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Meinrad Buholzer Foto: Joseph Schmidiger

Aus gegebenem Anlass

Von Meinrad Buholzer

Also sprach Greta: „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ Und siehe da, die Welt geriet in Panik, aber nicht so wie sich das Greta, ihre Anhängerschaft und ihre Adressaten vorgestellt hatten. Nicht das Klima, ein Virus brachte sie in Panik. Doch am Resultat müsste sich Greta freuen: Die Luftfahrt liegt am Boden, Reisen ist verboten, der Betrieb läuft auf Sparflamme; Ressourcen dürften geschont werden. Und es begab sich, in verblüffender Koinzidenz, dass die verordnete Enthaltsamkeit in die schon vergessen geglaubte Fastenzeit fiel.

So leben wir mittlerweile in einem lockeren Hausarrest. Ich muss gestehen, dass mir diese splendide Isolation im Moment keine Mühe bereitet. Schon seit Jahren bin ich im so genannten Ruhestand. Jetzt staune ich über die vielen (unfreiwilligen) Follower. Dieser Zustand hat durchaus problematische, ja desaströse Seiten für die Menschen in Wirtschaft und Kultur, für das Zusammenleben überhaupt – die Folgen sind noch gar nicht abzuschätzen. Aber er bietet auch Chancen, tatsächlich treibt der Erfindungsgeist schon erste Blüten.

So auf die eigenen vier Wände zurückgeworfen, kann sich im guten Fall die Phantasie entfalten. Nicht wenige Werke der Weltliteratur, beispielsweise, sind in Seuchenzeiten, in der Verbannung oder unter Hausarrest entstanden. Vier Beispiele, die mir spontan einfallen:

- Dante Allighieri schrieb seine „Divina Commedia“ (1307-1320), nachdem er in Florenz in Ungnade gefallen war und ins Exil flüchten musste.

- Giovanni Boccacios „Dekameron“ (1348-1353) ist eine Novellen-Sammlung, die unmittelbar nach der Pest von 1348 in Florenz entstanden ist und die damalige Situation vor Augen führt.

- Auch Niccolò Machiavelli war 1513, wie Dante, in Florenz gestürzt worden und lebte fortan im Exil; nach seinem Sturz schrieb er „Il Principe“.

- Schliesslich Galileo Galilei: Ihn hatte die Inquisition 1633 unter – einen allerdings relativ komfortablen – Hausarrest gestellt und dort schrieb er seine „Discorsi“.

Was mir nun auffällt (selbstverständlich gibt es noch unzählige andere Werke aus Verbannung und Arrest): Alle vier Beispiele stammen aus Italien, aus Florenz...

Und jetzt, im Corona-Jahr 2020, wieder Italien. Wieso eigentlich?

In Prato, gerade mal 25 Kilometer von Florenz entfernt, gibt es rund um die Via Pistoiese ein Quartier, das fast nur von Chinesen bewohnt wird; rund 20‘000 legal eingewanderte, tatsächlich sollen es zwei- oder dreimal so viele sein. Sie arbeiten in der Textilindustrie, für die Prato jahrhundertelang bekannt war. „Sie trugen das moderne China, die Sweatshops, nach Italien und zwar nicht nur in ein Kerngebiet europäischen Textilhandwerks, sondern geradewegs in dessen historisches Zentrum“, schreibt Thomas Steinfeld im Buch „Italien – Porträt eines fremden Landes“ (dem ich diese Information verdanke). Da sie unter sich leben und auch die Stoffe, die sie verarbeiten, aus China beziehen, ist es eigentlich eine durch und durch chinesische Industrie, aber selbstverständlich kann man die Produkte dieser Enklave – und dort liegt der Hund begraben – mit dem Etikett „Made in Italy“ und dem entsprechenden Mehrwert verkaufen. Italien ist laut Steinfeld heute das bevorzugte Auswanderungsland der Chinesen in Europa. Sie finden in den prekären Industriebrachen dort und in dem ohnehin fragilen Staat die optimalen Biotope, die sie sich ohne grosses Aufheben aneignen können (teilweise ohne Papiere, ohne Versicherung, ohne Gesundheitsvorsorge); 2019 lebten über 300‘000 Chinesen in Italien.

Und damit wären wir wieder beim Virus.
20. März 2020

PS. Aufgrund einer Leserreaktion muss ich annehmen, dass aus dem Text auf eine Schuldzuweisung gegenüber den Chinesen in Italien geschlossen werden kann. Um „Schuld“ aber geht es mir in dieser Kolumne nicht, eher um Phänomene, Koinzidenzen, Zusammenhänge, Verbindungen hinter vordergründigen Fakten und Informationen. Abgesehen davon, dass die Faktenlage noch zu dünn ist und zu vieles im Dunkeln liegt, um daraus bereits feste Schlüsse zu den Übertragungswegen des Virus zu ziehen.

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.