Cécile Bühlmann. Bild: Joseph Schmidiger

Flucht in die Festung Europa

Von Cécile Bühlmann

Es war fast etwas gespenstisch: Ich habe bei strahlendem Sommerwetter vor praktisch leeren Stuhlreihen im Musikpavillon am Nationalquai während einer halben Stunde die Todesdaten und die Todesumstände von Flüchtlingen vorgelesen, die auf dem Weg in die Festung Europa ums Leben gekommen sind. Die Hoffnung, dass sich dadurch ein paar Menschen, die an der stark belebten Flaniermeile unterwegs waren, berühren liessen und innehielten, erfüllte sich kaum.

Die Aktion hiess «Beim Namen nennen». Sie wurde im Rahmen der Flüchtlingswoche 2022 durchgeführt und dauerte 24 Stunden. Während dieser Zeit wurden von verschiedenen Personen während jeweils einer halben Stunde mit dem Vortragen einer Liste von Toten an das Schicksal der Menschen erinnert, die auf ihrer Flucht ums Leben gekommen sind. Von insgesamt 44'000 Menschen hat man Kenntnis, wie viele es wirklich sind, wird die Welt nie erfahren. Nebst dem Vorlesen der Einzelschicksale der Toten wurden deren Namen von Freiwilligen und Vorbeigehenden auf weisse Zettel geschrieben und an kunstvollen Installationen aufgehängt. Es war eine eindrückliche Menge solcher Erinnerungszettel, die im Wind flatterten. Auch das hatte etwas fast Gespenstisches. 

Obwohl die Aktion «Beim Namen nennen» hiess, waren bei den meisten Verstorbenen die Namen unbekannt. Man weiss nur von ihrem Tod, weil ihre Leichen an Stränden oder in Flüssen gefunden worden sind oder weil Überlebende eines Bootsunglücks erzählten, wie viele insgesamt im Boot gewesen waren, bevor es kenterte. Auch die genaue Herkunft war bei vielen unbekannt. So stand denn auf der Liste, die ich vorgetragen habe, meistens nur das Todesdatum, beim Namen stand «unbekannt», bei der Herkunft «unbekannt» oder «Nahost, Subsaharisches Afrika, Syrien, Algerien». Dazu kam die Angabe ob Mann oder Frau und das ungefähre Alter. Es hatte auch Kinder darunter. Eine Liste des Grauens, die wir da vortragen mussten!

Eigentlich waren zwischen dem Lesen der Listen Statements von Menschen mit Fluchterfahrung vorgesehen gewesen, die meisten von ihnen zogen sich aber im letzten Moment zurück, weil sie der Mut verlassen hatte. Sehr verständlich, verfügen doch viele von ihnen über keinen gesicherten Aufenthaltsstatus und fürchteten negative Konsequenzen, wenn sie sich zu sehr exponieren.

Die Aktion «Beim Namen nennen» will aus der abstrakten Zahl von Toten erfahrbare Schicksale machen und diese Menschen vor dem Vergessen bewahren und ihnen mit der Benennung ihres leidvollen Todes ein Stück Würde zurückgeben. Dafür gebührt den Organisatorinnen grosser Dank. Denn die Menschen, die an den Aussenmauern der Festung Europas gestorben sind, werden gern vergessen. Ähnlich geht es auch denen, die diese Mauern unter grosser Gefahr überwunden und es bis zu uns geschafft haben. Sie werden schlechter behandelt als Flüchtende aus dem Ukrainekrieg, die eine grosse Solidarität der Schweizer Bevölkerung erfahren, was absolut lobenswert ist. Aber dass sie der Staat mit dem besseren Status S ausstattet als all die vorübergehend Aufgenommenen aus andern Kriegs- und Krisenländern, ist nicht glaubwürdig zu begründen. Statt nun, wie es die rechten Parteien fordern, auch für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine den Schutzstatus S zu verschlechtern oder gar abzuschaffen, muss im Gegenteil die Forderung lauten: für alle, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, braucht es den Schutzstatus S! Als ob es für Flüchtende eine Rolle spielt, wer sie bedroht, ob Putin oder die Taliban oder andere autoritäre Machthaber. Schmerz und Leid fühlen sich für alle gleich an! Deshalb müssen auch alle einen vergleichbar fairen und unbürokratischen Zugang zum Schutz bei uns haben. Sonst machen wir uns mitverantwortlich dafür, dass weiterhin Menschen auf gefährlichen Fluchtrouten umkommen, wie es den 44'000 Menschen ergangen ist, derer wir mit der Aktion «Beim Namen nennen» gedacht haben.

21. Juni 2022 – cécile.buehlmann@luzern60plus.ch


Zur Person
Cécile Bühlmann ist geboren und aufgewachsen in Sempach. Sie war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, zwölf Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 1995 bis 2007 war sie Vizepräsidentin der damals neu gegründeten Eidg. Kommission gegen Rassismus EKR. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Sie ist seit langem Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit 2013 ist sie pensioniert.