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BildGeschichte 02/2017

Niklaus & Antonius

Von Karl Bühlmann

Zwei Brüder im Geiste, der eine leibhaftig, der andere längst geheiligt, finden zusammen und sind Anfang Oktober 1984 guten Willens, sich von mir in der Jesuitenkirche in Luzern fotografieren zu lassen: Niklaus (Meienberg), Jahrgang 1940, Klosterschüler, Historiker, investigativer Journalist und wortgewaltiger Autor, zur Linken. Zur Rechten die Statue des Antonius (von Padua), Geburtsjahr des Heiligen zwischen 1188 und 1195, Franziskanermönch, Missionar, Kirchenlehrer und rhetorisch begabter Bussprediger, dem selbst die Fische zugehört haben sollen. Der eine ist Schutzpatron der Bäcker, Bergleute, Reisenden, Schweinehirten und Sozialarbeiter und wird gerne von jenen angerufen, die daran glauben, dass er beim Suchen nach dem verlegten Hausschüssel oder Portemonnaie helfen kann. Der andere liebt die Provokation, wird meist als Störenfried empfunden, weil er als schreibender Whistleblower über Vorfälle in der jüngeren Schweizer Geschichte recherchiert, über die bisher Mäntel des Schweigens ausgebreitet waren.

Die Foto entstand auf dem Rundgang mit Niklaus Meienberg, für die Serie „Als LNN-Gast in Luzern“. Die damals noch existierenden „Luzerner Neusten Nachrichten“ luden bekannte Persönlichkeiten aus der Schweiz zum Spaziergang durch die Stadt ein, und der begleitende Redaktor schrieb über die Beobachtungen und Kommentare des Gastes eine Reportage.

Fakten und Almosen

Die Wanderung mit dem Gast aus Zürich führt durch die Hertensteinstrasse, Weggisgasse zum Mühlenplatz. Gesprochen wird über den rührigen Tourismusdirektor Kurt H. Illi (Meienberg: „En wahnsinnige Siech!“), den Theologen Hans Urs Balthasar („Der war zu meiner Freiburger Studentenzeit noch progressiv“) und Stadtpräsident „Zack-Meyer“ („Den habe ich einmal verewigt, als er vor seinem Regiment auf dem Sempacher Schlachtfeld einen Kranz niederlegte mit der Inschrift ‚Dem Struthan Winkelried - Dein Meyer‘“). Auf dem Weinmarkt berichtet Meienberg von der Begegnung mit dem früheren Stapi Paul Kopp, der als Oberstleutnant eine militärische Exekution nahe der alten Hergiswald-Holzbrücke befehligte und ihm, Meienberg, gesagt hätte: „Es war eine saubere Hinrichtung“.

Die Totentanzbilder des Kaspar Meglinger auf der Spreuerbrücke interessieren den Gast besonders. Beim Anblick des Ritterfräuleins auf Tafel 21 kommen ihm Erinnerungen an die ehemalige Freundin und Professorentochter mit „von“ im Namen hoch. Er rezitiert laut die Inschrift: „Von Adels Zweig bin ich ein blum / In meiner veste blast mich um / der Tott gleich wie ein dürres laub / was von staub ist wird wieder staub.“ In der Jesuitenkirche wird zuerst der Rock seines Namensvetters von Flüeli-Ranft besucht, hierauf wünscht Meienberg vor dem Opferstock des Antonius fotografiert zu werden. Eine sinnvolle Konstellation denke ich: Niklaus Meienberg sammelt Fakten, mit Vorliebe über Reiche, der heiligen Antonius sammelt Almosen, fürs Brot der Armen.

Filet de Lapin, dazu Saint-Amour

Beim Mittagessen im „Raben“ bestellt der Gast ein „Filet de Lapin“ und sucht sich auf der Weinkarte zielsicher einen „Saint-Amour“ (Flasche 467 von 1‘200 Abfüllungen) aus. Seine Jacke will er unter keinen Umständen an der Garderobe aufhängen, „Nein danke, Fräulein“, sagt er zur nachfragenden Bedienung, „wissen sie, ich habe immer den Revolver bei mir.“ Die Hasenfilets unter den silbernen Cloches hätte grösser sein sollen („Da müssen wir gleich nachbestellen“), doch die Qualität findet er grossartig. Das tut er der Gastgeberin und berühmten Kochbuchautorin Marianne Kaltenbach auch kund: „Ich werde ihr Restaurant all meinen Freunden in Paris empfehlen“, um dann noch hinzufügen: „Aber die können sich das gar nicht leisten!“

Bald sind 33 Jahre seit dem Rundgang vergangenen, der Spaziergänger Meienberg ist seit 1993 tot. Im Zusammenhang mit der von ihm aufgearbeiteten Geschichte über den Hitler-Attentäter Maurice Bauvaud („Es ist kalt in Brandenburg“) hinterliess Niklaus Meienberg den Satz: „Tot ist einer erst, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert.“

Karl Bühlmann (1948), Historiker und Publizist, tätig in der Kultur- und Kunstvermittlung. Kulturredaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.