
Elvira Plüss: Rückblick auf der Bühne und im Gespräch. Bild: zvg
Bühne frei für ein «Landei»
Sie trat auf grossen Bühnen in Deutschland auf und spielte in erfolgreichen Filmen mit. Nächstens steht Elvira Plüss im Südpol auf den Theaterbrettern. Im Porträt erzählt sie aus ihrem Leben.
Von Hans Beat Achermann
Itri, der geliebte Border Collie, ist gerade ausser Haus bei Freunden, das Hundebett liegt leer auf dem Stubenboden. Wir sitzen am runden Holztisch, die Wände sind voller Kunst. Die alte Pendel-Standuhr schlägt gerade zwölf, Töne wie von einer Kirchenglocke. Später am Tag ist Probe. «Flügel am Fuss» heisst das Stück, das am 18. März 2026 im Südpol Premiere hat. «Zwei Frauen blicken zurück auf ihr gelebtes Leben, sprechen über Abschiede, Ängste, Erinnerungen – und über das, was bleibt.» So steht es im Programmflyer zum Stück, das Elvira Plüss zusammen mit Silvia Planzer und Ruth Oswalt entwickelt hat und in dem sie eine der beiden Frauen spielt, zusammen mit der 80-jährigen, in Basel lebenden Schauspielerin Ruth Oswalt.
Das Stück ist eine Produktion des Theaters Lilith, das Elvira Plüss zusammen mit Annelie Schönberger vor 20 Jahren gegründet hat. Frauenspezifische Themen wie Menopause, häusliche Gewalt oder politische Inhalte gelangten bei Lilith auf die Bühnen. Jetzt geht es um «eine berührende und humorvolle Auseinandersetzung mit dem letzten Lebensabschnitt».
Via Herisau nach Berlin
Doch jetzt wollen wir im Gespräch zurückblicken auf das reiche Leben der Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin und Tänzerin Elvira Plüss. In Luzern geboren, wuchs sie in Reussbühl auf. Ein «unerhört mutiger Pudel» ersetzte ihr die Geschwister. Der Vater, ein gebürtiger Aargauer, und die Mutter, deutschsprachige Freiburgerin, führten ein Transportunternehmen «Wir waren Aussenseiter im Dorf», erinnert sich die 72-Jährige. Bezug zum Theater gab es keinen, wohl aber Talent zu Spiel und Gesang hat sie vom Vater mitbekommen. Ein wenig Zirkus erlebte sie bei Tante Emma, Marktfrau in Herisau. Diese hatte «einen halben Zoo»: Papageien, Beo, Affen und eine deutsche Dogge, kalbsgross.
In Herisau studierte sie dann nach abgebrochenem Gymi German Dance bei Sigurd Leeder, es folgten eine Schauspielausbildung und Rollen in Berlin am Schillertheater. Das «Landei», wie sie sich selbst bezeichnet, war in der Grossstadt gelandet. Dann folgten Engagements in Hamburg, Göttingen und Freiburg. «In Göttingen und Freiburg kam ich zu den ganz grossen Rollen», sagt sie. Filmarbeit wurde ihr gleich beim ersten Angebot vergällt. Denn auch Elvira hat es erlebt, dass ein bekannter Filmregisseur nach dem Vorgespräch zum Engagement ein Doppelzimmer reservieren wollte. Angewidert lehnte sie Bett und somit Rolle ab. Auf Unrecht und Unverschämtheit kann sie bis heute recht ruppig reagieren.
Neues Standbein, grosse Liebe
Nach einem weiteren Studienaufenthalt in New York kehrte sie mit 34 nach Luzern zurück, im Gepäck die Frage: Wer bin ich und was will ich? Sie engagierte sich vorerst sehr in der freien Szene in Zürich. Doch die Aussichten auf eine existenzsichernde Zukunft waren gering. Es folgten eine berufliche Umorientierung und eine folgenreiche Beziehung. Zum einen absolvierte Elvira Plüss den dreijährigen Lehramtskurs, zum andern lernte sie 1988 ihre grosse Liebe kennen, den sozial engagierten und die Künste liebenden Arzt Heinz Hunkeler. Er starb nach 25 gemeinsamen Jahren 2013 an Leukämie.
«Heinz, wo bist du?», fragt Elvira plötzlich im Gespräch, schaut nach oben. Eine abschliessende Antwort hat sie nicht. «Wir wissen es einfach nicht, was nach dem Tod kommt.» Eine höhere Macht will sie nicht ausschliessen. «Es gibt auch beim kreativen Arbeiten Momente, in denen ich das Gefühl habe, dass eine höhere Instanz sich einschaltet und mich inspiriert», berichtet die quicklebendige und immer noch agile Schauspielerin.
20 Jahre lang hat sie an Primarschulen in Ebikon und Littau in kleineren Pensen unterrichtet, daneben Stücke für Kinder geschrieben und aufgeführt, was bei anderen Lehrpersonen nicht nur gut ankam, Neid provozierte und bis zu Mobbing führte.
Mehr Langsamkeit, mehr Tiefe
Seit zehn Jahren lebt sie wieder vorwiegend fürs Theater und geniesst die Freiheit machen zu können, was Lust macht. Mit ihrem Partner Anton Meier, dem Techniker, mit dem sie jetzt öfter Flughäfen besucht statt Kunstmuseen, war sie letztes Jahr auf einer Kreuzfahrt von Südengland bis nach Grönland, Island und auf die Färöer. Eine erstmalige Erfahrung, bevor es wieder ans Stückeschreiben und Proben ging.
«Natürlich wird im Alter vieles langsamer. Doch ich merke auch, dass ich jetzt in ganz andere Tiefen vordringen kann.» Das Spielen im Alter biete enorme Chancen. Einige hat sie genutzt: So spielte sie die Magalie im erfolgreichen Film «Die goldenen Jahre», auch im Luzerner «Tatort» war sie zu sehen, ebenso bei der TV-Serie «Wilder». Gerne hätte sie einmal in einem Film von Fredi Murer mitgespielt. Eine Anfrage gab es, «doch das Leben kam dazwischen». Für die Rolle im Kurzfilm «Fensterlos» (an der Seite von Sara Spale) erhielt sie 2019 den Innerschweizer Filmpreis. Sie liebe beides, Film und Bühne, genauso wie sie es liebt zu spielen oder zu inszenieren. Gerade Letzteres hat sie während 30 Jahren mehrmals und erfolgreich gemacht, mit motivierten Laien, in Giswil, in Malters, mit Profis in Luzern.
Abheben und ausreiten
In «Flügel am Fuss» wird sie nächstens wieder als Spielerin abheben, dem eigenen Stück Flügel verleihen. «Es ist nicht meine Geschichte, die ich erzähle. Natürlich ist Selbsterfahrenes drin. Es geht jedoch um allgemeine Themen, und auch der Humor kommt nicht zu kurz.» Der Tod ist dabei nicht ausgeklammert, auch in Elviras Plänen nicht. «Ich sage jetzt zwar häufiger: Wahrscheinlich ist es das letzte Projekt. Aber meist kommt dann wieder etwas Neues.»
Was vorerst sicher bleibt: Die wöchentlichen Ausritte mit dem Pferd Gina in Sempach und die täglichen Spaziergänge im Gütschwald mit Itri, dessen Name aus dem Berberischen kommt und übersetzt «Stern» heisst. Ein guter Stern soll auch über der Premiere stehen, oder wie man es Theaterleuten wünscht: Hals- und Beinbruch.
25. Februar 2026 – hansbeat.achermann@luzern60plus.ch