Bildnis von Renward Cysat (Öl auf Holz eines unbekannten Malers, Ausschnitt). Bild: Kloster Engelberg

Serie «(Fast) vergessen»

Der erfolgreichste Secondo Luzerns

Er war so unglaublich neugierig, hatte so viel gemacht – geforscht, geschrieben, gesammelt –, dass man ihn fast als Luzerner Leonardo da Vinci bezeichnen könnte: Renward Cysat, ein Universalgelehrter ohne Studium.

Von Beat Bieri

Beruflich war Renward Cysat Stadtschreiber von Luzern, gemäss seiner Herkunft ein Secondo, der Vater Giovanni Battista Cesati stammte aus Mailand. Man weiss gar nicht, wie man die 69 Jahre dieses reichen Lebens in ein paar Zeilen zusammenfassen soll. Und fast misstraut man den Quellen, die das Bild eines Mannes zeichnen, der so viele unterschiedliche Interessen mit Obsession verfolgte, dass man leicht den Überblick verlieren könnte.

Cysats Vater betrieb in Luzern einen Kornhandel. Durch die Heirat mit einer einheimischen Ratsherrentochter gelang ihm der Einstieg in die Luzerner Gesellschaft. Der Vater starb früh, die Mutter wirkte nach einer neuen Heirat als Wirtin im Gasthaus Schlüssel. Doch reich war die Familie nicht. Es war nicht genügend Geld da, um Sohn Renward ein Studium zu ermöglichen. Immerhin durfte er in der Lateinschule im Hof Lateinisch lernen, das er bereits mit 12 Jahren sprach und schrieb. Es folgte eine Ausbildung zum Apotheker. Später konnte er die Apotheke am Weinmarkt erwerben.

Exotische Pflanzen auf der Musegg
Der Apothekerberuf war naheliegend, denn Cysat interessierte sich schon in jungen Jahren für Botanik, vor allem für Heilpflanzen. Und dafür wurde er weitherum bekannt, so dass ihm Pflanzen aus ganze Europa, sogar aus Südamerika zugeschickt wurden. Ein Gang durch seinen Garten oben an der Musegg, wo neben allerlei einheimischen Pflanzen auch exotische wuchsen, war, zumindest für diese Zeit, eine Weltreise durch die Botanik. Und all seine Beobachtungen hielt er in Aufzeichnungen fest, sammelte Pflanzen in Herbarien.

Seine Kenntnisse in der Heilkunde und seine Bemühungen, die Hygiene zu verbessern, flossen in eine Pestordnung, die er mit dem Stadtarzt verfasste. Und als Gichtgeplagter besuchte er all die Heilbäder, die es damals in der Innerschweiz in jedem Tal gab, nicht ohne seine entsprechenden Erkenntnisse schriftlich festzuhalten.

Gründer des ersten Luzerner Archivs
1570 wurde er Unterschreiber in der Stadtkanzlei. Doch da der eigentliche Stadtschreiber als Söldnerführer in Frankreich unterwegs war, wirkte er faktisch als Stadtschreiber, ein Amt, das er 1575 offiziell erhielt – und es bis zu seinem Tod fast 40 Jahre lang bekleidete. Er brachte Ordnung in die Akten Luzerns, viele davon waren im Wasserturm ungeordnet aufbewahrt, und er gründete das erste Archiv Luzerns. Der Lohn war allerdings nicht eben grosszügig: 28 Gulden, der Stadtarzt verdiente fast zehnmal mehr.

Stadtschreiber Cysat bildete mit dem Luzerner Schultheissen Ludwig Pfyffer ein machtvolles, erfolgreiches Gespann mit internationalen Kontakten nach Italien, Frankreich und Spanien. Cysat, dieser fromme Förderer des Katholizismus, holte zusammen mit Ludwig Pfyffer die Jesuiten und Kapuziner nach Luzern. Der Papst verdankte es ihm durch seine Ernennung zum römischen Pfalzgrafen. Mit seinem Bemühen, Niklaus von Flüe heiligsprechen zu lassen, kam er allerdings 400 Jahre zu früh.

Leiter der Luzerner Weinmarktspiele
Und da gibt es auch Renward Cysat, den Volkskundler und Theaterschaffenden. Er übernahm die Leitung der europaweit bekannten Luzerner Weinmarktspiele und verfasste dafür neue Texte. Vielleicht hätte es mit dem Projekt eines neuen Luzerner Theaters besser geklappt, wäre Cysat noch im Amt gewesen.

Renward Cysat war nicht zuletzt ein Chronist des Alltäglichen und Übersinnlichen, festgehalten in zahlreichen Notizbüchern. Er glaubte an Geister und liess diese von einem Priester aus seinem Haus vertreiben. Und mit einem Pfarrer stieg er mehrmals hoch zum geheimnisvollen Pilatussee, wo dem Vernehmen nach die Leiche von Pontius Pilatus versenkt worden sein soll. Mittels Exorzismus sollte bewiesen werden, dass dort kein Gespenst sein Unwesen trieb, dem die Stadtbewohner die bösen Pilatusgewitter zuschrieben.

Wo bleiben die Nachkommen?
Im Alter von 23 Jahren hatte Cysat Elisabeth Bossard geheiratet. Wie er es schaffte, neben seinen zahlreichen, oft monatelangen Reisen in Europa und seinen vielen übrigen Tätigkeiten 14 Kinder zu zeugen, darüber schweigen die Quellen. Doch was ist aus dieser üppigen Nachkommenschaft geworden? Im Telefonbuch der Schweiz ist kein einziger Cysat mehr zu finden. Immerhin erinnert in Luzern eine Cysatstrasse an diesen erfolgreichsten Secondo Luzerns.

Quellen:
- «Renward Cysat (1545-1614) – Leben und Werk», Heinz Horat
- «Cysat, Renward», Wikisource
- «Renward Cysat», Historisches Lexikon der Schweiz
- Staatsarchiv, Gregor Egloff

22. Februar 2026 – beat.bieri@luzern60plus.ch