An der ausgebuchten Herbsttagung des Vereins Grossmütter-Revolution knüpften die 100 Teilnehmerinnen ein vielfarbiges Band als Zeichen der Verbundenheit trotz Differenzen. Bild: Irmgard Bayard

Solidarität in der Vielfalt

Wie kann weibliche Solidarität die Gesellschaft verändern? Angeregt durch die Lesung von Franziska Schutzbach aus ihrem Buch «Die Revolution der Verbundenheit» diskutierten  100 Frauen im Grossmütteralter im Lukas-Saal konkrete Möglichkeiten der Umsetzung.

Von Monika Fischer

Bei ihrer Begrüssung freuten sich die fünf Vorstandsfrauen des Vereins Grossmütter-Revolution mit einem Wortspiel über die Vielfalt der Frauen mit vielen Falten. Sie stellten den Verein, Plattform und Thinktank für alte Frauen, die sich einmischen wollen, kurz vor. Seit 15 Jahren setzen sich die Mitfrauen in selbst organisierten Arbeitsgruppen, Regio-Foren und an zwei jährlichen Tagungen mit Themen auseinander, die sie beschäftigen und stellen entsprechende Forderungen.

Dazu gehören eine bessere Anerkennung und Wertschätzung der volkswirtschaftlich bedeutenden Care-Arbeit, die vor allem von Frauen häufig unentgeltlich geleistet wird. Durch hartnäckiges Dranbleiben des Vorstands wird die Thematik im Dezember von Fernsehen SRF in verschiedenen Sendungen aufgenommen. Geplant sind auch schweizweite Aktionen am internationalen Care-Tag vom 29. Oktober 2026.

Die Abwertung von Care bedeute auch die Abwertung des Weiblichen, zeigte die Tagungsgruppe auf und betonte: «Frauensolidarität bedeutet harte Arbeit. Deshalb müssen wir lernen, die Verschiedenheit zu akzeptieren.» 

Revolution der Verbundenheit
Autorin Franziska Schutzbach erklärte, dass sie nach ihrem Buch über die Erschöpfung der Frau nicht bei Diskriminierungserfahrungen stehen bleiben wollte. Vielmehr war es ihr ein Bedürfnis, die Geschichte der Frau auch als Erfolgsgeschichte zu beschreiben. Denn die Frauen hätten sehr viel erkämpft und ermöglicht, immer und ausnahmslos durch die Verbindung verschiedener Frauen über Grenzen von Parteien und Konfessionen hinweg.

Die Lesung einzelner Kapitel aus ihrem Buch «Revolution der Verbundenheit – wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert» ergänzte sie mit zusätzlichen Erklärungen. Für die Gestaltung einer freien, friedlichen und gerechten Welt brauche es beides, den Kampf und die Verbundenheit. Letztlich gehe es immer um Beziehungsarbeit mit Care im Zentrum. Dies sei eine Gegenposition zur kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaftsordnung, die spaltet, weil sie über Konkurrenz und Wettbewerb funktioniert. Dabei werde ausgeblendet, wie viel Sorgearbeit nötig ist, damit die Produktion überhaupt stattfinden kann, seien doch Menschen von Geburt bis zum Tod zutiefst abhängig. Es gebe keine Freiheit ohne Bezogenheit.

Eindrücklich zeigte die Autorin auf, wie die Frauen in ihrer historisch geprägten, traditionellen Rolle, die sich im Abhängigkeitsverhältnis vom Mann für die Familie aufopfern, zu den härtesten Ausführerinnen des Patriarchats gehören. Dies zeige sich in Märchen wie Schneewittchen, Frau Holle, Aschenputtel usw., wo Frauen in Konkurrenz zu anderen Frauen stehen und einander gar vernichten wollen. Es sei eine schmerzhafte patriarchatskonforme Machtausübung, die bis heute in Rollenbildern von Mädchen und Buben nachwirke, Frauen spalte und die Solidarität unter Frauen immer wieder in Frage stelle.

Zu viel Harmonie erwartet
Im Gegensatz dazu hätte durch jahrzehntelanges Dranbleiben eine stille Revolution stattgefunden, indem sich Frauen jenseits der patriarchalen Strukturen organisierten, eigene Räume schafften, sich an eigenen Massstäben orientierten und Emanzipation ermöglichten. Doch sei der Zusammenschluss unter Frauen auch deshalb schwierig, weil zu viel Harmonie erwartet wird. Verbundenheit sei nicht gleich Harmonie, es gelte, miteinander ohne Abwertung im Streit zu sein.

Wichtig seien Frauengeschichten, zu erzählen, was Frauen als Individuen ausgemacht haben, über ihre Wünsche und Pläne schreiben. Für Frauen sei generell Gerechtigkeit wichtiger als Macht. So gehe es darum, anstelle von Enttäuschung, Rache und Zerstörung etwas Neues aufzubauen, eine eigene selbst organisierte Welt. Den Entwurf einer Gesellschaft, die auf Beziehung statt Konkurrenz und Wettbewerb basiert.

Vorstandsmitglied Veronika Bossard (l.) überreicht der Referentin Franziska Schutzbach den gemeinsam geknüpften Knopf als bleibendes Zeichen der Verbundenheit. Bild: Monika Fischer

Abschliessend wünschte Franziska Schutzbach dem Verein Grossmütter-Revolution, wie bisher im Einsatz für ein gutes Leben für alle weiterzumachen. Dies sei viel in dieser Zeit, wo viele Menschen ohnmächtig in Weltuntergangsstimmung verharren.

Starke Bande knüpfen
Nach dem köstlichen, vom Café Sowieso vorbereiteten Stehlunch diskutierten die Teilnehmerinnen in Gruppen darüber, wie sie sich trotz der vorhandenen Differenzen verbinden und sich auf Gemeinsamkeiten statt auf das Trennende konzentrieren können. Ein Reglement für Differenzverträglichkeit schaffen, war einer der Vorschläge. Mit gegenseitigem Respekt in Beziehung bleiben und vertrauensvoll versuchen, in Verbindung zu bleiben, lautete ein anderer. Es gelte, ausgehend von gemeinsamen Zielen, klar zu benennen, was nicht gut läuft, sich als starke Frauen gegenseitig zu ermächtigen, zu unterstützen und sich einzumischen, wo es nicht gut läuft.

Ein weiteres Statement entsprach ganz dem Manifest des Vereins Grossmütter-Revolution: Weitergehen auf dem eingeschlagenen Weg, mit dem Gemeinwohl von Mensch und Natur und der gelebten Mitmenschlichkeit im Zentrum, 
sensibilisiert bleiben, sich mit andern vernetzen und mit Taktiken etwas in Bewegung setzen im Hinblick auf eine sorgende Gemeinschaft für ein menschenwürdiges Leben aller.

Als Zeichen der Verbundenheit knüpften die Anwesenden zum Abschluss Bänder in vielen Farben zusammen, erfuhren im doppelten Kreis die Wärme und Stärke der Verbundenheit, an die sie ein zweifarbiger Knopf erinnern wird.

25. November 2025 – monika.fischer@luzern60plus.ch