich wieder mal mit ihr auf dem Hundsrüggen unterwegs war, Richtung Rathausen, traf ich auf zwei Männer mit zwei Hunden. Die Tiere beschnüffelten sich und wollten offensichtlich spielen. Ich dachte, versuchen wirs und liess Hemingway frei. Tatsächlich spielten die Hunde – leider nur kurz, dann verabschiedete sich Hemingway auf die gewohnte Weise. Ich versuchte ihr den Weg abzuschneiden, aber unser gemütlicher Hund war flinker. Beschwingt und schwanzwedelnd verschwand er in Rathausen, im Dorf der Stiftung für Schwerbehinderte.
Ich irrte suchend umher. Kein Hund! Schliesslich trat eine Frau aus einem der Häuser: «Suchen sie einen Hund?» Und dann traten ein paar Leute aus dem Haus, hielten Hemingway strahlend am Halsband. Kurz gesagt: Der Hund war in eine Wohngruppe eingedrungen, wo man am Kochen war (!). Alle freuten sich und waren begeistert über die unangemeldete Visite. Sie streichelten ihn und überhäuften ihn mit Lob, was er mit sichtlichem Wohlbehagen über sich ergehen liess. Am liebsten hätten sie ihn gleich behalten.
Jetzt überlegt sich Hemingway beim stundenlangen Dösen oder Meditieren, ob sie neben der chronischen Unterbeschäftigung als Hütehund für uns zwei alte Schafe nicht einen Nebenjob als Therapiehund annehmen soll.
19. Januar 2026 – meinrad.buholzer@luzern60plus.ch
Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten (LNN). 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten – der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.