Diese Hände sprechen Bände: Mit ihnen verleiht Franco Ulloni alten Möbeln wieder Schönheit. Eine wichtige Zutat dabei ist Schellack, den der Antikschreiner selber herstellt.

Dem unvergleichlichen Glanz auf der Spur

Der Antikschreiner Franco Ulloni (69) ist noch immer mit Begeisterung in seiner Werkstatt in Reussbühl tätig. Wir haben ihn besucht und erfahren, was es mit dem Schellack auf sich hat. Und wir waren in seinem verträumten Garten nebenan zu Gast, den der 1967 aus Venedig Eingewanderte mit ebenso viel Liebe wie die Möbel bearbeitet. 

Von Eva Holz  (Text) und  Joseph Schmidiger (Bild)

Hier wird das Besucherauge sofort in Bann gezogen: Viele Handwerksutensilien lehnen und hängen säuberlich an den Wänden, darüber Gestelle mit kleinen Schubladen voller Zubehör, dazwischen Fotos, Gemälde und goldgerahmte Spiegel, weiter verspielte Preziosen aus vergangener Zeit, auf dem Boden ein markantes, hochragendes Barockbuffet, einige Holzstühle, die auf ihre Restaurierung warten, eine ausladende Kommode mit bunten Schubladen - und natürlich Arbeitstische. Auf einem stehen zwei dickwandige Flaschen, die Hälse ummantelt mit einer sonderbar geformten, eingedickten Schicht, im Innern eine trübe Flüssigkeit. Ist da vielleicht ein Alchemist am Werk? 

Franco Ulloni schmunzelt: „Hier handelt es sich um Schellack“. Schellack? Den Begriff setzt man doch in Zusammenhang mit den schwarz schimmernden Schallplatten, welche inzwischen aus den meisten Regalen verschwunden sind. Laut Wikipedia nutzt man diesen Lack aber nach wie vor u.a. im Musikinstrumentenbau, als Überzugsmittel (E904) bei Schokoladen-Dragées, als „Polster“ auf Metallteilen  - oder für die Veredelung von Holzoberflächen. Und schon sind wir mittendrin in Franco Ullonis Spezialität. Als einer der wenigen Antikschreiner verleiht er mit Schellack noch heute hochwertigen Möbeln den unvergleichlich sanften und zugleich tiefen Glanz. 

Das Rezept: Ausscheidungen von Schildläusen und Alkohol

Das Material stammt aus der Natur, genauer von Schildläusen, welche auf bestimmten asiatischen Bäumen siedeln. Deren Ausscheidungen verhärten sich zu einer schimmernden Art Harz in Form von kleinen Plättchen, die schliesslich von den Ästen gewonnen werden. Mit Alkohol verdünnt, entsteht daraus eine lackartige Flüssigkeit. Schel kommt aus dem Niederländischen und heisst Schale oder Schuppe. Die eingekauften rötlich-gelben Plättchen mischt Ulloni mit Alkohol selber zur perfekten Lack-Lösung. 

„Die traditionelle, Jahrhunderte alte Poliertechnik mit Schellack erfordert viel Übung und Erfahrung“, erklärt Franco Ulloni. „Ein venezianisches Handwerkersprichwort besagt, dass das Geheimnis nicht allein im wertvollen Fläschchen steckt, sondern vor allem in des Schreiners Ellbogen“, steht auf seiner Website vermerkt. Und wie das genau geht, macht der gebürtige Venezianer gleich selber vor. Aus der rundum verklebten Flasche neben sich träufelt er ein paar Tropfen auf eine zusammengerollte mit Leinen überzogene alte Wollsocke und reibt dann in behutsamen Kreisbewegungen den Schellack zur Illustration auf ein Stück Muster-Holz ein. Fünfzig bis hundert Mal führt er diese Bewegung mit sanftem Druck an gleicher Stelle aus bis die Oberfläche im gewünschten Glanz erstrahlt.

Weitere überraschende Zutaten: Knochenleim und Wurzelholzfurnier

Vor der Anwendung von Schellack muss ein antikes Möbelstück vorbereitet werden. „Zunächst kommt der alte Lack weg, was mit einer Klinge oder einem Schleifpapier passiert. Dann wird wo notwendig das Holz nachgebessert, bevor man es mit  einem Spezialöl `anfeuert‘ und so die Struktur optisch sichtbar macht. Erst jetzt erfolgt der geduldsame Finish mit Schellack.“ 

Natürlich funktioniert das Behandeln von Oberflächen heute mit synthetischem Nitrolack aus der Spritzpistole um einiges schneller. Dagegen ist laut Ulloni auch nichts einzuwenden. Antike Stücke aus Nussbaum, Kirschbaum, Mahagoni oder Rosenholz jedoch verdienen nach ihm die sorgsame Politur mit Schellack. In sein Repertoire gehören nicht nur auserwählte Möbelstücke verschiedenster Provenienz, nein, auch einen grossen schwarzen Flügel hat er von Hand neu mit Schellack poliert. Diesem wurden zuvor schwarze Pigmente beigemischt. Ein Foto an der Wand zeigt das schöne Instrument.

Neben der Applikation von Schellack führt Franco Ulloni in seiner Werkstatt andere Restaurationsarbeiten aus, wo immer möglich mit alt überlieferten Techniken und authentischen Materialien. Er ergänzt oder ersetzt Holz-Einlegearbeiten (Intarsien), frischt mit Öl Oberflächen auf; dabei kommen auch nicht alltägliche Mittel wie Knochenleim oder Wurzelholzfurnier zum Zug. Wer seine schönen, prägnanten Hände betrachtet begreift schnell, dass sie in diesem Spiel das Hauptwerkzeug sind.

Der verträumte südländische Garten hinter der Werkstatt

Eine weitere Augenweide ist der an die Werkstatt grenzende Garten. Durch eine grosse Tür betritt man unverhofft Franco Ullonis kleines Paradies im Freien mit Zierpflanzen, Beeren- und Gemüsestauden, Weinreben, einer Feuerstelle und einem langen einladenden Tisch. Alles pflegt er selbst und seine Oase versprüht ein warmes, südliches Flair. Kein Wunder: Franco Ullonis Wurzeln liegen in Venedig, wo er im Übrigen schon als Jugendlicher erste Einblicke in sein heutiges anspruchsvolles Handwerk gewann. 1967 kam der damals 16-jährige mit seiner Mutter in die Schweiz. Bald war er im Kanton St. Gallen in einem Schreinereibetrieb als Hilfskraft tätig. Später arbeite er in Luzern bei einem Antikschreiner und machte sich 1985 schliesslich selbständig. 1972 heiratete Ulloni die Ostschweizerin Elsa Stucki. Tochter Sandra kam 1979 zur Welt. Seit 1973 lebt das Ehepaar in Reussbühl/Luzern, wenige Gehminuten entfernt von der Werkstatt.

Grosse Freude hat Franco Ulloni an seinem sechsjährigen Enkelsohn, mit dem er immer wieder auch mal in venezianischem Dialekt spricht. „Doch Alvise sagt dann immer: Nonno, tuesch bitte normal rede!“, schmunzelt der Grossvater, der sich nach eigenen Worten genauso als Schweizer wie als Italiener fühlt.

Mit offenem Herzen der Zukunft entgegen

„Ich hatte viel zu tun und viel gearbeitet, zeitweise beschäftigte ich einen Mitarbeiter“, erzählt der heute 69jährige, den man noch immer drei bis vier Tage pro Woche in seiner Werkstatt antrifft. Polsterer hielten ihm anfänglich Arbeiten zu, mit der Zeit hatte er Kunden aus Nah und Fern, „darunter auch Schlossbesitzer.“ Und wenn einmal gerade nichts zu restaurieren war, schreinerte ich selber etwas.“ 25 Jahre lang führte Ulloni seinen Betrieb direkt an der Hauptstrasse, mit Schaufenster und Verkaufsgeschäft. 2014 hat er sein Lager im Hof dahinter zur Werkstatt gemacht und könnte sich – auch dank dem Garten – „keinen schöneren Arbeitsort mehr vorstellen.“ 

Über die Nachfolge mag sich der Antikschreiner nicht zu viele Gedanken machen. „Ich arbeite, solange ich Spass daran habe, dann schauen wir weiter.“ Doch: „Wenn ein junger interessierter Mensch kommt und sagt, dieses Handwerk möchte ich hier weiterführen, dann übergebe ich ihm die Werkstatt mit Freude.“ 

Franco Ulloni, Antikmöbel, Restaurationen, Schellackpolieren, Hauptstrasse 38, 6015 Luzern, 041 260 13 50, www.ulloni.ch; info@ulloni.ch

30.10.2020

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